Gedankenverloren steckte ich diesen dritten Brief in den Umschlag zurück und griff sofort nach dem nächsten. „Warum sollte eine Arbeiterin nicht auf die Universität gehen?“, dachte ich und war sehr gespannt, wie es weiterging.
Lieber Freund!
Danke für Dein Zutrauen. Du hast natürlich recht, warum sollte eine Arbeiterin bzw. die Tochter aus einer Arbeiterfamilie nicht die Universität besuchen. Wahrscheinlich dachte ich das lange Zeit, weil es ungleich schwieriger ist. Natürlich, der Zugang zum Studium ist grundsätzlich frei. Aber um diese Freiheit wirklich in Anspruch nehmen zu können, braucht es sehr viel mehr als die bloße Möglichkeit. Wie meine Mentorin, die in einem Haus aufwuchs, in dem es viele Bücher gab, Kultur und Kunst und Wissenschaften einen hohen Stellenwert hatten, wo es möglich war, die Kinder finanziell zu unterstützen, ohne dass sie sich um irgendetwas anderes sorgen mussten, das ist eine ganz andere Ausgangslage. In einem proletarischen Haushalt gibt es weder die Zeit noch andere Ressourcen. Wer es unter den Umständen schafft, zu studieren, hat es tatsächlich aus eigener Kraft so weit gebracht. Ich bin ja der Meinung, dass es eine echte Chance geben sollte, für alle, egal aus welcher sozialen Schicht man kommt. Denn nur, weil man nicht mit dem goldenen Löffel auf die Welt kam, heißt das noch lange nicht, dass man nicht intelligent genug wäre. Anders herum übrigens auch. Die Gesellschaft braucht beides, Kopf- und Handarbeiter*innen und es soll jede*r den Platz bekommen, auf dem er richtig ist. Lange Zeit träumte ich davon, andere Kinder, die die Begabung hatten, ebenso zu unterstützen, wie es meine Mentorin tat. Oder als Lehrerin, jenen zu helfen, die ebenso wegen ihrer Herkunft verlacht und ausgegrenzt wurden, wie ich es damals wurde. Leider war mir das nicht möglich. Es macht mich sehr glücklich, dass meine Tochter genau diesen Weg eingeschlagen hat. Die alte Frau, die unter uns wohnte und mir so viel Gutes erwiesen hatte, starb kurz nachdem ich die Nachricht erhalten hatte, dass ich ein Stipendium erhalten würde. Es war fast so, als hätte sie nur mehr darauf gewartet. Ich habe meiner Tochter viel von ihr erzählt, auch von meinen Träumen. Sie hat einen davon umgesetzt. Um mich nicht misszuverstehen, ich habe meine Tochter nie dazu gezwungen, sondern vielmehr dazu animiert, das zu machen, was sie für richtig hielt. Natürlich kann man nicht sagen, inwieweit diese Wünsche, die man hat, die eigenen Kinder beeinflussen, ohne dass sie es bewusst wahrnehmen. Aber nachdem sie mit dem, was sie macht, glücklich ist, möchte ich meinen, es war tatsächlich ihr Wunsch. Denn man kann nicht lange Zeit glücklich sein, wenn man etwas macht, was nur deshalb geschieht, um einer anderen Person einen Gefallen zu tun. So wie es bei Deiner Einladung war. Du hast von Anfang an betont, es ginge nicht darum, Dir zu gefallen oder etwas zu machen, weil Du es Dir wünscht, sondern um eine echte Einladung, die ich auch ablehnen konnte. Gerade deshalb konnte ich mich, so weit es überhaupt möglich ist, unvoreingenommen darauf einlassen. Ich weiß, dass ich noch viel lernen kann, aber eine der wichtigsten Dinge habe ich bereits begriffen, wenn wir unsere Lage verbessern wollen, dann müssen wir zusammenstehen. Die Kraft liegt in der Gemeinschaft, im Miteinander. So lange wir uns entzweien lassen, wird es leicht sein, uns auszubeuten und zu unterdrücken. Doch miteinander sind wir eine Kraft, die man nicht mehr ignorieren kann. Ich habe begriffen, dass es viel Ungerechtigkeit gibt und es ganz bestimmt nicht gottgegeben ist, an welchem Platz man steht. Denn die gesellschaftliche Situation wird von den Menschen bestimmt und ändert sich. Aber für diese Veränderung müssen wir kämpfen. Es wird nicht leicht werden und wohl auch Opfer kosten, aber noch mehr kostet es, wenn wir alles stillschweigend hinnehmen und meinen auf den Großmut der Kapitalist*innen hoffen zu dürfen. Viel zu lange haben sie uns das Märchen aufgetischt, dass es allen besser geht, wenn es ihnen besser geht, dass sie an uns etwas abgeben. Es ist Zeit, das zu beenden, denn wenn es ihnen besser geht, geht es ihnen besser. Sie raffen alles an sich und lassen niemanden einen Teil. Es ist eine glatte Lüge, mit der man uns kleinhält. Das Leben selbst in die Hand zu nehmen, sich selbst ernst und wichtig zu nehmen, den Kopf zu heben und sich nicht länger unterdrücken zu lassen, das ist die Aufgabe. Das Joch, das uns so lange drückte, endlich abzulegen und das zu fordern, was uns eigentlich immer schon zustand, aber trotzdem mit aller Selbstverständlichkeit von den Kapitalist*innen einbehalten wurde. Ein Kampf kann zu Sieg oder Niederlage führen. Nicht zu kämpfen führt auf jeden Fall zur Niederlage. Wir haben letztlich nur unsere Fesseln zu verlieren. Es ist allerhöchste Zeit.
Ich freue mich, mich jetzt Genossin nennen zu dürfen und wir Seite an Seite füreinander eintreten. Deshalb möchte ich meine Briefe mit diesem enden lassen. Es war gut, mir bewusst zu werden, doch jetzt, da ich es bin, soll die Tat an die Stelle des Wortes treten.
So, auf auf zum Kampf, in tiefer Dankbarkeit,
eine Genossin.
Tatsächlich war es der letzte Brief. Es war eine spannende Entwicklung, aus der ich vor allem lernte, dass es nie zu spät oder zu früh ist, sich einzusetzen. Deshalb packte ich die Briefe weg und schloss mich denen an, die sich diesem Kampf verschworen hatten, für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle.


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