Müll (2)

Müll (2) – Alle Geschichten

Totenwache hielt Mathilde. Auch ihr Versteck hinter dem kleinen Hügel aus Schutt änderte nichts daran. Die Menschen in den weißen Anzügen öffneten die Türe und gingen hinein in den Stall. Mathilde hatte das tote Schwein im Auge. Die Menschen waren daran vorbeigegangen. Ob sie es bemerkt hatten? Kurz war es ihr, als würden sie stehenbleiben und es betrachten, doch sie schienen unter Zeitdruck zu stehen. Dann waren sie verschwunden und die Türe hinter ihnen wieder geschlossen. Mathilde wollte ihr Versteck gerade verlassen, als weitere Autos kamen. Viele Menschen stiegen aus und entrollten Transparente, stellten sich an den Wegesrand und verharrten. „Nein zum Vollspaltenboden“, konnte Mathilda lesen oder „Stroh statt Beton“. Was hatte dies zu bedeuten? Was wollten die hier? Ein wenig Angst machten sie ihr, aber sie wollte unbedingt wissen, was da los war. Deshalb nahm sie sich ein Herz und ging auf eine Frau in der Reihe zu, um sie zu fragen.

Es war eine junge Frau, die auch eine Weste mit einem Tierrechtsslogan trug. Sie sah zunächst ein wenig skeptisch drein, doch als ihr Mathilde erzählte, dass sie nur aus der Gegend sei und wissen wolle, was da los war, hellte sich ihre Miene auf und sie gab bereitwillig Auskunft. Der Grund ihres Hierseins war, dass sie gegen die Misshandlung der Schweine eintraten, die in diesem Stall geschah. Vollspaltenböden war eine Haltungsform, bei der Schweine auf engstem Raum auf Betonböden gehalten wurden, die von Spalten durchzogen waren. Daher der Name Vollspaltenboden. Das diente dazu, dass die Bäuer*innen nicht ausmisten mussten, sondern die Exkremente vom Gewicht der Schweine durch die Spalten in einen Hohlraum darunter gedrückt wurden. Das funktionierte aber auch nicht wirklich. Aber selbst wenn, waren die Schweine dazu verdammt ihr ganzes kurzes Leben von knapp sechs Monaten über ihren eigenen Exkrementen verbringen mussten, was zur Folge hatte, dass die meisten von ihnen Augen- und/oder Lungenentzündungen hatten, denn die Dämpfe griffen die empfindlichen Schleimhäute an. Darüber hinaus hatten die meisten von ihnen Gelenksprobleme, weil die Spalten scharfkantig waren. Ein weiteres Problem war der Platz. Einem Schwein mit 110 kg wurden gerade mal 0,7 m2 Platz zugebilligt. Den hochintelligenten Tieren war langweilig, so dass sie mangels Beschäftigung dazu übergingen, sich gegenseitig anzuknabbern. Deshalb wurden ihnen routinemäßig die Schwänze abgeschnitten. „Das heißt, die Bilder, die ihr auf den Transparenten habt, sind echt, aus Betrieben in Österreich?“, fragte Mathilde letztendlich. „Ja, und genau so sieht es auch in dem Stall aus“, musste Mathilde von der Aktivistin erfahren. „Und die Leute, die hineingegangen sind, gehören die auch zu Euch?“, fragte das Mädchen, das trotz allem das Schwein, bei dem es Totenwache gehalten hatte, nicht aus den Augen ließ. „Nein, das ist eine andere Gruppe“, meinte die Frau, mit der Mathilde sprach, „Aber sie wollen das Gleiche wie wir, dass die Amtstierärztin kommt, um die Missstände zu dokumentieren.“ „So wie das tote Schwein dort drüben?“, fuhr Mathilde fort. „Genau, so wie dieses arme Tier, dass gemästet wurde, gelitten hat, kein Leben hatte, einen sinnlosen Tod starb und nun wie Müll hier herumliegt.“ „Genau das habe ich mir auch gedacht“, meinte Mathilde, „Wie Müll entsorgt. Ein Ding, das keinen Nutzen mehr hat und deshalb einfach weggeworfen wird. Darf ich dableiben?“ „Sicher“, sagte die Aktivistin und so blieb Mathilde und erlebte die Ankunft der Polizei, die versuchte, die Amtstierärztin zum Kommen zu bewegen. Doch diese meinte, sie käme erst, wenn die Menschen, die in dem Stall waren, diesen verließen. So geschah es. Und noch etwas anderes passierte. Ein Lastwagen der Tierkörperverwertung war gekommen, der Fahrer ausgestiegen und mit einem Fleischerhaken zerrte er das tote Schwein in eine Ladevorrichtung. „Wie Müll“, wiederholte Mathilde und sah dem Tier traurig nach. Dann wollten sich die Aktivist*innen auf den Weg machen, doch Mathilde fragte, ob sie nicht noch zu einer Jause auf den Hof ihrer Eltern kommen wollten. „Aber wir leben alle vegan“, meinten die Aktivisten. „Vegan, was ist das?“, fragte Mathilde, die ihr ganzes Leben lang schon so verbracht hatte, aber es bis jetzt nicht wusste. „Das bedeutet, dass wir keine tierlichen Produkte konsumieren“, wurde sie aufgeklärt. „Dann seid ihr bei uns richtig. Ich habe noch nie etwas gegessen, was von einem Tier kam“, meinte Mathilde, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt, was es für sie auch war, weil sie es nicht anders kannte. Teils skeptisch, weil sie fast nicht glauben konnten, was sie gehört hatten, teils neugierig nahmen die Aktivist*innen die Einladung an. Was würde sie am Hof von Mathildes Eltern erwarten?

Du willst wissen, wie es weitergeht? Hier geht es zu Teil 3.

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