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Life is too short for boring stories

Kaum ergeht die Aufforderung an einen Menschen von sich selbst zu erzählen, egal, ob diese von einem anderen Menschen oder von ihm selbst stammt, beginnt die Entstellung der Geschichte. Das hat nichts mit bewusster Lüge zu tun, sondern einerseits mit dem Wunsch sich selbst immer so gut wie möglich dastehen zu lassen. und andererseits mit der Selbstzensur Deshalb speichert das Gedächtnis die Geschichten auch unter Berücksichtigung dieser Prämisse ab. Dabei handelt es sich um eine durchaus gesunde Einstellung zu sich selbst.

Darüber hinaus kommt es durch die zeitliche Entfernung zu einer Verzerrung. Im Laufe der Jahre schleifen wir die Unebenheiten glatt und formen ein kompaktes Ganzes, wo zuvor keines war. Deshalb erzählen wir niemals von uns selbst, sondern von dem, was wir als uns selbst wahrnehmen und was wir davon in Erinnerung behalten.

Besonders beliebt ist diese Art der Selbstdarstellung bei Künstler*innen. Doch nicht nur, dass sie dieses gerne zum Besten geben, die Empfänger*innen der künstlerischen Leistung sind zum Großteil auch begierig darauf es zu hören. Von Seiten der/des Künstlerin/Künstlers liegt wohl die Motivation dafür darin, dass sie damit versichern wollen, sie haben etwas erlebt und haben damit auch das Recht etwas zum Ausdruck zu bringen. Oder sie nehmen sich einfach nur sehr wichtig. Von Seiten der Empfänger*innen ist die Motivation es zu hören darin gelegen, dass man verzweifelt einen Anknüpfungspunkt sucht, um die künstlerische Umsetzung zu verstehen. Eine Erklärung aus der Autobiographie. Dann wird einiges zugänglicher. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass es zu einem lustigen Spiel geworden ist, herauszufinden wie groß der autobiographische Anteil am Werk ist. Es macht vieles leichter, nachvollziehbarer. Ein ebenso trivialer, wie fehlgeleiteter Gedanke.

Nimmt ein*e Künstler*in sich selbst ernst, und zwar sich selbst in ihrem/seinen künstlerischen Ausdruck, dann sollte sie/er eigentlich gar nichts von sich erzählen. Mehr noch, es sollte den Anschein haben, als würde sie/er aus dem Nichts kommen, ohne Vergangenheit oder Geschichte. Dann und nur dann kann das Werk für sich stehen, kann es sich selbst vermitteln und betrachtet werden.

Was tut es zur Sache, was jemand gelernt hat, welchen Beruf sie/er ausgeübt hat, was für Auszeichnungen sie/er erhalten hat. Oder brauche ich als Empfänger*in solche Informationen um die Qualität beurteilen zu können? Trauen wir uns selbst so wenig zu? Müssen wir die fremde Beurteilung als Maßstab nehmen, um uns selbst eine zuzutrauen? Wir müssen, denn wir wagen es kaum mehr eine eigene Meinung zu haben, womöglich noch gegen alle anderen. Auszeichnungen und Preise sprechen für Qualität. Das haben schließlich Menschen beurteilt, die was davon verstehen. Daran kann ich mich halten. Und wenn jemand keine Preise, keine Auszeichnungen hat, ist das Werk dann automatisch schlecht? Vielleicht hat sie/ihn so etwas gar nicht interessiert und sie/er gehört zu jenen naiven Gestalten, die immer noch frei herum laufen dürfen, obwohl sie der Meinung sind, dass das Werk für sich selbst stehen soll.

Es sollte eigentlich völlig egal sein, woher ich komme und wohin ich gehe, in welcher Beziehungssituation ich stecke, wie meine Familienstrukturen aussehen, welche sexuelle Ausrichtung ich habe, was für eine Ausbildung ich absolviert habe, welche politische Gesinnung ich verfolge. Was zählen soll ist die Berührung, der Eindruck, den meine Worte machen.

Unvoreingenommen, ohne jegliche Ablenkung, anzunehmen und mir selbst eine Meinung zu bilden, das wäre, worum es ginge. Mich anrühren zu lassen, ganz gleich was andere denken, mich betroffen sein und mich verändern lassen. Dann braucht auch niemand diesen autobiographischen, verfälschten und verfälschenden Unsinn, wenn wir es wagen, selbst zu denken und zu verstehen, wenn wir es wagen, uns zu öffnen zu einem anderen Ausdruck.

Doch so lange wir danach schielen, was die Kritiker sagen, was die Umwelt sagt, werden wir unerreichbar bleiben, für das, was das Kunstwerk uns sagen will. Unberührbar bleiben wir bei dem hängen, was andere sagen und urteilen. Damit ist das Werk sinnlos, wird es nur über die äußere Vermittlung sichtbar.

Ich möchte Menschen, die offen und berührbar und empathisch sind, die sich nicht von Äußerlichkeiten irritieren lassen, sondern einfach mitnehmen, was sie für sich als beachtenswert empfinden. Dann schlägt das Werk eine Brücke zwischen Dir und mir, führt in einen Dialog und in ein Miteinander. Dann macht Kunst Sinn.

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