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Life is too short for boring stories

The empty store

5. Annahme

 

Dinge, die sich oft genug wiederholen, schiebt man gerne in die Lade mit der Aufschrift „Gewohnheit“. Manche sind gut, andere weniger, aber ganz gleich zu welcher Kategorie sie zählt, es ist doch etwas in einer Schublade, worüber man nicht mehr weiter nachdenkt, weil es eben so ist. Man erhält gar den Eindruck, dass es schon immer so gewesen ist und es immer so sein muss. Man macht sich keine Gedanken mehr darüber. Man nimmt keinen Anteil mehr. Man nimmt es einfach hin. Außer, wenn es einmal nicht mehr so sein sollte. An diesem Morgen, als Lilith Ruben wieder einmal eine dampfende Tasse Tee begleitet von einem Lächeln gab, merkte sie, dass sie drauf und dran war seine Besuche in eben jene Schublade zu stecken. Das durfte nicht passieren, denn seine Besuche waren alles andere als selbstverständlich. Zusehends merkte sie wie sie sich in seiner Gegenwart wohlfühlte, aufgehoben und geborgen.

 

„Es ist schön, dass Du da bist“, sagte sie deshalb, als sie sich neben ihn gesetzt hatte.

„Ja, das finde ich auch“, gab er zurück, während sein Blick zu der Tasse in seiner Hand glitt, „Aber wissen wir das nicht sowieso.“

„Das kann schon sein, aber deshalb kann man es doch trotzdem sagen. Einfach, weil es auch guttut es zu hören. Es tut gut es auszusprechen“, erklärte nun Lilith, während es Ruben offenbar nicht und nicht gelingen wollte seinen Blick von der Tasse zu lösen. Dabei war es doch nichts weiter als eine ganz gewöhnliche Tasse, eine weiße ohne Aufdruck.

„Das wird schon stimmen“, sagte Ruben verlegen, während sich seine Hand so fest um den Griff der Tasse schloss, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Habe ich irgendetwas Falsches gesagt?“, fragte Lilith irritiert, der seine Veränderung nicht entgangen war.

„Nein, nichts Falsches“, meinte er ausweichend.

„Aber was dann, wenn es nichts Falsches war?“, blieb Lilith beharrlich, denn sie spürte, dass sie hier nicht stehenbleiben durfte. Wie eine gute Physiotherapeutin, die eine Verspannung oder eine Verhärtung gefunden hat, erst dann davon ablässt, wenn sich diese entspannt hat, so blieb sie an dem Punkt, an dem Ruben ins Stocken geriet.

„Es ist nur, nur so schwer zu sagen“, meinte er ausweichend.

„Was ist schwer zu sagen?“, fragte Lilith unbeirrt weiter.

„Das alles, mit dem ….“, und dann schien er sich innerlich einen Ruck zu geben, ließ die Tasse los und hob den Blick, wohl verunsichert, aber immerhin, „Ich kann das nicht, über Gefühle zu sprechen, egal ob über meine oder über die anderer. Es ist mir sogar peinlich, wenn ich nur bei einem Gespräch darüber zuhören muss. Es ist, als hätte irgendwer vergessen mir dafür Worte mitzugeben, und die, die ich höre und verstehe, will ich nicht hören und verstehen. Außerdem bin ich bis jetzt sehr gut damit klar gekommen darüber nicht zu reden. Es ist überhaupt nicht notwendig. Es versteht sich eh so vieles von selbst. Und überhaupt. Ich kann das nicht.“

„Es ist schade, schade für Dich, dass Du Deine Gefühle nicht benennen kannst, ja, dass Du sie offenbar nicht einmal wahrhaben willst“, sprach Lilith sacht weiter, „Denn nur was wir benennen können wir auch beherrschen oder auch nur verstehen. Wenn wir es nicht benennen dann beherrscht es uns. Wir verstehen uns selbst nicht. Wie sollen wir uns dann anderen verständlich machen?“

„Ich weiß es, ich spüre es, und es macht mir Angst“, erklärte Ruben nachdenklich, „Und umso mehr Angst es mir macht, desto mehr ziehe ich mich davor zurück. Ich kann damit nicht umgehen. Weiß nicht wo zu beginnen. In dem Bereich, in dem ich gearbeitet habe, früher, da war alles eindeutig. In der Technik gibt es nichts Abweichendes, sondern nur Eindeutigkeiten. Ein Begriff wird einem Ding exakt zugeordnet. Exakt heißt laut Definition. Eindeutigkeiten, das ist meine Welt. Doch in der Welt der Gefühle, da gibt es keine Eindeutigkeiten, da ist alles so nebulos und verworren.“

„Klarheit und Struktur. Das ist es was Du suchst, aber das Leben ist weder klar noch strukturiert, sondern bunt und durcheinander und leidenschaftlich. Es breitet sich aus, wo es Platz findet, und das ist auch gut so“, erwiderte Lilith, „Und genauso ist es mit unseren Gefühlen. Sie schmuggeln sich ein und wachsen, wie es ihnen gerade beliebt. Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick wie ein verwilderter Garten, aber wenn Du Dir die Zeit nimmst und genauer hinsiehst, dann wirst Du im chaotischen Gesamtbild Einzelheiten entdecken. Manche werden Dich freuen, andere Dich schmerzen, aber Du kannst hingehen und sie benennen.“

„Eben das kann ich nicht“, erklärte Ruben überzeugt.

„Hast Du es denn schon probiert?“, fragte Lilith sanft.

„Natürlich, aber da findet sich auch immer etwas, was ich gar nicht sehen will, was schmerzt und zurückweist. Und der Schmerz macht angreifbar. Der Schmerz macht weich“, meinte Ruben, „Und man muss doch stark sein, wenn man unbeschadet durchs Leben kommen will, stark.“

„Und unantastbar“, fuhr Lilith fort, „Gefühle zu benennen macht Dich angreifbar. Du durchbrichst Deinen Schutzpanzer, der Dich umgibt und machst Dich Menschen zugänglich. Darin bist Du verletzbar. Andererseits ist es die einzige Möglichkeit wirklich von anderen Menschen berührt zu werden. Manche vernichten Pflanzen im Garten Deines Inneren. Andere pflanzen welche. Du weißt nur nie im Voraus wer was machen wird. Das ist das Risiko der Öffnung. Wenn Du Dich aber nicht öffnest, so werden auch keine neuen Pflanzen darin wachsen und die vorhandenen werden nach und nach verkümmern.“

„Es geht also nur das Eine mit dem Anderen. Die Chance mit dem Risiko. Darin bin ich einem anderen Menschen ausgeliefert, und das macht mir Angst. Was sollte jemand anderen davon abhalten mich zu verletzen?“, fragte Ruben.

„Was sollte ihn dazu veranlassen Dich zu verletzen?“, entgegnete Lilith ihrerseits.

„Weil er es kann“, antwortete Ruben leichthin.

„Aber er kann Dich ebenso beleben. Es ist seine Entscheidung. Insoweit bist Du ihm ausgeliefert“, meinte Lilith nachdenklich, „Aber wenn Du Dich einem Menschen näherst, wenn Du Dich ihm öffnest und er Dich Dir, sanft, schrittweise, wenn Du ihn einlässt und er Dich, dann basiert die Begegnung auf Gleichheit. Wenn er Dir ebenso die Möglichkeit eröffnet zu verletzen oder zu beleben, dann seid ihr im Ausgleich. Wenn Du einen Menschen findet, der Dich annimmt wie Du bist, auch in Deiner Schwäche und Deiner Verletzlichkeit, dann ist es gut sich zu öffnen, und dann wirst Du auch die richtigen Worte finden. Ihr werdet euch führen und gemeinsam entdecken was in Deinem Inneren lebt und wächst, was in seinem Inneren lebt und wächst.“

Ruben sah Lilith an, die, während sie sprach, seine Hände in die ihren genommen hatte. Warm und sanft fühlte es sich an. Schutz und Geborgenheit gingen von ihr aus. Und es war, da er begann sich vorzutasten, in sich selbst und tatsächlich die Worte fand, von denen er glaubte, dass er sie nicht kenne.

 

Und an diesem Abend fand sich die Skulptur einer Hand, die eine andere hält, in der Auslage, denn Annahme kann man nicht kaufen, nirgendwo. Annahme ist ein Geschenk, das wir uns in Gegenseitigkeit bereiten.

Hier gehts zu Teil 6

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