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Life is too short for boring stories

Ein Blick auf die Uhr ließ mich aufatmen. Eine ganze Stunde hatte ich noch Zeit zu arbeiten, bevor Du aufstehen würdest. Deshalb schrieb ich weiter, als mich Deine Stimme aufhorchen ließ.

„Guten Morgen“, sagtest Du.

„Wieso bist Du schon auf?“, fragte ich, ein wenig irritiert.

„Das nenne ich doch einmal eine nette Begrüßung am frühen Morgen“, meintest Du schnippisch, „Da bin ich extra früher aufgestanden, damit wir noch etwas besprechen können und dann das. Aber das ist nur eine weitere Bestätigung dafür, dass meine Entscheidung die richtige ist.“

„Was denn für eine Entscheidung?“, erwiderte ich, während sich meine Irritation in Verständnislosigkeit wandelte.

„Ich werde Dich verlassen“, sagtest Du nun gerade heraus.

„Gut“, erwiderte ich, während ich mich wieder den Laptop zuwandte und mir dachte, dass ich nun noch länger arbeiten konnte, weil ich kein Frühstück machen müsste. Oder sollte ich das vielleicht gerade deshalb tun?

„Das ist alles, was Du zu sagen hast?“, fragtest Du, nun ebenfalls irritiert.

„Nein, ich frage mich, ob ich noch Frühstück machen soll, bevor Du gehst. Ich bin nicht so geübt darin“, erwiderte ich.

„Das ist alles, was Dich interessiert? Nach all den Jahren?“, fuhrst Du jetzt auf, obwohl Du genau wusstest, dass ich laute verbale Äußerungen nur schwer ertragen konnte, „Willst Du denn gar nicht wissen warum ich Dich verlasse?“

„Ist das wichtig? Genügt nicht die Tatsache?“, erwiderte ich, ehrlich überrascht, „Aber nachdem Du es mir offenbar erzählen willst, dann mach es.“

„Du bist eigentlich eine tolle Frau und eine super Freundin“, meintest Du, ganz alte Schule, „Wenn ich Dich brauchte warst Du immer für mich da, aber jetzt scheinen Dich nur mehr Deine Aktivist*innen und Deine Aktivitäten zu interessieren. Immer geht es nur um die depperten Viecher und ich bleibe auf der Strecke.“

„Das hast Du aber von Anfang an gewusst, dass ich Aktivistin bin“, erwiderte ich, „Oder hast Du gemeint, Du kannst mich ändern? Dass ich das nur mache, bis ein Mann in mein Leben tritt, den ich rundherum bedienen kann?“

„Ein bisschen zumindest“, erklärtest Du vage.

„Dann hast Du Dich geirrt“, sagte ich, „Das ist nicht etwas, was man nebenbei auch macht, sondern was einen prägt. Unsere nichtmenschlichen Mitlebewesen brauchen unsere Hilfe. Du kannst Dir selbst helfen.“

„Und das nimmst Du jetzt einfach so hin? Willst Du denn nicht um mich kämpfen?“, fragtest Du, meine Antwort geflissentlich überhörend.

„Ich kämpfe nie“, erwiderte ich, „Wenn Du gehen willst, dann musst Du das tun. Ich kann Dich nicht aufhalten. Du hast eine Entscheidung getroffen, nun trag sie auch durch.“

„Aber für die Tiere kämpfst Du?“, fuhrst Du dazwischen.

„Nein, ich kämpfe nicht. Kampf ist immer mit Verlusten gekoppelt. Es gibt nur Verlierer“, versuchte ich zu erklären, „Ich stehe für ihre Rechte ein, ich erhebe die Stimme für sie, ich setze mich neben sie, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, ich trete für sie ein, ich erzähle ihre Geschichte, die Geschichten von Ausbeutung, Leid und Tod, doch ich kämpfe nicht, denn wenn ich kämpfe, dann verursache ich Leid. Genau das, was ich verhindern möchte.“

„Meinst Du nicht, dass Du es Dir ein wenig zu einfach machst?“, fragtest Du, „Du mit Deinem weichgewaschenen Pseudoesoterikschmarrn. Love and Peace. Das hält man doch nicht aus. Man kämpft für das, was einem wichtig ist.“

„Warum hast Du dann nicht um unsere Liebe gekämpft?“, hielt ich entgegen, „Du schmeißt mir eine Drohung vor die Füße und Du erwartest von mir, dass ich dieses pubertäre Spiel mitmache? Es wäre an der Zeit, dass Du herausfindest, was Du eigentlich willst.“

„Du willst also tatsächlich tatenlos zusehen, wie ich jetzt gehe?“, wolltest Du Dich nochmals versichern.

„Ja, das werde ich, wenn es Dir ernst ist und Dein Wille“, meinte ich. Ohne ein weiteres Wort verließt Du die Wohnung. Nicht, dass es mir nicht weh getan hätte. Nicht, dass ich Dich nicht vermissen würde, obwohl mir klar geworden war, dass eine gemeinsame Zukunft mehr als fragwürdig war, so lange ich nicht bereit war, meine fundamentalsten Werte aufzugeben. Es gibt durchaus Frauen, die das tun. Aber ich wusste, was mir wichtig war und wofür ich mich einsetze, so lange es notwendig ist. Einsetzen, aber nicht kämpfen, denn wer kämpft hat schon verloren.

2 Gedanken zu “Ich kämpfe nicht

  1. g0gool sagt:

    „dass eine gemeinsame Zukunft mehr als fragwürdig war, so lange ich nicht bereit war, meine fundamentalsten Werte aufzugeben“
    An dem Punkt war ich damals auch. Irgendwie hab ich mich in eine Situation manövriert wo ich entscheiden musste, ob ich ich sein möchte oder jemand anders, ein ferngesteuerter Mensch. Ich habe mich für mich selbst entschieden und bin heilfroh, dass es nun so gekommen ist. Es gibt Menschen, die passen einfach nicht zueinander. Das muss man einfach akzeptieren.

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    1. novels4utoo sagt:

      Eine gute Entscheidung, auch wenn es sicher nicht einfach war. Ich freue mich mit Dir, dass es sich für Dich offenbar ins Positive entwickelt hat. Es gibt natürlich Kompromisse, aber auch Grenzen dafür. Wo sich jemand selbst aufgeben muss, ist es kein Kompromiss, sondern Despotie.

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