Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Es gibt viele Menschen, die erzĂ€hlen gerne von sich selbst. So wird zumindest behauptet. Dabei gibt es eine zumindest weitgehende Ăbereinstimmung darĂŒber, was dieses âĂŒber sich erzĂ€hlenâ bedeutet, nĂ€mlich eine Aneinanderreihung von Geschichten, die in einem individuellen Leben geschahen. Anekdotenhaft oder pointiert erzĂ€hlt, je nach Temperament, kann es auch recht amĂŒsant sein. Und es wird behauptet, dass man den Menschen, der solche Begebenheiten aus seinem Leben erzĂ€hlt, besser versteht. Unbewusst wird dabei die soziodemographische Herkunft, der Umgang, der Familienstand, der Werdegang deutlich. All das fĂŒhrt zu einem VerstĂ€ndnis und rechtfertigt den Ausdruck âvon sich selbst erzĂ€hlenâ. Man kann es auch Autobiographisches nennen. Dabei ist die Vorsilbe Auto mehr als zweifelhaft. Geschichten selbst aus der eigenen Vergangenheit, selbst erzĂ€hlt sind – euphemistisch ausgedrĂŒckt – verklĂ€rt. Es kann gar nicht anders sein, so sehr man sich auch bemĂŒht sachlich zu bleiben.
Bezogen auf die ersten Lebensjahre ist diese These leicht nachzuvollziehen und es wird mir auch kaum jemand widersprechen. Aus dieser Zeit kann man der eigenen Erinnerung nicht trauen, denn man selbst entsinnt sich dieser Begebenheiten nicht, weil sie einem im GedĂ€chtnis geblieben wĂ€ren, sondern weil sie einem erzĂ€hlt werden, und zwar immer und immer wieder, so oft, bis man meint, es handle sich tatsĂ€chlich um die Geschichte, die man selbst erlebt hat. Eine spannende Leistung unseres Gehirns, was nichts desto trotz nichts daran Ă€ndert, dass es eben nicht die eigene Geschichte ist. Was es noch zusĂ€tzlich verschĂ€rft sind die Menschen, die sie einem erzĂ€hlen, weil ihr Blick auf jenen, ĂŒber den berichtet wird, emotional verzerrt ist. Dabei handelt es sich nĂ€mlich in erster Linie um nahe Angehörige, wahlweise enge Freunde. Da fallen dann so Formulierungen wie âMein Gott warst Du sĂŒĂâ. Das spricht in jedem Fall fĂŒr eine rationale Erinnerung. Durch diese AusschmĂŒckungen wird es fĂŒr einen selbst auch schwer sich auf die Fakten zu konzentrieren, wenn sie umrahmt sind, wie von einem Heiligenschein, von diesem legendĂ€ren âsĂŒĂâ, diesem milden, sanften Schimmer, der letztlich nichts anderes sagt, als, damals warst Du sĂŒĂ, und sieh Dich jetzt an. So weit denkt man nicht, gefangen im lieblichen SĂŒĂigkeitsstadium.
SpĂ€testens an dieser Stelle steht fĂŒr mich fest, das ist definitiv gelogen, denn wenn ich etwas von mir sicher weiĂ, ich bin nicht sĂŒĂ. Gut, als Erwachsene sind die wenigsten sĂŒĂ, wenn sie es nicht gerade darauf anlegen ihren Kindlichkeitsstatus fĂŒr immer beizubehalten, aber ich war es auch noch nie, weil ich es auch nie sein wollte. Vielmehr war es mein Bestreben wild und frech und aufmĂŒpfig und herausfordernd sein. Auch wenn ich es damals nicht so genannt hĂ€tte. Ohne es in Worte zu fassen, war ich es einfach. Nicht einmal um zu rebellieren, sondern um die Lebensfreude verkraften zu können, ĂŒberbordend und leidenschaftlich. Ich wollte springen und pfeifen, schaukeln und rutschen, auf BĂ€ume klettern und durch BĂ€che waten. All das, was sĂŒĂe, kleine MĂ€dchen in hĂŒbschen Kleidchen nicht machen wollen. So wird es ihnen gesagt. Ob es tatsĂ€chlich so ist, dass sie es nicht wollen oder einfach nur dem Bild der Mutter vom herzigen MĂ€dchen nachzueifern suchen, weiĂ ich nicht, weil ich die ehemals sĂŒĂen, kleinen MĂ€dchen nie danach gefragt habe, vor allem auch deshalb, weil sie es womöglich selbst nicht wirklich wissen. Ich jedenfalls war dadurch Anlass des stĂ€ndigen Kummers meiner Mutter. Ich wĂŒnschte, es wĂ€re anders gewesen, aber es war mir schlichtweg unmöglich, mich so weit selbst zu verleugnen, bloĂ um meine Mutter glĂŒcklich zu machen. Jetzt hatte sie sich so darĂŒber gefreut, dass sie ein MĂ€dchen hatte, und dann diese EnttĂ€uschung. GetrĂ€umt hatte sie davon, das erzĂ€hlte sie mir immer und immer wieder, wie sie ihr MĂ€dchen in Spitzen und RĂŒschen packen wĂŒrde, wie sie Ballett tanze und sich grazil bewege. Also das genaue Gegenteil von dem, was ich war. Von Anfang an war ich eine einzige groĂe EnttĂ€uschung, die EnttĂ€uschung ihres Lebens. Wobei sie es nicht unterlieĂ mir zu unterstellen, ich machte es ihr zu FleiĂ. Dabei war und ist das ganz und gar nicht der Fall. Ich war eben, wie ich war, und darin vieles, nur nicht sĂŒĂ. So weit dazu, dass ich von mir eigentlich nichts erzĂ€hlen will, zumindest nicht in diesem Sinne. Es mag die These untermauert haben, dass ErzĂ€hlungen ĂŒber sich selbst aus den ersten Lebensjahren immer verzerrt sind, in welche Richtung auch immer. Die Verzerrung bleibt aber nicht auf diese Zeit beschrĂ€nkt, auch wenn sie in spĂ€teren Jahren nicht mehr so direkt auszumachen ist. Dennoch wage ich zu behaupten, was wir von unserer Vergangenheit erzĂ€hlen, ist immer verfĂ€lscht.
Das Leben literarisch ergrĂŒnden

UngezÀhmt. Anleitung zum Widerstand


Der Weg ist das Ziel ist der Weg
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