Rasieren ist nicht feministisch

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Frauen rasieren sich, alle Stellen, an denen sie meinen, dass die Härchen störend sind, die so für sich hin sprießen. Die an den Beinen, unter den Achseln, die im Gesicht über der Lippe, am Kinn, zwischen den Augenbrauen, an der Scham. Wenn man sich diverse Hochglanzmagazine ansieht, in denen Frauen eingehämmert wird, welche Vorbilder sie sich zu nehmen haben, gefälligst, doch natürlich nicht unterlassen wird, weitschweifig darüber zu parlieren, dass die Frauen doch so sein sollen, wie sie sind und wie sie wollen, wobei das Wollen und das Selbstsein sich am Vorgegebenen des Magazins und anderer seiner Art zu orientieren haben. Diese Frauen, die diese Vorbildfunktion innehaben, sind natürlich alle rasiert. Deshalb tun es ihnen alle nach, weil man meint, das was die machen, entspricht auch meinem Selbstsein und das ist mir auch ganz bestimmt von alleine eingefallen. Schließlich will man als Frau im Schwimmbad nicht die Einzige sein, die wie ein Haarbär aussieht.

Doch plötzlich entdecken die Feminist*innen das Rasiergebaren für sich und ohne weiteres Nachdenken diagnostizieren sie, wie immer messerscharf, beinahe schon rasiermesserscharf, dass die Frauen, diese schlimmen, sich nur rasieren – noch dazu mit den völlig überteuerten rosanen Werkzeugen -, weil sie Männern gefallen wollen. Ein Cartoon brachte es auf den unfeministischen Punkt: Man sieht darauf zwei Frauen im Bikini. Offenbar Freundinnen oder zumindest gute Bekannte. Sie treffen sich im Schwimmbad und plaudern ein wenig. Die eine ist tadellos rasiert, an allen Stellen, die ohne Zwang vorgeschrieben sind, bis hin zur Scham, während bei der anderen die Härchen üppig sprießen, selbst aus den Seiten des knappen Bikinihöschens quellen sie hervor. Die Rasierte sagt, mit einem abschätzigen Blick auf ihr Gegenüber: „Du hattest wohl lange keinen Sex mehr.“ Woraufhin die Unrasierte entgegnet: „Woher weißt Du das?“

Was für eine Frage, wo doch für jede Leserin klar ist, dass frau sich rasiert, wenn sie Sex hat und wer das nicht tut, kann keinen Sex haben. Damit ist klar, die Frauen kommen diesem Unterfangen nur nach, weil sie fuckable, wie man so schön auf Neudeutsch sagt, also für Männer interessant sein wollen. Schließlich ist es das größte Glück auf Erden, für jede Frau, wenn ein Mann sich dazu herablässt, sie interessant zu finden. Deshalb meinen manche Männer, jede Frau verliert alles in ihrem Leben, wenn sie diese negativ bewerten. Als wenn die Bewertung durch einen Mann irgendeine Relevanz für eine Frau hätte. Nun ja, hat sie auch. Das wäre vielleicht einmal eine feministische Stellungnahme wert, aber nein, das geht nicht, denn sie wenden ihre gesamte Kraft für so wichtige Themen wie das Rasieren auf. Tatsächlich scheint also Feminismus lediglich zu heißen, nur nichts zu tun, was Männer erwarten können.

Eigentlich sollte jeder spätestens an diesem Punkt klar sein: Genau so sieht die Denkweise eines Kindes in der Trotzphase aus, das nach dem Prinzip handelt, etwas nur deshalb nicht zu tun, weil der andere, in dem Fall ein Mann, es von mir erwartet. Wenn das allerdings Feminismus ist, dann kann ich getrost darauf verzichten. Als wenn es keine anderen Baustellen gäbe, bei denen der feministische Einsatz vonnöten wäre. Oder traut sich Frau an diese Themen nicht heran?

Jedenfalls tönen zwei Anweisungen auf die Frauen ein, zwei diametral entgegengesetzte. Die der Hochglanzmagazine, die sagen, Du bist nur schön, wenn Du rasiert bist, und die der Kindergartenfeminist*innen, die lautet, dass Du den Feminismus verrätst, wenn Du es tust. Und zwischen drinnen steht eine Frau, die klagt, dass sie sich gerne rasieren würde, aber jetzt nicht weiß, ob sie das darf, weil sie sich doch als Feministin sieht. Zumal sie sich nicht sicher ist, ob sie es tatsächlich will, weil sie sich wohler fühlt oder insgeheim doch nur, um den Männern zu gefallen. Mit anderen Worten: Kann sie ihrem eigenen Wollen trauen oder sie sie wirklich das Opfer des Patriarchats, des Rasier-Patriarchats, das ihr Wollen so weit beeinflusst, dass sie nicht mehr mit Gewissheit zu sagen vermag, ob es ihr Wollen ist und nicht eines, das aus Gehorsam geboren wurde, wobei dieser Gehorsam so tief verankert ist, dass sie ihn nicht sieht.

Ja, da steht sie also, die Arme, den Rasierer bereit, den Fuß am Badewannenrand und hadert mit sich und den Umständen. Rasieren oder nicht rasieren, das ist hier die Frage.

Was meint ihr? Können wir ihr aus dem Dilemma heraushelfen, um uns davor zu bewahren, dass sie nochmals einen tiefschürfenden Artikel in einem deutschsprachigen Qualitätsmedium veröffentlicht, das sich selbstverständlich nur um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens kümmert? Was sollen wir ihr sagen? Schreibt es mir gerne in die Kommentare.

Wie sie sich letztlich entschieden hat, kannst Du hier nachlesen.

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