Zum Welt-Ratten-Tag
Draußen am Gehsteig ist sie gelegen. Irgendjemand hat sie totgeschlagen. Blut klebte an ihrem Mund. Ich hoffe, dass sie nicht leiden musste. Nicht lange im Todeskampf lag. Ich glaube es, weil ich es glauben will. Aber so verkrampft wie ihr Körper liegt, muss es wohl anders gewesen sein. Sie hat sich gewehrt. Doch sie hat es nicht geschafft. Andere gingen vorüber und beachteten sie nicht, trotz des Todeskampfes.
„Die sind so eklig“, höre ich Dich sagen.
„Nein, sie sind nicht eklig, sie sind wie sie sind“, erwidere ich matt.
„Aber schau Dir nur den nackten Schwanz an“, sagst Du.
„Und?“, frage ich.
„Und was? Das ist eklig“, meinst Du.
„Es ist, wie es ist“, erwähne ich.
„Und was ist, ist eklig“, bleibst Du dabei.
„Du bist auch eklig“, wage ich anzumerken.
„Du nennst mich im Ernst eklig!“, gibst Du schnaubend zurück.
„Du bist ganz nackt“, gebe ich zurück.
„Ich bin auch ein Mensch“, erklärst Du.
„Und?“, frage ich.
„Menschen sind so“, gibst Du an.
„Menschen sind eklig, ohne nackten Schwanz, nur ganz nackt“, meine ich.
„Menschen haben keinen Schwanz“, sagst Du kopfschüttelnd.
„Wenn bei einer Ratte genügt, sie als eklig zu bezeichnen, nur weil der Schwanz nackt ist, um wie viel mehr gilt das erst für den Menschen, der ganz nackt ist. Das wollte ich sagen“, erkläre ich. Es ist ein ziemlich langer Satz.
„Menschen ziehen was an“, sagst Du.
„Viele nicht. Viele nicht viel“, ergänze ich.
„Aber bei uns, da zieht man sich anständig an“, erklärst Du.
„Damit sich die anderen nicht ekeln?“, frage ich und es klingt wie eine Aussage.
„Sie leben in der Kanalisation. Nackter Schwanz und Kanalisation. Das ist eklig“, meinst Du.
„Aber nur, weil sie keine Häuser haben und dort was zum Essen finden, wo wir es wegschmeißen“, merke ich an.
„Trotzdem tun sie es. Sie sind schmutzig“, sagst Du.
„Nein, sie putzen sich, wie Katzen, mehrmals am Tag“, erkläre ich.
„Das nützt nichts, in der Kanalisation“, führst Du an.
„Sie wollen das nicht. Wenn es anders geht, wohnen sie nicht in der Kanalisation“, füge ich an.
„Sie übertragen Krankheiten“, meinst Du.
„Nur, wenn es keine Straßenreinigung gibt“, sage ich.
„Das hätte die Pest auch nicht aufgehalten“, erklärst Du.
„Warum gibt es bei uns keine Pest, aber immer noch Ratten?“, frage ich.
„Weil die Pest eben nicht mehr da ist“, vermutest Du.
„Die Pest wurde von den Flöhen übertragen, nicht von den Ratten. Die Flöhe kamen mit den Ratten“, mache ich Dir klar.
„Sie sind gefährlich“, bist Du sicher.
„Was für eine Gefahr geht von ihnen aus?“, will ich wissen.
„Sie springen einen an und beißen einen und dann muss man Angst haben, Tollwut zu bekommen“, meinst Du.
„Sie springen Dich nicht an. Sie beißen Dich nicht“, erkläre ich.
„Doch, einer Freundin meiner Cousine ist es passiert“, behauptest Du.
„Weil sie in die Enge gedrängt wurde. Normalerweise flüchten sie. Sie wollen keine Konfrontation. Nur in Ruhe leben. Genug zu essen. Einen Platz für ihre Babies. Miteinander sein. Sie lachen. Sie kümmern sich. Sie sind liebevoll. Sie merken sich Wege ganz schnell. Eigentlich sind sie wunderbare Geschöpfe, die mit uns leben und nicht viel wollen. Nur in Ruhe leben. Nichts weiter. Mit ihren Familien“, fasse ich zusammen. Es war wieder eine lange Aussage.
„Sag nicht Familie, wenn Du von den Biestern redest!“, forderst Du.
„Warum?“, will ich wissen.
„Familie, das gibt es nur beim Menschen. Bei den Viechern, da ist es die Herde, die Rotte, die Kolonie, aber nicht Familie“, erzürnst Du Dich.
„Doch, es ist Familie, oft liebevoller und verantwortungsbewusster als beim Menschen. Vielleicht sogar oft mehr Familie als Mensch. Menschen urteilen, verurteilen, vorverurteilen, teilen ein, kategorisieren. Das tun sie nicht“, sage ich.
„Sie sind eklig“, höre ich Dich wieder sagen.
Und das hat wohl jemand anderer auch gefunden, hat sie erschlagen. Vielleicht hat sie Familie, Babies, die auf sie angewiesen sind. Jetzt ist sie tot. Stille legt sich über die Vorkommnisse. Denn es war ja nur eine Ratte.
2 Kommentare
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nur eine Ratte…
NEIN! Ein Lebewesen – doch noch nicht mal als solches werden andere Tiere, die uns Menschen nicht genehm sind, wahrgenommen. Leidensfähig, liebevoll, ein Teil der Welt die wir zerstören…
Was sind wir Menschen doch für Wesen… Nein, keine Wesen, Wir sind eklige Monster!-
Völlig richtig.
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