Inhaltsverzeichnis:
0) Der Ursprung aller Ungerechtigkeit im Neolithikum 2
1) Die Ent-Stellung des Menschen im Universum 3
2) Im Rausch des Anthropozän 4
3) Vom Absolutismus zum bürgerlichen Terror 5
4) Krieg den Hütten! Frieden den Palästen! 6
5) Rafft die Röcke, ihr Frauen der Commune 7
6) „¡Es mejor morir de pie que vivir toda una vida de rodillas!“ 8
7) Die Reaktion ist der Tod der Aktion 9
8) Wir sind das Volk 10
9) Die repräsentative Demokratie als Instrument der Unterdrückung 11
10) Alles wird konserviert! 12
11) ¡No Pasarán! 13
12) Revolution mit Nelke 14
13) Den Stein zum Grab 15

0. Der Ursprung aller Ungerechtigkeit im Neolithikum

Der Stein wurde gelegt, der erste, mit dem die Grundlage für die Mauern gelegt wurde, zwischen der Freiheit und der Versklavung, der Autonomie und dem Despotismus, dem Miteinander und der Unterwerfung. Land, Tier, Mensch, alle wurden in Geiselhaft genommen von der Notwendigkeit zu verteidigen, was man sich ruchloser Weise ungestraft aneignete. Inmitten des friedlichen Verstehens wurde der Sturm der Zwietracht entfacht, der Orkan der sozialen Verwüstung entfesselt. 

Grundstein für Eigentum und Besitz, Nationalismus und Patriotismus. Alles begann mit nur einem Stein. Mauern zu bauen, Zäune zu errichten, einzusperren, was dem Leben und seiner Lebendigkeit entzogen und in die Geiselhaft des Eigentümers gezwungen wurde, das Land, die Tiere und die Frauen. Das Land zur Bewirtschaftung. Wo sind die Gräser hin verschwunden, die wilden und genießbaren, jedem zugänglich? Die Tiere für die Vorratshaltung. Wo ist das Bestreben der freien Entfaltung der individuellen Planung und des Verbleibens im angestammten Sozialverband geblieben? Die Frauen reduziert auf die Verpflichtung zur Fortpflanzung. Wo sind die sonnigen Tage der Liebe als eigene, unverfälschte Entscheidung verkommen? 

Er legte seinen Stein, der Mensch, der sich entschloss, die erste Aneignung zu vollziehen, ohne über die Folgen nachzudenken, denn sein Denken geht nicht über den begrenzten Horizont seines Besitzwillens hinaus. Ausgesperrt, was nicht hineingehört, was nicht beherrschbar ist. Wie die Klugheit der Verbundenheit mit der Natur, dem Lebendigen. Wie die Beständigkeit eines tätigen Miteinander. Wie die Zugehörigkeit zu einem Ganzen und einer Solidargemeinschaft. 
Ein anderer kam, einer, der nicht eingelassen werden sollte, der damit zum Feind wurde, zum Gegner, zum potenziellen Dieb, der nichts wusste von all dem Potential, das ihm aufgebürdet wurde, durch den einen Stein. Langsam kam er näher, zu begutachten, was da geschah, inmitten der Weite, die jedem zugänglich war, bis zur Legung dieses ersten Steins. Ganz nahe kam er, doch der, der den Stein legte, witterte Gefahr. Mitten durch das Land, das er sich aneignen wollte, könnte er wandern, dieser andere. Das durfte er nicht zulassen. Deshalb nahm er den Stein auf, den der Grundlegung. Mit aller Kraft schleuderte er ihn von sich, den störenden Anderen zu erschlagen. Tot blieb er liegen. Unbehelligt wurde die Mauer gebaut. Die Pfähle in den jungfräulichen Leib der Erde gerammt. Die erste Inbesitznahme vollzogen. 

Es war der Stein, der die Weichen stellte in eine Zukunft der Ausbeutung und Entfremdung. Und es begann mit einem Mord. Während der Tote von wilden Tieren aufgefressen wurde, ward das Werk vollbracht. Der erste Stein, das Mordwerkzeug wurde zum Eckstein der Zivilisation. Der Mord als Ursprung, der sich fortsetzt, festsetzt und bleibt.
Und die Nelke blüht, dort, wo die Sonne noch scheint, am Abhang, den der Andere herunterkam, um einen Menschen zu finden, aber eine Bestie vorfand. Im vollen Schein der Sonne, auf dem Areal, das noch nicht vom imperialen Gemetzel verseucht ist, entfaltet die Nelke sich in ihrem prächtigsten Rot. 


Die Nelke blüht. Der Stein mordet. Seit dieser Zeit.

01. Die Ent-Stellung des Menschen im Universum

„De revolutionibus orbium coelestium“, so der sperrige lateinische Titel des Hauptwerkes von Nikolaus Kopernikus, das 1543 in Nürnberg erstmals gedruckt wurde, im Jahr seines Todes, nachdem er es Jahre zurückhielt. Erkenntnisse, von denen er wusste, dass sie ihm große Schwierigkeiten einbringen konnten, vor allem von Seiten der Kirche, da er der Bibel, der Heiligen Schrift, widersprach. Bis heute gibt es Menschen, die das heliozentrische Weltbild, in dem alle Planeten um die Sonne kreisen, nicht anerkennen. Eine abgeschwächte Form des geozentrischen Weltbildes findet sich im „Tychonischen Weltbild“, bei dem sich die von den anderen Planeten umkreiste Sonne um die Erde bewegen. Für deutschgewohnte Ohren klingt es fast nach einer Verniedlichung, wenn man den Titel übersetzt mit „Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären“. Denn wo ist das „revolutionibus“ abgeblieben, was doch sehr an „Revolution“ erinnert. Dabei bedeutet dieses lateinische Wort nichts weiter als Umwälzung. Ein zahmes Wort. Wirklich? Umwälzung, planiert mit der Dampfmaschine, das, was man nicht sehen will, ans Licht bringen. So ist Revolution. Umwälzend. 


Veränderung der Verhältnisse kollidiert mit den Herrschenden, die sich die Meinungshoheit anmaßen, hegemoniale Strukturen bauen, mit dem Eckstein des ersten Mordes, ihre Machtfülle konsolidieren, unterfüttert von den Speichelleckern der von der Stellung der Besitzenden vermeintlich Profitierenden. 


Wissenschaftlich fundierte Erkenntnis als Stein des Anstoßes, als das Abartige, das die gottgewollte Vormachtstellung des Menschen in Frage stellt. Adel an der Spitze als Geburtsrecht, die höhere Bürgerschaft in ihrer Abgeschlossenheit vom Pöbel, die Priester-, Kultkaste der herrschenden katholischen, also allumfassenden, Kirche, mit dem Papst als führenden Präpotenten, pardon, Potentaten der Allmachtsphantasien.


Soziale Abstufung als unausweichliche Vorgabe. Adel, Bürger, Priester, darunter der Pöbel. Mann darunter die Frau. Unter der Frau die Kinder. Mensch als das Ausgezeichnete nach dem Schöpfungsmythos, darunter die Tiere, die Natur. Herrschende beuten Untergebene aus. Im Himmel, der die Erde umspannt mit dem gottebenbildlichen Menschen im Zentrum, gibt es den Ausgleich für die erlittene Ungerechtigkeit.
Verloren das Zentrum, die Allmacht, die gottgegebene Ordnung, da Gott verwiesen wurde des sternenumfluteten Firmaments, indem der Mensch als seine nach ihm geformte Kreatur ent-stellt, an die Seite gestellt wurde, in irgendeinen Winkel der schieren Unendlichkeit. Ausgestellt, dem Spott des Wissenden preisgegeben.


Die Erde als Sitz des Menschen aus dem Zentrum gerissen, die Allwissenheit der allumfassenden Kirche zerbröckelnd. Papst als Vertreter Gottes auf Erden, auf einer nicht mehr herausragenden Erde, sondern als kleiner, unbedeutender Himmelskörper inmitten aller anderen. Wie der Mensch, egal wer und wo, inmitten aller anderen. So gedachte der Papst des Steins des ersten Mordes, ihn heranzuziehen, um die Erkenntnis zu zermalmen, ebenso wie die Köpfe, die diese Gedanken wagen. Und die Nelke blüht sogar auf den Hügeln Roms und anderswo, rotglühend im Schein der sich im Mittelpunkt befindlichen Sonne.

02. Im Rausch des Anthropozän

Die Frau, die gerade noch das Feld beackert hatte, saß in der Fabrik. Sieben Tage die Woche. 16 Stunden am Tag. Ihre Unterkunft war ein Loch, die Gesundheitsversorgung nicht vorhanden. Die Kinder waren sich selbst überlassen. Es blieb keine Zeit zum Leben, mit dem Geld, das gerade zum Über-leben reichte, wenn sie Glück hatte. An die Maschinen angekettet, anfänglich, Disziplin einprügelnd. Verschwunden im Ghetto, auch des Lebens. Weitab von Sonne und Wärme, in der Kälte der Ausbeutung. Prediger wüteten gegen die moralische Verkommenheit. Feine Damen, die die Kleider trugen, die sie genäht hatte, sahen auf sie herab. Kakerlaken der Gesellschaft. Menschliche Kakerlaken der Gesellschaft. Der Mann vertrank seinen Lohn. Weil er es nicht aushielt. Das Elend. Die Not. Die sogenannte Verkommenheit. Und wenn sie an Tuberkulose einging, wen scherte es? Es gab so viele von ihnen. Ungezählte Heerscharen freigewordener Landarbeiter, den Bodensatz des Menschlichen zu bilden, den Abschaum, den Pöbel. Das gnädige Fräulein rümpfte pikiert das Näschen, wenn sich ein Lumpenbalg näherte. Vornehm genug, sich abzuwenden. Geziert ihn abweisend, wenn er sie um einen Bissen Brot bat. Zurück in die Gosse, aus der hervorkam und in die sie ihn stieß, in das natürliche Habitat des Proletariats.

Die Dampfmaschine machte es möglich. Die Enteignung der Erde von einem Ende bis zum anderen. Schiffe durchpflügten die Meere, die Rohstoffe zu rauben, das Land und die ansässige Bevölkerung zu unterjochen. Unterprivilegiert. Nannte man sie. Unzivilisiert. Hieß man sie. Sie verfügten nicht über deren Eleganz, deren Religion und vor allem nicht über deren Waffen. Durchschlagskraft hat nicht das Wort, sondern nur die blanken, bleiernen Tatsachen einer Todesmaschinerie. Wehe, wenn sie in Gang gesetzt. So fuhr sie alles platt, was ihr im Weg war, walzte alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte. Im Namen des Herrschers. Im Namen des Papstes. Seines Segens gewiss und ihrer Redlichkeit bei der Ablieferung der Steuern. Endgültige Erhebung über alles Lebendige, die Erde zu unterwerfen. Nicht müde werdend im Namen eines Gottes zu predigen, der keine Achtung verdiente, weil er sie selbst nicht kannte. Nicht-Achtung der eigenen Schöpfung? Das Wort zu gebrauchen, wie man es für notwendig hielt. „Macht Euch die Erde untertan“, wiederholend wie ein Mantra. Weiße, reiche, chauvinistische Männer nahmen es an und münzten es auf sich. Nur auf sich. Erfindung reihte sich an Erfindung, um noch effizienter und effektiver zu werden, bei der Produktion, der Ausbeutung, der Unterwerfung und dem Morden. 

Stein um Stein wurde geschleudert, doch es war immer noch wie am Anfang. Der erste Stein, der erste Mord, die erste Aneignung schuf immer neue, quälende Ungerechtigkeit, die sich Bahn brach und niedergeschlagen wurde, brutal, martialisch, atavistisch. Und alles begann mit einem ersten Stein.

Es wurde immer enger, für die Lebendigkeit. So auch für die Nelke. Die Plätze an der Sonne, die sie zum Leuchten brachte, im kräftigsten Rot, immer seltener. Doch ganz konnte sie nicht vertrieben werden. Trotz allem. Trotzt dem, wollte sie sagen. Ihr Aufschrei wurde gehört. Der der Nelke in ihrem schimmernden roten Kleid, die nichts verlangt, als ein wenig Platz, die Erde, die Sonne und den Regen. In ihrer Genügsamkeit war sie schon immer überlegen. Dem Menschen in seiner unstillbaren Gier.

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