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Life is too short for boring stories

Diese Natur war auch rund um das Haus gewesen, damals als sie einzogen. Stundenlang konnte man über Felder und durch kleine Wäldchen wandern. Damals lag ihr Häuschen am Stadtrand, doch mittlerweile hatte die Stadt es verschluckt, die ewig pulsierende und sich ausdehnende, ungehemmt wachsende und vereinnahmende. Rundherum waren Häuser gebaut worden, immer mehr und mehr Häuser. Die Infrastruktur wurde ausgebaut, und die vormals ruhige Straße vor dem Haus, wurde zur Durchzugsstraße für den Berufsverkehr, die Straßenbahn und viele Busse. Laut war es um ihn geworden, während es in ihm immer stiller wurde. Er hatte sein Leben gehabt. Nun schien er nichts weiter mehr zu tun zu haben als zu warten bis sein Leben auch ein Ende fand, bis er seiner Frau folgen durfte.

Max Mank hielt es in seinem Häuschen nicht mehr aus. Immer öfter sah man ihn ziellos durch die Straßen ziehen, wenn man ihn denn hätte sehen wollen. So viele Menschen gingen an ihm vorbei, überholten ihn, streiften, wenn sie an ihm vorbeihasteten, doch keiner von all denen schien ihn zu sehen. Alle waren in Gedanken schon bei ihrem nächsten Ziel. Es ging so schnell, so fürchterlich schnell. Ungeduldig wurde gehupt, wenn er es nicht schaffte schnell genug über die Straße zu gehen. Wonach waren die Grünphasen bei der Fußgängerampel wohl berechnet worden? Nach einem Spitzensportler, der in zwei Sekunden von einem Fahrbahnrand zum anderen hechtet? Warum hatten all die Menschen so wenig Zeit und er so viel davon?

Damals, als die Kinder klein und seine Frau noch da war, da hatte er auch keine Zeit gehabt. Ein Foto seiner Familie stand auf seinem Schreibtisch. Ab und an nahm er es zur Hand und wünschte sich, er hätte mehr Zeit gehabt, die er mit seiner Frau und seinen Kindern verbracht hätte. Hätte er sich nicht einfach Zeit nehmen können, damals? Wäre es nicht irgendwie möglich gewesen einmal eine Stunde früher nach Hause zu gehen, um mit ihnen über die Felder hinter dem Haus spazieren zu gehen oder mit ihnen zu Abend zu essen, vielleicht die Spielkarten aus dem Schrank zu holen und mit ihnen zu lachen? Er sah sich, da am Schreibtisch sitzend und seufzend das Foto zurückstellend. Er musste arbeiten. Es ging nicht anders. „Natürlich wäre es gegangen“, sagte er in Gedanken zu seinem jüngeren Ich, doch er erreichte es nicht mehr, und so blieb er im Büro, zu einer Zeit, da sie noch da waren, bei ihm und er nicht gänzlich verlassen.

Als sie da waren, hatte er keine Zeit gehabt. Jetzt waren sie nicht mehr da, und er hatte Zeit. Aber wem nützte das noch? Wem nützte er noch? Sinn- und ziellos streifte er durch die Straßen, jeden Tag. Ab und an, wenn er nicht mehr weiter konnte oder wollte, setzte er sich auf eine Bank und beobachtete die Menschen. Am liebsten hätte er ihnen gesagt, was er jetzt wusste, dass man sich um die anderen kümmern musste so lange man die Gelegenheit hatte, denn es kann so schnell gehen, dass es zu spät ist. Dann, dieses dann, auf das man sich immer so gerne verlässt, wird es nicht geben, denn die Menschen, die man für dieses Dann einplant, werden nicht mehr da sein. Er sagte nichts, denn all die Eilenden und Hetzenden hätten ihn nicht verstanden, so wie er es wohl damals auch nicht verstanden hätte. Felsenfest wäre er damals davon überzeugt gewesen, dass sich nichts ändert.

Max Mank beobachtete, dass sich die Menschen nicht umeinander kümmerten, doch sie kümmerten sich um ihre Hunde. Aus irgendeinem Grund schienen diese Menschen mehr Zeit zu haben, diese Hundemenschen. Er sah, wie sie stehenblieben, einfach so, nur um ihren Hund zu streicheln. Er sah, dass sie mit ihrem Hund redeten, so wie sie es mit anderen Menschen nicht taten, außer wenn ein Hundemensch einen anderen traf, dann blieben beide stehen und sie unterhielten sich. „Menschen mit Hund sind anders, eben Hundemenschen“, sagte er zu sich selbst, und da kam ihm eine Idee.

Max Mank klingelte an der Haustüre seiner Nachbarin, Friederike Frei. Mehr als die üblichen Grußworte hatte er bis jetzt mit ihr nicht gewechselt, aber er wusste, dass sie Witwe war und ebenfalls alleine in ihrem Häuschen lebte. Sie war eine stämmige, robuste Frau, die nichts so leicht erschüttern konnte, doch Max Manks Frage versetzte sogar sie in Erstaunen.

„Guten Morgen“, hatte er gesagt, und ohne Umschweife hinzugefügt, „Darf ich Ihr Hund sein?“

„Guten Morgen“, entgegnete sie ruhig, während sie überlegte ob sie es nicht mit einem Irren zu tun hatte, den sie vielleicht besser meiden sollte.

„Seien Sie nicht ungehalten. Lassen Sie es mich Ihnen erklären. Es dauert auch nur wenige Minuten“, bat Max. Wenn er schon irre war, so doch auf eine gutmütige Weise, war Friederikes Ansicht, so dass sie Max hereinbat.

Max Mank und Friederike Frei fanden ein Einvernehmen, denn bereits am nächsten Tag sah man, wenn man sehen wollte, eine Frau, die einen Mann an der Leine führte. Nichts als seine Matratze hatte Max Mank aus seinem Haus mitgenommen, als er zu Friederike Frei übersiedelte und seinen neuen Dienst als ihr Hund antrat. Zwei Mal am Tag wurde er spazieren geführt, bekam regelmäßig seine Mahlzeiten und war für Friederike ein treuer, geduldiger Zuhörer. In allem war er ihr ein guter, gewöhnlicher Hund, nur am Tisch von einem Teller essen zu dürfen, das hatte er sich ausgebeten.

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