Ich mache Dich reich

Ich mache Dich reich – Alle Geschichten

„90% von Euch werden es nie schaffen, ein solches Auto zu fahren“, sprach die Dame, in ihrem Video, das mir – aus welchen Grund auch immer – in die Timeline gespült wurde, während sie aus ihrem Porsche Cayenne ausstieg und auf Highheels und im Sommerkleid wegstolzierte. Mein erster Gedanke war, das kann schon sein, aber ich will so ein Auto auch gar nicht fahren. Wahlweise kann an dieser Stelle auch von einem Luxusleben auf den Malediven oder vom herumwuselnden Hauspersonal, das man zur Seite haben kann, gesprochen, während das Geld von selbst auf das Konto fließt, in fünf- wenn nicht gar sechsstelliger Höhe.

„Wow“, denke ich dann, „Das muss schon ein großes Geheimnis sein, das da gelüftet wird, wenn es zu einem Haus auf den Malediven, zu Butler, Gärnter, Hausmädchen, Koch, Porsche Cayenne vor der Türe, wenn nicht gar Privatjet und einem nie versiegenden Geldstrom führt.“ Allerdings auch, „Wer zahlt jemandem fürs Nichtstun viel Geld?“ Und die Antwort kommt prompt: „Wenn man die einzigartige Methode dieses Coaches wählt, dann, ja dann kann man das alles haben.“ Nur, dass wir uns nicht missverstehen, ich brauche keinen Porsche Cayenne, auch keinen Privatjet, kein Haus auf den Malediven und keine dienstbaren Geister. Dennoch bin ich überrascht, dass es so viele gibt, die behaupten, sie könnten jeder und jedem dazu verhelfen, durch ihre einzigartige Methode. Spannend daran ist allerdings auch, dass behauptet wird, diese Dinge sind im Leben erstrebenswert, und nicht etwa stabile Beziehungen, Freundschaft, Verbundenheit, Friede und eine intakte Umwelt. Da schon das große Auto, die dicke Brieftasche und das Leben als Pseudoaristokrat*in. Diese Egozentrik, die mit aller Selbstverständlichkeit als erstrebenswert dargestellt wird, ist auch der Nährboden für Entzweiung, Unfrieden und Isolierung, denn alles, was zählt bin ich. Und in dem Fall, der Coach oder die Coachin, die an der Dummheit der Menschen verdienen, die sich davon einwickeln lassen.

Sind wir uns einmal ehrlich. Natürlich gibt es einige, wenige Menschen auf der Welt, die im Schaukelstuhl, pardon, auf der Privatyacht sitzen, sich vom Butler einen Drink bringen lassen, während das Konto sich unaufhörlich füllt, mit arbeitslosem Einkommen. Doch dieses Geld, das muss inzwischen schon dem geistig Minderbemitteldsten klar sein, muss irgendjemand verdienen, und zwar durch Arbeit, egal ob körperliche oder geistige. Dieser Mensch arbeitet also nicht nur für sich, sondern für die eigentlichen Schmarotzer dieser Welt, die da wären, Dividendenbezieher*innen, Mieteinnehmer*innen, Zinsbeansprucher*innen und Spekulant*innen. All diese Parasiten unserer Gesellschaft, die von der Arbeit der anderen, sog. Anständigen, Fleißigen und Tüchtigen ein Luxusleben führen, sind der eigentliche Untergang unserer Solidargemeinschaft. Nicht die, die Sozialhilfe, Arbeitslose oder sonst eine Sozialleistung empfangen, die demgegenüber im Peanutsbereich liegt. Aber das Beste daran ist, diese wahren Parasiten der Gesellschaft werden vom anständigen, arbeitssamen, fleißigen Volk auch noch verteidigt. Warum? Weil sie uns, wie diese Coaches, erfolgreich einreden, wenn wir nur brav machen, was sie uns sagen und dafür bezahlen, können wir auch einmal, irgendwann einmal in diese Position kommen, einer von Tausend zu sein, so dass ich auch hübsch nach unten treten kann. Das ist doch wirklich das absolute Ziel aller Träume.

Ja, es klinge verführerisch. Dabei würde es genügen, wenn alle so viel hätten, dass sie menschenwürdig leben können, genug zu essen, genug zum Heizen und ein Dach über dem Kopf, einen Ort, an dem man zusammensitzen, lachen, Spaß haben und sich austauschen kann. Und dazu brauchen wir nur aufhören all den Schmarotzern etwas zu zahlen, den Parasiten unserer turbokapitalistischen Gesellschaft. Dann hätten tatsächlich alle mehr, mehr zum Leben und mehr Sicherheit. Dann wären auch die sozialen Spannungen und die damit einhergehende Gewalt passe. Und nein, ich möchte nicht reich werden auf Kosten derer, die noch weniger haben als ich. Ich möchte in Ruhe leben, hinaus in den Wald gehen können, den es noch gibt und der gesund ist. Alles andere ist Betrug. Das jedoch ist das echte Leben, ein gutes Leben. Und das ist es, was ich mir für alles wünsche. Schade, dass es dafür keine Coaches gibt.

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