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Life is too short for boring stories

„Wie wunderschön Du bist, meine kleine Nebou“, dachte Tamia immer und immer wieder, während sie ihre Tochter im Arm hielt, „Du bist das Schönste, was es auf der Welt gibt.“ Und Tamia war gerade mal 16, als sie ihre erste Tochter zur Welt gebracht hatte, aber das war nicht ungewöhnlich, dort wo sie wohnte, in einem kleinen Dorf, etwa eine Stunde Fußmarsch von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso entfernt. Tamia hatte im Krankenhaus entbunden. Es war eine leichte Geburt gewesen. Nun lag die kleine Nebou an ihrer Brust und trank, trank mit solcher Begeisterung, solchem Eifer die Muttermilch, als wollte sie das Leben in sich aufnehmen. Und das war es auch, Leben. Muttermilch. Milch für das Baby, ihr Baby. Es schien anstrengend gewesen zu sein, denn irgendwann sackte Nebous Kopf nach hinten. Mitten im Saugen war sie eingeschlafen. Und Tamia hielt sie in ihren Armen und war glücklich.

„Was für ein wunderschönes Baby“, riss eine Stimme Tamia aus der Betrachtung ihrer kleinen Tochter. Eine Krankenschwester war an das Bett der beiden getreten und lächelte sie an, „Aber Du möchtest doch, dass Deine Tochter gesund bleibt und groß und stark wird?“, fuhr die Schwester fort, und natürlich wollte Tamia das. „Deshalb solltest Du ihr lieber Milchpulver geben“, erklärte die Schwester, „Denn da ist alles drinnen, was Dein Baby braucht. Und Deine Brüste bleiben schön, für Deinen Mann. Männer wollen keine Frauen mit hässlichen Brüsten.“ Und Tamia vertraute der Frau, die sie für eine Krankenschwester hielt, weil sie nicht wissen konnte, dass sie keine Krankenschwester war, sondern eine bezahlte Hilfskraft von Nestle, die als Krankenschwester verkleidet wurde, der die Frauen vertrauten. So hörte Tamia auf zu stillen. Wenige Tage später kehrte sie in ihr Heimatdorf zurück. Da erst bemerkte sie, dass das Milchpulver, das sie zunächst gratis bekommen hatte, sehr teuer war. Doch sie musste es kaufen, weil sie aufgehört hatte zu stillen und keine Milch mehr hatte. Deshalb streckte sie es, nahm das Wasser zum Abmischen, das sie zur Verfügung hatte. Doch das Wasser war nicht sauber. Nebou bekam Durchfall, verfiel zusehends und war wenige Tage später tot. Und Tamia konnte nichts tun, als daneben zu sitzen und zuzusehen, wie ihre Tochter elendiglich krepierte.

Sie hätte der Schwester nicht glauben müssen, heißt es dann. Selber schuld, wenn man da nicht weiterdenkt. Wohlmeinende, überhebliche Stimmen aus der ersten Welt, die einem einfachen Mädchen in einem der ärmsten Länder der Welt Vorhaltungen machen, weil sie vertraut.

Tausende Babies starben und sterben, nicht nur in Afrika, sondern auch in Südamerika, als Folge der aggressiven Werbemethoden für Milchpulver in Krankenhäusern. Einheimische Frauen waren angeheuert worden, sich das Vertrauen der Frauen zu erschleichen und das teure, obwohl hochsubventionierte, Milchpulver, zu verkaufen. Und rekrutiert waren sie vom Schweizer Nestlé Konzern worden. 1974 wurde von „War on Want“ eine Broschüre mit dem Titel „The Baby Killer“ publiziert, in der sie Nestlé für den Tod tausender Babies verantwortlich machten. Diese Broschüre wurde von Schweizer Aktivist*innen übersetzt, mit dem Titel „Nestlé tötet Babies“. Der Schweizer Konzern klagte diese wegen Verleumdung und übler Nachrede und gewann den Prozess. Dreizehn Aktivist*innen wurden wegen Ehrverletzung und zu einem Bußgeld von je 300 Franken verurteilt. Doch ihnen blieb der moralische Sieg, denn der Richter hielt in der Urteilsbegründung fest, dass Nestlé mit seinem unethischen Verhalten für den Tod tausender Babies verantwortlich ist. Darüber hinaus erstellte die WHO einen restriktiven Kriterienkatalog für die Vermarktung von Babynahrung. So müssen die Produkte einen Hinweis enthalten, dass Stillen das Beste ist in den ersten sechs Lebensmonaten.

Tatsächlich hält sich Nestlé nicht daran, trotz aller Lippenbekenntnisse. Es werden zwar keine verkleideten Krankenschwestern mehr geschickt, aber Ärzte und Krankenschwestern, echte in dem Fall, ein wenig finanziell unterstützt. Doch damit nicht genug. Das Milchpulver, das vor allem in Ländern der dritten Welt nach wie vor ein großer Verkaufserfolg für den Konzern ist, wird aus europäischer Milch erzeugt, so dass die Erzeuger der Bestimmungsländer ausgebotet und ruiniert werden. Darüber hinaus erhält Nestlé jedes Jahr 25 Millionen vom Steuerzahler als Subventionen. Kurz gesagt: Nestlé exportiert ein hochsubventioniertes Produkt in Dritte-Welt-Länder, ruiniert die dortige Milchwirtschaft und streift auch noch satte Gewinne ein (srf-wirtschaft). Und Babies sterben nach wie vor an den Folgen eines aggressiven Marketings und eines mehr als fragwürdigen Produktes.

5 Gedanken zu “Nestlé tötet Babies

  1. molefran sagt:

    Schmunzel … und so etwas nennt man dann Entwicklungshilfe oder Unterstützung in Westeuropa. Traurig auf diese Art Absatzmärkte schaffen zu wollen.

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    1. novels4utoo sagt:

      Ja, weil Europa und USA sind schon übersättigt, da muss man andere zwangsbeglücken, und das nennt man dann auch noch Freihandel, wenn man selbst die Produkte subventioniert und den „Partner“ das nicht zugesteht. Eine verkehrte Welt.

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      1. molefran sagt:

        Ich vermute mal, dass es auch niemanden gibt, der Ernsthaft daran interessiert ist, diesen großen Konzernen auf die Finger zu klopfen.

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