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Life is too short for boring stories

Aufrecht stolzierte der Rabe durch unser Wohnzimmer, am Abend des Tages, an dem wir ihn gefunden und ärztlich versorgen hatten lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keinen Namen. Ich beobachtete ihn. Stolzieren war durchaus das passende Wort für die Art seiner Fortbewegung. Ab und an hielt er inne. Dann stand er da. Es schien, als könnte ihn nichts und niemand von seinem Platz vertreiben. Er würde nicht weichen. Die Hunde bewegten sich vorsichtig an ihm vorbei, anerkennend, dass er da nun stand. Einfach stand, als wäre er sich bewusst, dass er einfach seiend war und das auskostete. Seiend in einem zutiefst ontologischen Sinne. Der Existenz verhaftet, dem Boden verwurzelt in das Leben strebend, seiend und werdend zugleich, bleibend im Sein und wachsend in die Lebendigkeit. Ontologie. Das wollte ich ihm verpassen, doch da fielen mir zwei Dinge ein. Einerseits war er noch alleine, ein einsamer, junger Rabenmann und andererseits war auch schon vor geraumer Zeit das Sein dem Wort verloren gegangen, also der Onto dem Logos, was sich deutlich in der Lebenswirklichkeit bemerkbar macht. Und ich wollte, dass sie wieder zusammenkämen, so wie der Rabenjunge mit seinem Mädchen. Deshalb nannte ich ihn Onto.

Onto machte seinem Namen alle Ehre. Wie ein Baum mitten am Feld, existierend, aus sich selbst heraus seiend, wie es ungefähr übersetzt heißt. Und da die Ontologie die Lehre des Seins oder vom Sein ist, wie gesagt wird, erschien er mir sehr passend. Onto bedeutet eigentlich das Seiende, was sich nun doch fundamental unterscheidet. Ist das Sein das Grundlegende, die Grundlage, aus der alles andere existiert und dieses alles andere ist das Seiende. Sein in seiner Präsenz, in seinen verschiedensten Ausformungen. Deshalb habe ich mir auch abgewöhnt am Frühstückstisch zu sitzen und mich beim Umrühren des Kaffees zu fragen, warum überhaupt Sein ist und nicht vielmehr Nichts, was letztlich Nichts bringt, noch nicht einmal das Nichts. Ab diesem Zeitpunkt saß ich am Frühstückstisch oder auch zu anderen eher ruhigeren Heißgetränkgenießgelegenheiten und dachte, das ist alles Seiendes, der Tisch und der Stuhl und Du. Wie erfindungsreich doch das Sein ist. Aber was mir doch ein wenig Kummer bereitete war die Übersetzung des Logos mit Lehre. Ja, natürlich stimmt es, aber es bedeutet auch das Wort, was viel umfassender ist. Wort und Sein, das gehört zusammen. Das Wort, das das Sein ausdrückt und das Sein, das das Wort durchfließt. Damit sollte eine gewisse Achtsamkeit mit dem Wort einhergehen. Aber bei all dem Nichtssagenden war ich mir bewusst, das Wort war längst dem Sein abhandengekommen. Oder umgekehrt. So genau ist das nicht zu sagen. So dass ich fest entschlossen war, das Meinige dazu beizutragen, Logos und Onto wieder zusammenzubringen. So wie den Raben mit seiner zukünftigen Partnerin.

Alles begann mit einem festen Standpunkt. So wie Onto auf seinem Platz beharrt. Da steht man dann natürlich rasch im Weg. Die Menschen müssen an einem Vorbeigehen, das kann ganz schön lästig sein. Denn wer heutzutage noch Position bezieht, muss damit rechnen misstrauisch betrachtet zu werden. Man macht sich greifbar und damit auch angreifbar.

„Warum stehst Du da?“, wurde ich gefragt, „Siehst Du nicht, dass Du lästig bist.“

„Doch, das sehe ich, aber ich werde deshalb nicht aufhören, weil man vom Leiden erfahren muss, vom Leiden der Tiere in der Intensivtierhaltung und dem der Menschen, die darin involviert sind. Nicht zu vergessen, die Zerstörung unserer Umwelt“, erklärte ich. Daraufhin nahm er sich doch Zeit, sich die Bilder und die Informationen anzusehen.

„Dann sollte man eigentlich gar kein Fleisch essen, keine Milch trinken“, meinte er sinnend.

„Das wäre eine logische Konsequenz“, sagte ich vorsichtig, worauf sich seine Augen verengten und er mich mit unverhohlener Aggression ansah.

„Du stehst da und zwingst mir Deinen Lebensstil einfach auf!“, fuhr er mich an, „Aber solche wie Dich kenne ich, lassen keine anderen Argumente gelten und wollen alle bekehren. Terroristen seid ihr, jawohl, extreme, fanatische Terroristen.“

„Ich stehe da“, sagte ich nur, als er ging und ich dachte, „Wie weit doch das Sein vom Wort getrennt sein kann. Der Onto vom Logos.“ Aber im Gegensatz zum Raben Onto, hatte ich wenig Hoffnung, dass die beiden wieder zusammenfinden würden. Doch vorerst beschloss ich eine Reise zu unternehmen, weit weg von den Orten, an denen viele Menschen wären, aber auch nicht so weit, dass es gar keine mehr gäbe. Ich beschloss nach Tschanigraben zu fahren.

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