Gewöhnung

Bild: Gewöhnung - Daniela Noitz

Es gibt so vieles, an das wir uns gewöhnen.

Wirtschaftsflauten fordern Maßnahmen.
Strenge Maßnahmen.
Die Löhne müssen gesenkt werden.
Die Lohnkosten fallen am schwersten ins Gewicht.
Deshalb müssen die Lohnabhängigen den Gürel enger schnallen.
Aus Solidarität mit dem Betrieb.
Weil der sonst dicht macht.
Dann gibt es gar keine Löhne mehr.
Es stehen alle auf der Straße.
Solidarität mit dem Arbeitgeber.
Während die horrenden Gagen für die Herren in den Chefetagen weiterlaufen.
Die notwendig sind.
Die nichts mit der Flaute zu tun haben.
Aber die Lohnabhängigen.
Sie bestimmen die Geschicke des Unternehmens.
Die Herren Manager sind schwer zu ersetzen.
Die Proletarier an den Maschinen nicht.
Wenn ihr nicht mitspielt.
Wenn ihr nicht zufrieden seid mit den Brotkrumen.

Wir haben uns daran gewöhnt.

Wir haben uns daran gewöhnt,
so sehr,
dass die kleine Stimme der Vernunft,
die raunt,
wenn die Menschen zu wenig Lohn bekommen,
wird die Wirtschaftsflaute noch schlimmer.
Denn es sind nicht die Manager,
die den Konsum ankurbeln,
sondern die kleinen Leute
mit ihren grundlegenden Bedürfnissen.
Aber wer hört schon auf das sinnvolle,
wenn wir uns an das Absurde gewöhnt haben.

Wir haben uns gewöhnt.

Die Sozialausgaben werden immer höher.
Sie müssen gekürzt werden.
Wir können uns diese Wohltaten nicht mehr leisten.
Auch wollen wir es nicht mehr.
In der sozialen Hängematte haben sie es sich gemütlich gemacht.
Arbeitsscheues Gsindl.
Tachinierer.
Tschecheranten.
Das vom Staat gegebene Geld wird für Alkohol verwendet.
Und für Zigaretten.
Die Pensionen müssen beschnitten werden.
Die arbeiten ja auch nichts.
Und all diejenigen, die sich engagieren.
Sie arbeiten nicht, aber sind im Widerstand.
Statt brav und unterwürfig zu sein.
Sie müssen aufs Schärfste überwacht werden.
Arbeitsloses Einkommen darf nicht sein.

Wir haben uns daran gewöhnt.

Wir haben uns daran gewöhnt,
so sehr,
dass die kleine Stimme der nüchternen Tatsachen,
die flüstert,
die Millionen und Abermillionen,
Dividenden-, Zins- und Mietgewinne,
die die Reichen beziehen,
es in Sekt und Kaviar,
Schmuck und Yachten umsetzen,
ohne dafür einen Finger zu rühren,
ohne entsprechend Steuern zu zahlen,
sie sind die,
mit dem echten arbeitslosen Einkommen.
Arbeitsscheues Gsindl.
Tachinierer.
Tschecheranten.
Ohne überwacht zu werden,
ohne sich rechtfertigen zu müssen,
während sie die Nase rümpfen,
angesichts derer,
die für ihr arbeitsloses Einkommen arbeiten.
Kein Wort von Vermögenssteuer.
Oder Erbschaftssteuer.
Oder höhere Einkommenssteuern.
Man darf sie nicht verschrecken.
Sonst flüchten sie.
Mitsamt dem Einkommen,
das sie ohne jede wirkliche Begründung bekommen.
Aber auch daran haben wir uns gewöhnt,
zu sehr,
um es zu wagen,
zu hinterfragen.

Wir haben uns gewöhnt.

Nur mehr 673 Millionen Hungernde.
Nur mehr 45 Millionen ausgezehrte Kinder.
Wir können uns abklatschen.
Auf die Schenkel klopfen.
Was wir doch erreicht haben.
Das waren schon viel mehr.
Wir haben ihnen geholfen.
Was für gute Menschen wir doch sind.
Kein Essen im Sudan.
Im Gaza Streifen.
Macht nichts.
Wir haben ja gespendet.
An Licht ins Dunkel.
Wir werden es wieder tun.
So haben wir uns an den Hunger gewöhnt.
Ans Verhungern.

Wir haben uns daran gewöhnt.

Wir haben uns daran gewöhnt,
so sehr,
dass wir die erstickte Stimme der Realität
weiter abwürgen.
Tiere in den Ställen werden gemästet.
Deshalb hungern Menschen.
Verhungern.
Regenwälder werden niedergebrannt.
Futter für Tiere angebaut,
die wir töten,
die wir essen,
während der Hunger die Innereien der noch Lebenden zerreißt.
Finanzjongleure wetten auf Lebensmittel.
So dass sie unerschwinglich werden.
Doch wir wollen Fleisch.
Wir wollen anderer Menschen Lebensgrundlagen verwetten.
Fleisch und Spiele.
Der Preis ist der Tod.
Der, der anderen,
auf deren Kosten
wir uns den Bauch vollschlagen.
Wir sehen es in den Nachrichten.
Zucken die Achseln.
Dann sehen wir weg.
Es verdirbt die Stimmung.

Wir haben uns gewöhnt.

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