Vegan sein ist so verdammt schwer

Vegan sein ist so verdammt schwer – Aktivismus

Hartmut saß auf der Terrasse seines Lieblings Cafés und genoss die frühlingsfrühen Sonnenstrahlen, während er amüsiert dem Treiben bei einem Stand der Tierschützer zusah.
„Ganz schön viel los“, dachte er erstaunt, „Aber die Kleine mit dem Wuschelkopf, die schaut echt zum Anbeißen aus.“
„Vergiss es“, erklärte ihm Ludwig, sein bester Freund, der mit ihm am Tisch saß, „Das ist eine von den Veganidioten. Da würde ich gar nicht erst anstreifen. Schnuckelig ist sie ja, aber die will Dich sicher bekehren.“
„Ich freue mich schon auf die kommenden Tage“, wechselte Hartmut abrupt das Thema, „Eine ganze freie Woche und ich werde nichts weiter tun, als es mir gut gehen lassen.“
Kurz darauf verabschiedete sich Ludwig, woraufhin Hartmut seinen Sonnenplatz verließ, um zum Tierschützerstand zu gehen, quasi die Seiten wechselnd.

„Hallo“, sagte er zu dem Mädchen mit dem Wuschelkopf, „Ihr seid doch hier, um den Menschen vorzuschreiben, kein Fleisch mehr zu essen.“
„Ganz und gar nicht“, meinte sie lächelnd und ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, wie Hartmut gehofft hatte, „Wir möchten den Menschen nur aufzeigen, was für Folgen ihr Tun haben.“
„Und die wären?“, fragte Hartmut.
„Wir sperren gerade 80.000.000.000 landlebende Tiere ein, unter den schlimmsten Bedingungen, nur um sie zu essen“, womit sie auf etliche Fotos wies, „Aber neben dem enormen Tierleid, geht es auch um die Umwelt. Die Tiere müssen schließlich gefüttert werden. Dafür wird der Regenwald gerodet und die Meere leergefischt. Die Tiernutzungsindustrie hat damit den größten Einfluss auf den Klimawandel. Darüber hinaus 800.000.000 Menschen an Hunger. Das ist, weil wir diese wichtigen Kalorien an die sog. Nutztiere verschwenden. Außerdem ist der hohe Konsum an tierlichen Produkten für viele Zivilisationskrankheiten verantwortlich. Alle Menschen, die ich kenne, und das sind einige, die sich entschlossen haben, sich vegan zu ernähren, fühlen sich viel besser als vorher. Kurz gesagt.“
„Das ist schlimm. Das habe ich alles nicht gewusst“, gestand Hartmut ohne Weiteres ein, „Dann sag mir, wie werde ich vegan? Ich will das einmal probieren.“
„Probier es einmal damit“, forderte die Aktivistin ihn auf, wobei sie ihm einige Broschüren in die Hand drückte, „Das sind Rezepte für Einsteiger*innen und viele andere Tipps.“
„Darf ich Dich kontaktieren, wenn ich Fragen habe?“, fuhr er fort.
„Klar, ich bin Sarah und hier ist meine Telefonnumer“, antwortete sie lächelnd, woraufhin Hartmut auch seinen Namen nannte und davoneilte. Er hatte jetzt viel zu tun. Und anstatt auszuruhen, wie er es sich vorgenommen hatte, widmete er sich den veganen Gerichten. Das Zubereiten, ja schon das Einkaufen, war sehr zeitaufwendig, da er so vieles erst suchen musste, aber je mehr er ausprobierte, je intensiver er sich mit der Materie befasste, desto besser gefiel es ihm. Jeden Abend telefonierte er mit Sarah, um ihr von seinen neuesten Erkenntnissen zu berichten und auch zu erzählen, wie lecker das Essen war, wie gut es ihm ging. Das Mädchen mit dem Wuschelhaar, wie er sie insgeheim immer noch nannte, war stets freundlich und unterstützend. Sie schien sich ehrlich mit ihm zu freuen.
„Das ist alles so toll“, meinte er eines Abends, „Dabei bleibe ich und werde es auch weitererzählen. Danke für Deine Unterstützung.“ Dann legte er auf, um mit seinen Freunden ein Fußballmatch zu besuchen. Es sollte das letzte Gespräch sein, dass er mit Sarah geführt hatte.

Mit Begeisterung verfolgten die Männer das Spiel. Anschließend beschlossen sie, den nächstgelegenen Würstelstand zu besuchen, denn das Mitfiebern mit der eigenen Mannschaft ist äußerst kräftezehrend. Die Freunde bestellten die diversen Sorten an Würsten. Zuletzt kam Hartmut an die Reihe. Da gab es nichts Veganes, zumindest, so weit er erkennen konnte. Er wagte es nicht zu fragen. Was würden seine Freunde sagen? Ludwig hatte ihn schon den ganzen Abend so komisch angesehen. Ob er etwas ahnte? Zuletzt siegte sein Opportunismus und er bestellte die obligatorische Käsekrainer. Vergessen waren Tierleid, Welthunger und Umwelt, sogar das eigene Wohlbefinden.
„Und ich dachte für einen Moment schon, Du wärst zu den Veganischen übergelaufen“, meinte Ludwig amüsiert, als sein Freund neben ihm die Wurst mampfte, „So wie Dir das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, als Du die Kleine gesehen hast, meinte ich schon, sie würde Dich einkochen. Darin sollen sie gut sein. Echt das Letzte. Ein echter Mann braucht Fleisch und die Viecher, die sind ja dafür da.“

„Klar“, gab Hartmut kurz zurück, denn schließlich wollte er sein wie alle anderen. Und vegan zu sein, das war doch so verdammt schwer. Da spielte es auch keine Rolle, dass sein Körper gegen den Fleischverzehr rebellierte. Er würde sich schon wieder daran gewöhnen. Seine Freunde und das Bild, das sie von ihm hatten, war schließlich wichtiger als alles andere.

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