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Life is too short for boring stories

Die Kaffeetasse in der Hand geht er die paar Meter vom Küchentisch zum Schreibtisch, um sich in sein Büro zu Hause zu begeben. Home Office nennt sich das Neudeutsch. Warum kann man nicht einfach heimatliches Büro sagen? Aber das ist nur eine periphere Frage, die ihn sofort wieder verlässt, weil eine andere Erkenntnis dazwischentritt. Eigentlich, so wird ihm klar, ist alles wie immer. Er steht in der Früh auf. So wie er es gewohnt ist. Wegen der Disziplin ist es, weil man sich nicht gehen lassen darf. Es ist schließlich nicht egal, ob man mit seiner Arbeit um acht oder neun beginnt. Das sind die ersten Zeichen des Schlendrians, die ohne Wenn und Aber dazu führen, dass man sich mit der Zeit nur mehr gehen und alle schleifen lässt. Das ist weder gut für die eigene Psyche noch für den Parkett. Deshalb sitzt er nach dem Frühstück auch zur gewohnten Zeit am Schreibtisch. Bloß, dass er die Wohnung nicht verlassen muss, um seinen Arbeitsplatz zu erreichen. Deshalb war er in den ersten Tagen auch zu früh dran, weil er vergessen hatte, dass er nur so einen kurzen Weg hatte.

Dennoch war im Grunde genommen alles gleich. Er frühstückte, setzte sich an den Schreibtisch und erledigte, was ihm zu erledigen gegeben wurde. Es hatte mit ihm nichts zu tun. Weitab von irgendwelchen Bedürfnissen oder Betroffenheiten, machte er Dinge, die zu machen waren, ohne dass es ihn etwas anging. Acht Stunden, nur unterbrochen durch eine Mittagspause, die er peinlichst genau einhielt. Peinlichst genau, wie alle anderen selbstgedrehten Regeln, die er aus seinem bisherigen Leben mitgenommen hatte. Natürlich waren da auch noch die Arbeitskolleg*innen, die er nun nicht sah. Ein kurzer Smalltalk zwischendurch, ein Lächeln, wenn es passierte, aber ansonsten waren ihm die Menschen, mit denen er die meiste Zeit verbrachte, durchwegs fremd. Man kommt in der Früh an, erledigt seine Aufgaben und hastet nach Hause. Es bleibt nicht mehr viel vom Tag, wenn man acht Stunden arbeitet, die Mittagspause, den Weg zur und von der Arbeit nicht gerechnet. Dann fährt man zu Hause im selben Trott fort. Pünktlich um fünf Uhr legt er den Stift zur Seite, schaltet den Computer aus und geht die paar Schritte aus dem Beruf in die Freizeit. Auch das ist wie immer. Nur, dass er seine Isolation nicht mehr dadurch verbergen kann, dass er sich unter die Menschen auf der Straße mischt, in den Geschäften, im Café. Man begibt sich unter Menschen, weil man einer unter vielen sein will, unauffällig und fügsam. Da ist man unter seinesgleichen und es fällt nicht auf, dass man eigentlich alleine ist. Man setzt sich ins Café, um seinen Mokka dort zu trinken, statt zu Hause, weil man sich ein wenig davon ablenken kann, dass es letztendlich völlig egal ist. Man löst sich auf in der Menge, im Gewimmel auf der Straße, die nur Unaufmerksamkeit kennt. Dann geht man nach Hause und dreht den Fernseher auf, um sich zu unterhalten. Bloß nichts Anstrengendes. Schließlich möchte man sich von den Problemen des Lebens ablenken. So wechselt er von einer Unbewusstheit in die nächste, von einer Leblosigkeit in die andere. Damals fiel es nicht auf. Man konnte sich unter all den anderen verstecken, die genauso unbewusst und leblos sind, wie man selbst. Man lehnt sich zurück und konsumiert. Die Unterhaltung, die Produkte, die Arbeit und selbst die anderen Menschen. Es ist ungehörig, sich allzu sehr einzulassen, emotional oder empathisch zu sein. Konsument*innen, die wir sind, engagieren sich nicht, sie bleiben unbeteiligt. Es war immer so. Nur jetzt, da er alleine ist, jetzt wird es ihm bewusst. Völlige Berührungslosigkeit, generelle Apathie und dennoch eine grenzenlose Appetitlosigkeit. Er hat ihn verloren, auch auf das Leben, auf die Liebe sowieso. Es wäre hinderlich. Sich engagieren, sich bemerkbar machen. Aber so, wie das Leben ihn nicht tangiert, tangiert er das Leben nicht. In der Bewusstwerdung liegt die Möglichkeit. Es zu ändern oder zu beenden. Was sollte er anders machen? Er sieht keine Alternative. Es ist einfacher mit den Schultern zu zucken und sich von einem Leben zu verabschieden, das schon lange, schon fast immer, ein ungelebtes ist. Es ist Feierabend. Deshalb kann er es sich leisten, sich ein Glas Whiskey einzuschenken. Dann zerstampft er penibel zwei Packungen Schlaftabletten und löst sie in der bräunlichen Flüssigkeit auf. Er setzt gerade an, es zu trinken, als die Klingel ertönt. Er erwartet nicht. Auch niemanden. Dennoch steht er auf, um die Türe zu öffnen. Es wird wohl nicht wichtig sein. Den Whiskey kann er danach immer noch trinken. Es hat keine Eile. Jetzt hat nichts mehr Eile.

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