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Life is too short for boring stories

Da standen sie, am Hauptplatz eines kleinen Dorfes, ein Schwein an der Leine und eines im Körbchen, während die Passanten einen auffällig großen Bogen um sie machten. Die Fremde nahm Pippa die Gedankenarbeit ab, indem sie sich kurzerhand selbst vorstellte

„Ich bin Zoe“, sagte sie kurz, „Zoe Artist. Ich wohne am Bauernhof beim Vegan-Hotel. Und die kleine Freche an der Leine ist Liv.“

„Ich weiß“, erwiderte Pippa, die Zoe, nach allem, was sie gehört hatte, für eine Heldin hielt, „Ich meine, ich habe von Ihnen gehört.“

„Das kann ich mir vorstellen und sag bitte Du zu mir, sonst komme ich mir so alt vor, wie ich bin“, entgegnete Zoe augenzwinkernd, „Und Du bist?“

„Pippa“, antwortete sie kurz, „Pippa Wehling. Und das ist Nanna.“ Und damit wies sie auf das Körbchen in ihrer Hand.

„Was ist mit Nanna?“ fragte Zoe, während sie in das Körbchen sah, in dem sich Nanna in der Zwischenzeit aufgestellt hatte und neugierig über den Rand spähte.

„Sie ist vor zwei Tagen auf die Welt gekommen und war die Schwächste im Wurf“, erzählte Pippa, sich an die ersten bangen Stunden im Leben ihrer kleinen Freundin entsinnend, „Ein Kümmerling wird so ein Tier im Fachjargon wohl genannt. Sie war sogar zu schwach zum Trinken. Aber jetzt ist sie über den Berg, meinte Dr. Wagenscheidt, und man sieht es ihr auch an.“

„Großartig. Das hast Du toll gemacht“, meinte Zoe, und sich an Nanna wendend, „Und Du auch, Du kleine Kämpferin. Ganz ihre mythologische Namensgeberin.“

„Du kennst Dich mit nordischer Mythologie aus?“, fragte Pippa erstaunt.

„Nicht wirklich“, musste Zoe eingestehen, „aber das eine oder andere bleibt doch hängen.“

„In der Natur wäre solch ein Kümmerling umgekommen. Das nennt man natürliche Auslese. Aber die romantischen Bambistreichler müssen immer alles durcheinanderbringen“, ertönte eine tiefe, etwas illuminierte Stimme neben ihnen.

„Zweifelsohne“, gab Zoe zurück, „In der Natur, da wäre sie gestorben. Aber wenn wir nicht-menschliche Geschöpfe in unsere Obhut nehmen, dann sind sie keine Wildtiere mehr, sondern Mitbewohner und haben das Recht auf die bestmögliche Versorgung. Und wo ihr Jäger wütet, da kann von Natur sowieso nicht mehr die Rede sein.“

„Wir sind die Einzigen, die sich um die Natur und den Wald kümmern. Sonst gäbe es wegen des Verbisses keine Bäume mehr und alle Felder wären von den verdammten Wildsauen kahlgefressen. Da würdet ihr aber schön schreien, wenn die Viecher plötzlich in euren Vorgärten stehen und die Zwiebeln ausgraben“, erwiderte Hermann Widerlich, seines Zeichens Jäger und Fleischhauer.

„Nachdem ihr alle Beutegreifer vernichtet habt, ist das auch kein Wunder. Wären Wolf und Luchs wieder ansässig, würde sich das von selbst erledigen“, meinte Zoe ungerührt.

„Schon wieder so eine von denen, die groß reden und keine Ahnung haben“, erwiderte der Angesprochene, „Jagdgegner und Hochstandzerstörer, militante, terroristische Tierrechtler. Sowas können wir hier gar nicht gebrauchen, das sag ich Dir. Schleich Dich dahin zurück wo Du hergekommen bist, zu Deiner Schicki-Micki-Partie. Wir haben noch Werte und Traditionen. Davon habt ja ihr keine Ahnung.“ Sprachs, und gab weder Zoe noch Pippa die Gelegenheit irgendetwas zu erwidern.

„Was für ein komischer Vogel“, sagte Pippa kopfschüttelnd und konnte Nanna gerade im letzten Moment noch aufhalten, da sie im Begriff war aus dem Körbchen zu springen. Deshalb setzte Pippa beides ab, hob Nanna heraus, so dass sie und Liv sich begrüßen und kennenlernen konnten.

„Wie steht es, wollt ihr mich mal besuchen kommen?“, fragte Zoe.

„Sehr gerne“, erwiderte Pippa, die noch so viele Fragen hatte.

„Wie wäre es morgen Nachmittag?“, präzisierte Zoe ihre Einladung.

„Optimal“, stimmte Pippa zu.

„Und nimm Kuchen-Hunger mit“, sagte Zoe, womit sich ihre Wege trennten. Pippa ging schnurstracks nach Hause. Pippas Mutter stand in der Küche und kochte. Gerade wollte Pippa ansetzen von den Vorkommnissen des Tages zu berichten, als Leo mit einem Gips am Bein hereingehumpelt kam.

„Was ist denn mit Dir passiert?“, fragte Sophie erschrocken, während sie Leo nötigte Platz zu nehmen.

„Bloß ein gebrochener Unterschenkelknochen“, erklärte Leo leichthin, „Aber Ralphs Vater will mich jetzt verklagen. Und ich weiß nicht was ich tun soll.“

„Kann mir jetzt bitte wer erzählen, was passiert ist“, forderte Sophie ein, woraufhin die Mädchen die Vorkommnisse des Vormittags rekapitulierten.

„Wenn ich das richtig verstanden habe, wollte Ralph die kleine Nanna treten und Du bist dazwischengefahren, so dass ihr jetzt beide gebrochene Knochen habt?“, fasste Sophie zusammen.

„So in etwa“, meinte Leo unsicher.

„Und dafür, dass Du Dich für ein anderes Lebewesen einsetzt, sollst Du jetzt verklagt werden?“, fuhr Sophie fort.

„So in etwa“, wiederholte Leo, immer irritierter.

„Na dem Herrn werde ich was erzählen!“, meinte Sophie, „Der soll nicht glauben, nur weil er Anwalt ist, kann er sich so aufspielen!“

„Was hast Du vor Mama?“, fragte Pippa, da sich ihre Mutter die Schürze abband, die Schuhe anzog und sich anschickte das Haus zu verlassen.

„Ich werde das in Ordnung bringen. Lasst mich nur machen“, erwiderte Sophie knapp und ging.

(Die Geschichte von Zoe Artist könnt ihr nachlesen in „Ungezähmt. Anleitung zum Widerstand“)

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