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Life is too short for boring stories

„Ganz ruhig, es ist alles gut”, hörte Martinique eine vertraute Stimme, die wie aus weiter Ferne zu ihr drang, da sie den Sinn nicht fassen konnte, nur die Intention, „Du bist in Sicherheit, es kann Dir nichts passieren.” Langsam kam sie zu sich, da sie Christians Hände spürte, die eine, die sie hielt, die andere, die ihr sacht über die Stirn, die Wange strich. Es war wohl noch mitten in der Nacht, da sie ihn nur schemenhaft wahrnahm, als sie es endlich wagte die Augen aufzuschlagen.

„Ich habe geträumt”, sagte Martinique kurz.

„Ich dachte es mir”, entgegnete Christian, und sie spürte die Sorge in seinen Worten, „Du hast geweint und gezittert und um Dich geschlagen. Es war schlimm.”

„Das tut mir leid”, meinte Martinique.

„Es war schlimm, weil ich nichts tun konnte”, sagte Christian.

„Aber Du hast doch was getan, Du hast mich gehalten, Du hast mich getröstet”, erklärte Martinique, doch es war noch nicht genug, das wusste sie, deshalb fuhr sie fort ihn in ihren Traum und in ihre Ängste mitzunehmen, weil sie wusste, dass er sie tragen konnte.

„Ich war ein Krabbenmädchen, das das Angebot eines Kavaliers angenommen hatte, die Höhle zu beziehen, die er für sie eingerichtet hatte. Denn wenn Krabbenmädchen sich mit dem anderen Geschlecht vereinen, so müssen sie den Panzer ablegen, wodurch sie sich völlig hilflos machen. Wehr- und schutzlos. Hast Du das gewusst?”

„Nein, das höre ich zum ersten Mal”, gestand Christian ein, „Und der Krabbenjunge hat sein Mädchen im Stich gelassen?”

„Nein, ganz und gar nicht”, wies Martinique Christians Gedanken entschieden von sich, „Ganz im Gegenteil, er hat sie während der ganzen Zeit beschützt, als würde es um sein eigenes Leben gehen. Eigentlich wunderschön.”

“Eigentlich schon”, gab ihr Christian recht, „Aber was war dann so schlimm?”

„Das war erst der Anfang”, erklärte Martinique, „Jedenfalls ging diese Zeit vorbei und ich verließ die Höhle um mein normales Krabbenleben wieder weiterzuführen. Zu fressen und dann nach und nach Eier zu legen. So weit, so gut, doch eines Tages, war da diese Krabbenfalle, in die ich prompt hineinging. Woher hätte ich auch wissen sollen, dass ich aus dieser nicht mehr herauskomme. Nach einiger Zeit wurde ich mitsamt der Falle aus dem Wasser geholt. Jetzt würden sie ihren Irrtum einsehen und mich wieder freilassen. Davon war ich überzeugt. Sie nahmen mich zwar aus der Falle, aber statt mich freizulassen, wickelten sie etwas um meine Scheren, so dass ich mich nicht mehr bewegen konnte und warfen mich mit vielen anderen in eine Kiste. Ich weiß nicht wie lange ich in dieser Kiste war, aber es gab nichts zu essen und kein Wasser. Zuletzt war der Hunger schon so groß, dass ich meinte, ich müsste sterben. Da endlich wurde ich wieder aus der Kiste genommen, und als sie mich dann in den Topf mit siedend heißem Wasser warfen, da wünschte ich, ich wäre tatsächlich zuvor gestorben. Langsam fraß sich die Hitze durch meinen Körper. Es kam wir vor wie eine Ewigkeit, bis ich qualvoll zugrunde gegangen war.”

„Jetzt verstehe ich”, meinte Christian, um Martinique nur desto fester und nachdrücklicher in seine Arme zu schließen, „Lebende, fühlende Wesen, die die Menschen unvorstellbaren, unnötigen Qualen aussetzen.”

„Ich war die Krabbe und es war mein Schicksal”, meinte Martinique, „Aber warum sieht das niemand? Nur, weil eine Krabbe nicht schreien kann?”

„Wenn dasselbe mit Kätzchen oder anderen Tieren geschehen würde, dann wären die Leute sofort auf den Barrikaden gestiegen, aber eine Krabbe, das ist so weit weg, als wäre sie tatsächlich ein Ding, ohne ein Leben, ohne ein Empfinden.”

„Umso verschiedener ein Lebewesen von uns ist, desto mehr schwindet unsere Empathie, unsere Fähigkeit Mit-leid zu empfinden”, folgerte Martinique.

„Es sieht so aus, und außerdem gilt es immer noch als Delikatesse. Wenn man sich das leisten kann, dann ist man einer von denen, die Erfolg und Geld haben”, meinte Christian, „Und offenbar sind es auch Menschen, die einen dicken Panzer haben, den sie niemals ablegen, sondern sich dahinter verschanzen.”

„Damit niemand merkt, dass sie unter dem Panzer kein Herz haben”, setzte Martinique hinzu, „Sonst könnte man das nicht einfach hinnehmen, als müsste es so sein. Dabei ginge es auch ganz anders,”

„In der Schweiz wurde es verboten Hummer betäubungslos in heißes Wasser zu schmeißen”, erklärte Christian.

„Nun, das ist ein erster Schritt, aber ich verstehe es nicht, dass es notwendig ist, solche Praktiken überhaupt zu verbieten, anstatt dass die Menschen es von sich aus tun, Leiden vermeiden, das nicht notwendig ist, Leben zu lassen, wo immer es möglich ist, mehr würde es nicht brauchen”, entgegnete Martinique logisch konsequent.

„Hört auf Hummer zu essen, wäre die Botschaft”, sagte Christian, „Und man kann nur hoffen, dass sie jemand hört und entsprechend handelt.”

 

Noch einmal strich seine Hand über ihre Wange, ihre fiebrige Stirn zu kühlen, die Tränen zu trocknen, bis sie wieder eingeschlafen war.

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