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Life is too short for boring stories

„Ich muss mit Ihnen sprechen!“, erklärte ich Melchior Mandl, so aufrecht wie möglich, denn dieser Mann war wirklich ein Koloss. Er war gerade in ein Gespräch eingebunden, aus dem ich ihn rüde herausriss. Sofort verstummten alle. Missmutig musterte er mich von oben bis unten, „Jetzt!“ fügte ich deshalb hinzu, um meiner Aufforderung noch mehr Gewicht zu verleihen.

„Dann sprechen Sie, wenn Sie schon so unverschämt in meine Unterhaltung platzen“, gab er zurück, „Aber machen Sie es kurz.“

„Was ich zu sagen haben, das kann ich Ihnen nur unter vier Augen mitteilen“, entgegnete ich, immer noch aufgeputscht vom Retterwillen. Wortlos wandte er sich um und ich folgte ihm in ein angrenzendes Zimmer, das wohl die Bibliothek darstellte, doch ich hatte weder Auge noch Sinn für Bücher. Helden scheren sich um solche Dinge nicht.

„Geben Sie Ihre Frau frei!“, sagte ich, sobald ich die Türe hinter uns geschlossen hatte und mit ihm alleine war. Klarer konnte meine Botschaft nicht sein.

„Warum sollte ich das tun?“, fragte er ruhig und besonnen, als würden wir über irgendein Geschäft sprechen. Das bestärkte mich noch zusätzlich in der Überzeugung, dass er seiner Frau gegenüber nichts empfand.

„Weil Sie sie unglücklich machen und tyrannisieren. Jeder hat ein Recht auf Glück. Auch Ihre Frau. Geben Sie sie frei und sie wird bei mir das Glück finden, das ihr zusteht und das sie verdient hat“, erklärte ich rundheraus.

„Das hat sie gesagt?“, wollte er wissen, „Ich machte sie unglücklich und tyrannisierte sie?“

„Nun ja, nicht unbedingt mit diesen Worten“, musste ich, etwas kleinlauter werdend, eingestehen, „Aber der Wortlaut tut nichts zur Sache. Man sieht doch wie unglücklich sie ist. Selbst Sie müssen das sehen.“

„Abgesehen von allem emotionalen Gerede, habe ich eine Verantwortung übernommen, als ich sie ehelichte und die kann ich nicht einfach bei Seite schieben“, gab er zu bedenken.

„Aber Herr, das Glück, das ist es doch, was zählt“, meinte ich.

„Wissen Sie, sie ist mein Augenstern und das Licht meines Lebens. Es bricht mir das Herz, was Sie mir hier sagen. Wie könnte ich sie gehen lassen? Wie könnte ich das über mich bringen?“, erwiderte er nach einigen Sekunden der Besinnung, „Ohne sie zu leben, das wäre mein Untergang.“

„Gerade deshalb müssen Sie sie freigeben, denn während sie davon zehren, geht sie zugrunde, verblüht wie eine Blume ohne Sonne und Wasser“, sagte ich, nicht ganz ohne Mitgefühl, obwohl ich ihm die Trauer und den Schmerz nicht ganz abkaufte.

„Da haben Sie wohl recht“, stimmte er mir zu, „Nun, wenn die Sache so steht, dann gebe ich sie frei, aber nur unter einer Bedingung, dass Sie sie umgehend mit sich nehmen und zu ihrer Frau machen. Ich werde alles Nötige in die Wege leiten. Gehen Sie.“ Damit wandte er sich von mir ab. Hatte ich da so etwas wie ein hämisches Grinsen gesehen oder war das nur eine Täuschung?

Ich verließ die Bibliothek, meine Angebetete stand auf, als ich sie erblickte und ich teilte ihr die Entscheidung mit. Vor lauter Glück erfasste sie ein Schwindel und sie sank ohnmächtig in meine Arme. Im Triumph trug ich sie fort, weg von diesem Ort der Lieblosigkeit. Wenige Wochen später war sie meine Frau. Ich wähnte mich im siebten Himmel.

„Wo bist Du schon wieder, Du verdammter Versager?“, riss mich ihre kreischende Stimme aus diesen wenigen Momenten der Ruhe und Stille. Da war nichts mehr von Engel oder Fee oder Königin, nur noch eine zickige, ewig unzufriedene Frau, die mich mit ihren Forderungen tyrannisierte. Und mittlerweile war ich mir sicher, dass das hämische Grinsen keine Täuschung war. Deshalb ließ er sich so leicht dazu überreden, dass ich sie mit mir mitnahm. Sogar Blumen zu unserer Vermählung hatte er geschickt. Ich war mir sicher, zurücknehmen würde er sie nicht mehr. Deshalb hält man Traumfrauen auch nur in Träumen. Für das echte Leben, empfehlen sich reale Frauen. Da kam mir der Gedanke, ich könnte doch einmal eine Soiree geben. Was einmal geklappt hat, könnte es doch auch ein zweites Mal. Oder ich gäbe ein Inserat auf, „Traumfrau aus persönlichen Gründen baldmöglichst abzugeben“. Träumen würde man wohl noch dürfen, auch wenn mich das schon einmal um Kopf und Kragen gebracht hatte.

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