Für immer

Ich saß auf meinem Steg. Wie immer saß ich auf meinem Steg, als Du kamst. Ich war versunken, in einem wirren Gedankenknäuel, so sehr, dass ich Dich nicht kommen hörte, zunächst. Erst als Du Dich leise hinter mir niederließt und Deine Hände auf meine Schultern legtest, da schreckte ich auf. Meine Liebe, die, die mich sein ließ und lässt und in mein Eigen-sein entließ, Du warst da. Ich lehnte meinen Kopf gegen Deine Schulter, ließ mich in Deinem Arm geborgen sein.

„Du warst lange nicht da. Du hast mich alleine gelassen.“, warf ich Dir vor.

„Ja, ich war lange nicht da, aber ich habe Dich nicht alleine gelassen. Ich habe Dich begleitet, durch all die Nächte, in meinen Gedanken.“, entgegnetest Du, ruhig wie immer, und Deine Wärme tat mir wohl.

„Aber warum bist Du nicht gekommen, hier zu mir an den Steg, nicht ein einziges Mal, während all der Zeit?“, blieb ich hartnäckig, denn so einfach wollte ich es Dir nicht machen Dich aus Deiner Verantwortung zu stehlen.

„Wie groß meine Sehnsucht war! Wie oft ich mich überwinden musste nicht zu kommen! Aber nein, ich wollte nicht einmal, dass Du darum weißt.“, entgegnetest Du, immer noch ruhig, und ich spürte den Ernst aus Deinen Worten, aber was hatte ich denn schon mit Ernst zu schaffen.

„Alles bloß faule Ausreden! Gib es zu, Du hattest einfach keine Zeit oder keine Lust. Nein, Du hast wahrscheinlich ganz und gar auf mich vergessen, und hoppla, jetzt fiel es Dir halt wieder ein.“, gab ich schmollend zurück.

„Kokettier nicht so schamlos! Ich halte Dich umfasst, mit meinen Gedanken, so wie jetzt mit meinen Armen. Ich schütze Dich und bin da, wenn Du mich brauchst. Ich will Dir der Ort sein, an dem Du Dich zu Hause wissen kannst, dort, wo Du behaust bist, aber Du sollst werden, immer mehr Du selbst, wachsen und reifen, und ich will Dich nicht hindern, Dir nicht im Weg stehen.“, erklärtest Du schlicht.

„Wirst Du immer da sein?“, fragte ich.

„Du wirst nicht wollen, dass ich immer da bin.“, antwortetest Du.

„Doch, das will ich, denn dann könnte ich beruhigt einschlafen mit der Gewissheit, dass Du morgen noch da sein würdest, und morgen nach morgen usw., aber so, so nimmst Du mir alle Ruhe und Zuversicht. So muss ich jeden Tag damit rechnen, dass Du nicht mehr da bist. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, will Gewissheit und Sicherheit.“, erwiderte ich.

„Du weißt, nichts dauert für immer …“, hubst Du an.

„ … Ja, ich weiß, außer dem kalten November-Regen. Du hast es oft genug gesagt. Aber Du hast auch gesagt, dass es mehr als alles geben muss, und dass die wahren Möglichkeiten für die mit offenem Herzen und offenen Gedanken, dort erst beginnen, wo für andere die Unmöglichkeit endet.“, unterbrach ich Dich.

„Das Für-immer, das Du von mir versprochen bekommen willst, ist die Beschneidung Deiner Freiheit und die Kastration unseres Zugewandt-seins, denn Du sollst wissen, dass Du gehen kannst, wenn Du möchtest, jeden Tag. In Freiheit und ohne falsch verstandene Rücksichtnahme sollst Du für Dich entscheiden können ob Du bleiben willst, hier in der Behaustheit, die ich Dir sein will, oder nicht.“, sprachst Du, und mir war, als sähe ich ein Glitzern in Deinen Augen.

„Wärst Du traurig, wenn ich ginge?“, fragte ich leise.

„Ja, natürlich wäre ich traurig, mehr, es würde mich entzweischneiden, und sie würde mich auch wieder verbinden, die Gewissheit, dass Du dort bist, wo Du sein willst. Die Wunde zu öffnen, um alles hineinzulegen, was ich von Dir geschenkt bekam, sie zu reinigen vom Schmerz, und dieses darin einzunähen. Eine Narbe bleibt, so wie Du bleibst, auch wenn Du gehst.“, sagtest Du.

 

Und ich ließ mich in Deinen Armen geborgen sein, wie in dem Moment, in dem Du mir warst, wollte bleiben in diesem einen Moment, hier in Dir. Nichts weiter? Nichts weiter, und doch alles.

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