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Life is too short for boring stories

Ich stehe am Spielfeldrand, im Dunklen, in der Kälte. Grell wird der Platz von der Flutlichtanlage erleuchtet. Nicht mehr als zehn Menschen, die das Spiel verfolgen. Freunde, Verwandte, Bekannte in erster Linie, denn hier spielen die Frauen Fußball. Das Schicksal einer Randsportart. Wobei Fußball selbst alles andere als am Rand angesiedelt ist. So lange er von Männern praktiziert wird. Jeder kleine Ort, der es sich irgendwie leisten kann, braucht seinen eigenen Platz, wohl in der Hoffnung den nächsten Lionel Messi zu produzieren. Wenige bis gar keine mit der Absicht eine Nachfolgerin für Marta Vieira da Silva aus den Reihen des eigenen Vereins hervorgehen zu sehen. Es scheint ein gravierender Unterschied zu bestehen ob Frauen oder Männer sich um den Ball raufen.

„Er steht im Tor, im Tor, im Tor, und ich dahinter“, fällt mir die trällernde Wencke Myhre aus dem Jahre 1969 unwillkürlich ein, aus dem die rechte Ordnung unmissverständlich hervorgeht. Er spielt. Sie sieht zu. Wobei sich Frauen weniger um das Spiel zu kümmern scheinen, als Zuschauerinnen, sondern mehr um die agierenden Personen. „Was sieht der doch gut aus!“, seufzten sie einem David Beckham hinterher, der sich dann auch flugs zu einer Unterwäschewerbung hinreißen ließ. Dieses Konzept wurde von den Amerikanern aufgegriffen und perfektioniert, das Schmachten und Anhimmeln institutionalisiert in Form von bommelwachelnden Cheerleaderinnen. Die oberste von jenen ist wiederum regelmäßig mit dem Quaterback liiert. Alles wie es sich gehört. Doch vor dem Tor zu stehen, auf dem Platz selbst, das wäre wohl für Wencke Myhre nicht in Frage gekommen. Mehr noch, sie hätte es gar nicht dürfen, denn bis zu dessen Aufhebung am 31. Oktober 1970 durch den DFB war Frauenfußball in Deutschland, auch in Österreich verboten, denn, so wurde beim Inkrafttreten des Verbotes im Jahre 1921 erklärt, Fußball sei für Frauen nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden. Noch im Jahre 1954, als in Deutschland die Diskussion um die Wiedereinführung des Frauenfußballs erneut aufflammte, entschied sich der DFB dagegen, mit der Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

 

Ich sehe den Frauen beim Spielen zu. Anmut, was auch immer man darunter verstehen mag, findet sich möglicherweise nicht, auch wenn ich den Konnex zwischen fehlender Anmut und dem Schaden an der Seele, nicht nachvollziehen kann. Der Körper kann durchaus Schaden nehmen, denn beim Sport kommen Verletzungen vor, doch das haben auch die Männer zu tragen. Wobei man mittlerweile weiß, dass Frauen wohl härter im Nehmen sind, als man ihnen zutrauen wollte. Anmut sucht man sicherlich vergebens, aber ich finde Freude und Spaß an der Bewegung, Einsatz und Begeisterung. Darum sollte es wohl auch gehen. Bewegung ist wichtig und gesund. Dennoch ziehen sich viele Mädchen nach wie vor vom Sport zurück, wenn sie der Meinung sind, Anmut ist wichtiger als Gesundheit, oder ihnen diese Meinung als ihre vermittelt wird.

 

Der Anthropologe Frederik Jacobus Johannes Buytendijk bringt die herrschende Ansicht auf den Punkt: „Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. […] Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum getreten werden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.“ (Das Fußballspiel. Würzburg 1953, S. 25/26). Selbst nach der Aufhebung des Verbotes sahen sich die Damen aufgrund ihrer „schwächeren Natur“ mit besonderen Auflagen konfrontiert. So mussten sie eine halbjährige Winterpause einlegen, Stollenschuhe waren verboten, die Bälle waren kleiner und leichter und die Spielzeit war auf 80 Minuten begrenzt. Erst im Jahre 1982 wurde der Frauenfußball uneingeschränkt in Österreich anerkannt.

 

Mittlerweile ist es so, dass sich viele Vereine auch eine Frauenmannschaft halten. Trotz des nach wie vor geringen Interesses, scheint es eine Frage des Prestiges zu sein. Vielleicht hegen sie auch die Hoffnung, dass sich in Zukunft mehr ZuschauerInnen finden werden, die die immer leerer werdenden Stadien füllen. Für die mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber dem Frauenfußball, aber auch generell für jede Sportart, für die es ein männliches Äquivalent gibt, wird die körperliche Unterlegenheit der Frauen ins Feld geführt. Denn das macht es weniger spannend für die ZuschauerInnen. Das kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen, da die Leistung immer für sich steht und der Vergleich damit nicht angebracht. Hier werden falsche Maßstäbe angelegt.

 

Es fällt ein Tor. Jubel am Platz. So soll es sein. Es geht um die Freude an der Bewegung, am Miteinander und auch am Wettkampf, in dem sie ihre Kräfte im fairen Spiel messen. Das wäre mein Appell an alle Frauen dieser Welt. Habt Spaß am Sport, an Eurem Körper und seiner Leistungsfähigkeit, denn anmutig zu sein, so ihr denn Wert darauflegt, dafür habt ihr den Rest des Tages noch genug Zeit.

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