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Life is too short for boring stories

Martinique ließ der Gedanke an das kleine Wildschweinmädchen nicht mehr los. Sein Leben hatte gerade erst begonnen, ein verheißungsvolles, glückliches Leben, inmitten einer Geschwisterschar, gemeinsam mit seiner Mutter und der restlichen Familie. Es hätte spielerisch gelernt Nahrung zu finden und den Wald zu durchstöbern. Die Freiheit eines Wildtieres, das niemandem gehört, als sich selbst. Sollte man meinen. Stattdessen war es von Anfang an von Zäunen umgeben und musste den Tod seiner Mutter hautnah erleben. Ein einziger Schuss genügte, dass sein Leben zerstört war. Vielleicht war der eigene Tod doch einer Erlösung.

„Was hat es mit den Zäunen auf sich?“, fragte Christian unvermittelt.

„Damit werden Jagdgatter abgegrenzt, so dass das Töten noch leichter wird“, entgegnete Martinique, „Es wird ein Gebiet abgegrenzt. Die Wildtiere werden gefüttert, so dass sie besonders stark sind und besonders große Trophäen tragen. Eines Tages kommen die Jäger. Sie fahren mit ihren Autos in das Gebiet, setzen sich auf die Hochsitze und warten.“

„Also doch eine ganz normale Ansitzjagd?“, warf Christian ein.

„Nicht ganz“, widersprach Martinique, „Denn zusätzlich zu den Jägern kommen etliche Treiber, die das Wild zu den Hochständen treiben – wie der Name schon sagt. Die so aufgeschreckten Tiere versuchen in Panik zu fliehen, doch sie haben durch die Zäune keine Möglichkeit. Teilweise laufen sie verzweifelt gegen den Zaun und ziehen sich dabei schwere Verletzungen zu. Sie haben keine Chance.“

„Ich dachte immer, die Jagd dient der Bestandsregulierung“, sagte Christian, „Aber wenn ich Wildtiere züchte, schaffe ich einen künstlichen Bestand, den ich dann vorgebe regulieren zu müssen.“

„Da sieht man sehr deutlich, dass es eine faule Ausrede ist, deren sich die Herren und Damen Jäger bedienen“, meinte Martinique, „Übrigens ist diese Art der Jagd nur mehr in Salzburg und Niederösterreich erlaubt. In allen anderen Bundesländern ist sie verboten. Daran sieht man wie groß der Einfluss des Adels auf die Politik ist. In Salzburg z.B. gibt es sie nur mehr, weil die Landesregierung dem Herrn Grafen Mayr Melnhof sprichwörtlich in den Arsch kriecht. Diese traditionell adelige Form der Mordbelustigung wird nur mehr in seinem Jagdgatter durchgeführt. Ganz abgesehen davon, dass durch die gezüchtete Überpopulation der Wald schweren Schaden leidet. Aber das ist der betuchten Jagdgesellschaft ziemlich egal. Da geht es ums Vergnügen und ums Geschäft. Dabei können die meisten noch nicht einmal wirklich schießen. Viele, bloß angeschossene Tiere werden erst Stunden später, wenn überhaupt gefunden. Etliche erliegen qualvoll ihren Verletzungen.“

„Ich dachte, der Adel sei abgeschafft in Österreich?“, fragte Christian.

„Offiziell ist er es auch, doch Herr und Frau Österreicherin hängen allzu sehr an ihren Grafen und Baronen und was da sonst noch so herumläuft, so dass es ihn wohl immer geben wird“, entgegnete Martinique, „Aber abgesehen davon, frage ich mich, ob irgendjemand ein Recht darauf hat ein Wildtier, also ein wildes Tier, in ein Gatter zu verfrachten, es also an einem bestimmten Ort festzuhalten, einzusperren und zu sagen, das gehört jetzt mir.“

„Kann man Eigentum an Leben, also an Lebewesen überhaupt haben?“, ergänzte Christian, „Eigentum an etwas berechtigt mit diesem Ding schalten und walten zu können wie man will. Das ist mit Dingen auch kein Problem, denn diese haben keinen Willen und keinen Lebensplan. Aber Lebewesen haben beides. Das heißt, wenn ich Eigentum an Wildtieren erwerbe, so kann es sich nur um einen originären Erwerb handeln, wie bei der Aneignung von herrenlosen Sachen. Aber eben Sachen. Ist denn ein Wildtier eine Sache?“

„Vor dem Gesetz sind unsere Mitgeschöpfe Sachen. Deshalb kann ich Eigentum an ihnen erwerben, sie behandeln wie immer ich will, bloß eingeschränkt durch ein ziemlich zahnloses Tierschutzgesetz, das weder Qual, Folter, Misshandlung, Vergewaltigung oder Mord verhindern kann.“

„Das heißt der, der das Land besitzt, auf dem die Wildtiere herumlaufen, der hat automatisch auch Eigentum an all den Waldbewohnern und darf damit machen was er will, nur eingeschränkt durch das jeweilige Jagdgesetz“, fasste Martinique zusammen, „Damit hat aber das Wild immer noch die Möglichkeit weiterzuwandern, von einem Revier zum nächsten, denn das ist den Tieren wurscht. Aber so ist schon manch kapitaler Hirsch verloren gegangen. Also baut man flugs einen Zaun, und schon ist alles meins. Aus angeblich weidgerechter Jagd, wird eine bloße Abschussbelustigung.“

„Weidgerechte Jagd, gibt es die überhaupt?“, fragte Christian weiter, „Oder ist es nicht nur eine Ausrede der Herren und Damen Jäger ihr perfides Hobby irgendwie zu rechtfertigen?“

„Lass uns einen kleinen Ausflug in den Wald machen und uns das ansehen“, schlug Martinique vor.

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