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Life is too short for boring stories

Sie arbeitete. Ihre Hände waren zerfurcht. Der Ausblick aus ihrem Zimmer in den Hinterhof war trist. Heute hatte sie von Menschenrechten gelesen, in einer Zeitung. Recht auf Leben – das wahre Leben? Recht auf freie Meinungsäußerung – Recht auf Gehört-werden? Recht auf Gottesverehrung – das Angenommen-sein? Jeder hat ein Anrecht auf sein Stück vom Glück – Recht auf Liebe? War sie nicht dabei gewesen, als der Kuchen verteilt wurde? Wer hatte auf sie vergessen? Die Mächtigen? Die Weisen? Gott? Sie stützte den Kopf in die Hände und blickte auf den Hinterhof. Blumen hätte sie gerne gepflanzt. Ein bisschen Grün. Und Hoffnung. Doch die Sonnenstrahlen drangen nicht bis in den Hof. Die Mauern waren zu hoch. Sie war umgeben von diesen Mauern, auch wenn sie sich selbst von ihnen freigehalten hatte. Ihr Blick war noch voll Hunger und Stille, voll Wärme und Annahme.

Da geschah es. Ein Klappern hallte durch den Hof. Nagelschuhe auf Beton. Manschettenknöpfe auf den tadellos weißen Hemdaufschlägen. Die Tür ging auf. Viele Stunden später erneut, knapp vor Morgengrauen. Dasselbe Klappern am Beton, nur in die andere Richtung. Ein vorsichtiger Blick – hoffentlich wurde er nicht gesehen, um diese Zeit, in dieser Gegend. Er vergewisserte sich, dass alles ruhig war. Dann huschte er um die Ecke und ging weg. Nicht von ihr. Nur weg. Vor ihm selbst und der Lauheit seines Herzens, die da war, sobald er sich in seinen Schuhen klappern hörte. Da war nicht einmal mehr Tod in seinen Augen, denn dafür hätte er zuvor leben müssen, doch das ging nicht, mit weißen Manschetten. Lebensvollzug heißt Liebesvollzug. Endlosigkeit im Augenblick, so sehr selbstvergessen, dass er ganz selbst wurde. Er war bei ihr gewesen, die ganze Nacht. Natürlich hatten sie miteinander geschlafen. Wie hätte er sonst seinen Ausflug am nächsten Tag rechtfertigen können? Vor allem vor sich selbst, denn sonst wusste niemand davon. Darum ging es aber nicht. Es war vielmehr sehr schnell abgetan. Er war bei ihr und er war es, in dem Moment, in dem es ihm möglich gewesen war, ohne weiße Manschetten und Nagelschuhe. War schön, mit dem Leuchten des Lebens in den Augen. Er hatte so viel zu erzählen, und wusste selbst nicht woher. Was ihm war, war Raum für seine Worte, für die Ganzheit seiner Person, für seine Ankunft. Die Worte kollerten, purzelten heraus, verwirrten sich, verquollen, entschlüsselten, schlossen auf, was weggesperrt war. Auch das Lachen fand er wieder, frei und unbekümmert, als wäre es niemals anders gewesen. Er nannte sie seine Prinzessin. Sie war es, die ihn durchspürte, selbst noch durch die 100 Decken seines Selbstschutzes. Er entschlüpfte dieser Barriere, ohne es recht zu wissen, ohne sie abzulegen. Nur ein kleiner Notausgang, ein winziges Stück Freiheit vom Zwang der unbegrenzten Möglichkeiten, die alles zulassen, nur nicht die Freiheit selbst, die Freiheit für jemanden da und diesem Du zu sein. Sie hatte es ihm gesagt. Du, ihm in die Augen geblickt, und er erkannte, dass sie alles gesagt hatte, was je sagbar ist, mehr als er je vernommen hatte. Er wusste, auch von der Liebe, plötzlich. Und er ging. Klappern im Hof und Manschetten an den weißen Hemdaufschlägen.

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