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Life is too short for boring stories

Der Tag war voller Geschäftigkeit, ruhiger, entspannter Geschäftigkeit. Nachdem im Stall und im Haus alles erledigt war, fühlte sich Maria immer noch voller Tatendrang und Energie.

 

„Hättest Du Lust in den Ort hinüber zu gehen und den Schnaps abzuliefern?“, fragte Magdalena ihre Nichte.

„Schnaps? Welchen Schnaps?“, entgegnete Maria.

„Du weißt doch wie mich die Menschen im Ort nennen?“, erkundigte sich Magdalena.

„Woher soll ich das wissen …“, doch Maria hielt unvermittelt inne, doch sie wusste es, da war doch was. Aber was? Was hatte die Nachbarin gesagt an jenem Abend, an dem sie in der Schneewehe steckengeblieben war? Sie hatte nicht so genau hingehört, weil sie nichts weiter wollte als endlich anzukommen, an jenem Tag, „Doch, ich weiß es, die Zirbenbäuerin.“

„Das stimmt“, gab ihr ihre Großtante recht, „Aber hast Du Dich denn nicht gefragt warum sie mich so nennen?“

„Eigentlich nicht“, gestand Maria ein, „Ich dachte, das sei eben irgend so ein komischer Spitzname, der Dir irgendwann gegeben wurde und dann hängenblieb. Ich kenne mich mit den Gebräuchen hier nicht so gut aus.“

„Solche Namen haben immer einen Hintergrund“, klärte sie nun ihre Großtante auf, „In meinem Fall ist es deshalb, weil ich den besten Zirbenschnaps in der Gegend mache.“

„Und den verkaufst Du an die hiesige Gastronomie“, vollendete Maria den Satz.

„Richtig. Unter anderem an den Wirten in Haugschlag, aber auch am Golfplatz. Ich kann gar nicht so viel machen, wie die Leute trinken“, meinte Magdalena lächelnd.

„Und deshalb bleibt der Preis oben und die Nachfrage konstant“, sagte Maria zusammenfassend, „Was für eine kluge Geschäftsstrategie.“

„Auf jeden Fall hat der Wirt angerufen und gemeint, er bräuchte noch einen“, erklärte Magdalena, „Er hätte auch jemanden geschickt, aber ich dachte mir, nachdem so ein schöner Tag ist, Du könntest hinuntergehen und ein wenig unter die Menschen kommen. Was hältst Du davon?“

„Eine tolle Idee“, erklärte Maria rundheraus, und sah sich wenige Minuten später, angetan mit festen Schneeschuhen und einem prall gefüllten Rucksack auf dem Weg nach Haugschlag. Ihre Großtante hatte ihr den Weg genau beschrieben, so dass sich Maria voller Elan daranmachte ihn zu beschreiten.

 

Die Landschaft lag vor Maria, in aller Offenheit und Klarheit. Die Luft war angenehm, kühl und rein. Tief atmete sie ein, während sie energisch vorwärtsschritt, die Tritte gedämpft durch den weichen Schnee, in den sie sachte einsank. Es tat gut, nichts weiter zu machen als zu gehen, zu spüren, wie der Körper sich einbrachte, die Beine vorwärtsgingen, ganz einfach, Schritt um Schritt, ganz einfach, immer voran. Ab und an sah sie ein Haus, ein Gehöft. Alles wirkte still und friedlich. Hier schien die Ruhe des Advents tatsächlich ernst genommen zu werden. Es tat gut, los- und sich führen zu lassen. Vereinzelte Büsche zeigten ihre Äste. Der Wald erstreckte sich am Horizont, zog den Blick gen Himmel, der in einem klaren Blau, bloß von ein paar einzelnen Wolken durchbrochen, aufgespannt wie ein Schirm über ihr war. Kurze Zeit später erreichte sie Haugschlag, einen kleinen Ort mit knapp 500 Einwohnern, der aus kaum mehr als aus der Hauptstraße zu bestehen schien, so dass das Wirtshaus nicht zu übersehen war. Es waren viele Gäste darin, was Maria zunächst verwunderte.

 

„Grüß Gott!“, ließ Maria laut und deutlich ihren Gruß vernehmen, um dann direkt auf den Wirten zuzugehen, also auf den Mann hinter der Schank, den sie für den Wirten hielt, „Ich bringe den Schnaps.“

„Das wird aber auch höchste Zeit“, entgegnete der Wirt erfreut, „Die Gäste warten schon drauf. Jetzt habe ich ihn so vollmundig angekündigt, und dann war nur mehr eine halbe Flasche da. Na ja, jetzt passt es ja wieder.“ Sorgsam stellte sie die Flaschen auf die Schank, während der Wirt ihr das Geld reichte. Maria war gerade im Begriff das Geld einzustecken und sich zu verabschieden, als sie der Wirt aufhorchen ließ.

„Und Du bist also die Maria, die Großnichte von der Zirbenbäuerin?“, fragte er, wobei es sich mehr nach einer Aussage anhörte, als nach einer Frage obwohl es als solche formuliert war.

„Ja, aber woher wissen Sie das?“, meinte Maria verdattert.

„Du glaubst doch nicht, dass man hier irgendetwas geheim halten könnte“, erwiderte er, begleitet von einem breiten Lachen, „Der Luisl hats mir erzählt. Hat Dich ja quasi gerettet. Das spricht sich schneller rum als in der Stadt mit all den Verbindungen im Internet und so. Buschtrommeln arbeiten immer noch am effizientesten. Außerdem hat sie ja den Brief geschrieben. Den hab ich zur Post gebracht.“

„Ja, richtig“, erwiderte Maria, und versuchte sich an einem Lächeln, während sie sich ärgerte, dass sie nicht selbst darauf gekommen war. Es war doch so naheliegend. Aber oft fällt es uns schwer gerade an das Naheliegendste zu denken, als ihr etwas Anderes einfiel, „Hat die Post jetzt geöffnet?“

„Heute gar nicht“, erklärte der Wirt, „Wir nehmen unsere Feiertage noch ernst, aber wenn Du was hast, kannst Du es mir da lassen, ich erledige das morgen.“

„Danke, das ist sehr freundlich“, erklärte Maria, der erst jetzt einfiel, dass sie ja erst etwas Schreiben musste, bevor sie es Uwe schicken konnte, „Aber ich bräuchte auch eine Postkarte.“

„Na die haben wir auch“, erklärte ihr der Wirt, und reichte ihr eine solche, die in voller Pracht das Wirtshaus zeigte, zusammen mit einem Kugelschreiber. Maria schrieb schnell die Adresse, und dann eine Nachricht: „Lieber Uwe! Ich bin angekommen, an einem Ort abseits des Trubels und alles Bisherigen. Ich wollte nur, dass Du es weißt. Ich denke an Dich, Deine Maria.“

 

Auf dem Weg zurück dachte Maria lange darüber nach ob es wirklich eine gute Idee war. Was würde er daraus schließen? Sie beschloss sich einfach darauf einzulassen und zu sehen was passierte. Sie hatte einen Schritt auf ihn zugetan. Es würde sich zeigen, ob er seinerseits auf sie zugehen wollte und ob er es verstand, dass sie hier war. So sehr sie sich auch den Kopf zerbrach, sie musste sich letztlich eingestehen, dass sie keine Ahnung hatte wie er darauf reagieren würde. Jetzt kannten sie sich schon seit zwei Jahren, und doch wusste sie so wenig über ihn. Plötzlich wünschte sie sich, sie hätte besser aufgepasst, hätte ihr Miteinander ernst genommen, ihn ernst genommen, und es nicht bloß als lästiges Anhängsel gesehen. Vielleicht lag es auch daran, dass er sich nie darüber beschwert hatte. So war alles in Ordnung. Niemals war sie auf die Idee gekommen, er könnte aus ihrem Leben wieder verschwinden, erst jetzt, als sie den Weg von Haugschlag zurück zum Hof ihrer Großtante ging, jetzt plötzlich dachte sie, dass sie ihn wiedersehen wollte, hatte sie Angst, sie könnte ihn verlieren. Von der Zukunft hatte er mit ihr sprechen wollen, aber sie hatte es nicht wollen, weil es für sie eine ausgemachte Sache war, dass die Zukunft so aussähe wie die Gegenwart. Dabei konnte bereits morgen alles ganz anders sein. Vielleicht hatte er auch schon Abschied genommen, ohne dass sie es wusste. Vielleicht hatte sie ihn schon verloren. Wie blind sie doch gewesen war, wie arrogant und präpotent, in dieser Sicherheit, dass er sie nicht verlassen könnte, weil sie keinen Gedanken darauf verwandte. Doch er hatte die Möglichkeit. Erst hier und jetzt wurde ihr bewusst, dass er alle Möglichkeiten hatte, und die eines Gemeinsam war nur eine von vielen anderen. Deshalb hatte sie diesen Schritt gesetzt, der sie nun zwang abzuwarten. Einfach nur abzuwarten und ihn machen zu lassen, sich auszuliefern an seine Entscheidung. Und dennoch war sie zuversichtlich.

 

Und das Abendessen schmeckte an diesem Tag noch einmal so gut, während das Schiffchen hurtig fortfuhr, zu weben, am Bild ihres Lebens, während sie bangte und hoffte zugleich, während der Tag sich neigte, einen Abschied vorzubereiten, einen neuen Anfang vorzubereiten. Und es war der Abend des achten Advents.

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