„Vergessen heißt Verrat“ (https://novels4u.com/2025/01/27/vergessen-heisst-verrat/) war der Titel meiner Podcastepisode am 27. Januar 2025, denn vor genau 80 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Grund genug sich zu vergegenwärtigen, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind, wenn man ihnen nur den entsprechenden rechtlichen Rahmen zugesteht. Wie leicht es ist, auszubeuten, zu misshandeln und langsam verrecken zu lassen, wenn die Obrigkeit sagt, Du bist doch ein Braver oder eine Brave, wenn Du das tust. Daran lässt sich sehen, wie oberflächlich und dünn die Schicht aus Menschlichkeit ist, wenn die richtigen Rahmenbedingungen gegeben sind. Diese Abscheulichkeit darf sich nicht wiederholen. Es geht beim Gedenken nicht um Schuld, denn kaum jemand, der an diesen Massakern beteiligt war, lebt mehr, aber es gibt genügend Menschen, in denen diese Botschaft weiterlebt, weil die Täter*innen von damals Kinder in die Welt setzten, die sie in diesem Geist erzogen haben. Das grundlegende Gedankengut wird weitergegeben und ist auch erneut salonfähig. Deshalb ist Gedenken wichtig. Um zu erinnern, was niemals wieder sein darf.
Erinnern hat aber noch eine zweite Funktion, es dient der Ehrung der Opfer, denn erst wenn wir es unter den Tisch fallen lassen, dann ist es tatsächlich ein sinnloses Leiden und Sterben gewesen. So lange die Erinnerung lebendig bleibt, sind sie auch Mahnmal an uns, den Anfängen zu wehren und sich nicht einlullen zu lassen von Sonntagsredner*innen, Abwiegler*innen und Beschwichtiger*innen. Damals wie heute gibt es Menschen, die sich dafür hergeben. Damals wie heute sind sie bereit, andere Personen zu entmenschlichen. Ein wesentlicher Teil sind die ökonomischen Voraussetzungen, denn der Faschismus ist nichts weiter als der Handlanger eines Monopolkapitalismus, wie wir ihn auch heute wieder vorfinden. Menschen werden immer mehr entmachtet, ihre ökonomische Sicherheit zerfließt zwischen ihren Fingern und es ist wieder Zeit für den starken Mann, der ihnen verspricht, die personifizierten Feinde aus dem Land zu jagen, diesmal in Form von Muslimen, Klimaschützer*innen und der bösen Woken Community. Dass die Kommunist*innen ganz oben auf ihrer Liste stehen muss wohl nicht extra erwähnt zu werden. Und während die Sozialdemokratie das tut, was sie am besten kann, ihre Wähler*innen bzw. die Menschen, die sie angeblich vertreten, nämlich die Arbeitnehmer*innen, zu verraten und nach jedes Nachgeben gegenüber dem Kapital als etwas verkaufen, was das kleinste Übel war, ziehen die Horden ungestört auf die Seite der Faschisten, die ihnen Sicherheit, Arbeit und Wohlstand versprechen. Dabei vergessen sie nur zu erwähnen, dass sie diese Versprechen zwar einlösen, allerdings nur für die obersten fünf Prozent.
Und während ein dritter Nationalratspräsident, der dem faschistischem Lager zuzuordnen ist, sich in weinerlichen, grotesken Äußerungen verirrt, grotesk, bedenkt man seine politische Überzeugung, arbeiten die Mechanismen von Ausgrenzung, Hass und Gleichgültigkeit weiter, geschmiert durch die Zerstörung der Gemeinschaft und die Ausgrenzung der Vielen.
Erinnerung bedeutet auch Verantwortung, Hinsehen und Fürsorge. Deshalb ist sie auch eine Mahnung, nicht still zu bleiben, wenn Unrecht geschieht. Aber wie können wir hier und heute, Verantwortung übernehmen, klein, konkret und menschlich? Ich denke an all die Menschen, die während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten anderen geholfen haben. Menschen, die unter Lebensgefahr Zuflucht gewährten, Lebensmittel versteckten, Briefe schrieben und vieles mehr. All diese Taten summieren sich und bewahren Leben. Es gilt Verantwortung auch für andere zu übernehmen, Menschen, die benachteiligt werden, wahrzunehmen und zu schützen.
Erinnerung und Fürsorge sind untrennbar miteinander verbunden. Die Geschichte lehrt uns, dass Schweigen tödlich sein kann. Heute können wir diesem Schweigen etwas entgegensetzen, indem wir hinschauen, uns einmischen, uns kümmern. Jeder Schritt zählt, jede Handlung ist ein Ausdruck der Gesinnung, die dazu anregt, Menschen zu schützen und zu stärken. Wir brauchen keine Held*innen, keine Einzelkämpfer*innen, sondern die tagtägliche Positionierung gegen Unrecht, Ausgrenzung und Hass. Damit zeigen wir einander, dass man nicht alleine steht, sondern es mehr gibt. Mut zu schenken, einander beizustehen, gemeinsam Räume zu öffnen, in denen Menschen sicher sind, das ist es, worum es geht.
Erinnerung heißt deshalb: auch zurückblicken, aber ebenso die Gegenwart zu gestalten, indem wir Verantwortung füreinander übernehmen. Deshalb möchte ich an diesem 27. Januar nicht nur an das Leiden und die Grausamkeit erinnern, sondern auch an die Kraft der Tat, an die Menschen, die ohne Rücksicht auf sich selbst, geholfen, Verantwortung übernommen haben und solidarisch waren. Das kann uns Mut schenken, aufmerksam zu sein und nicht wegzusehen. Mut wächst dort, wo wir aufhören, alles alleine tragen zu wollen, sondern uns gegenseitig stärken.
Erinnerung, Fürsorge & Zivilcourage gehen Hand in Hand. Sie sind der beste Schutz gegen das Vergessen und das Schweigen. Heute, wie an jedem anderen Tag, können wir beginnen, diesen Schutz zu leben.
2 Kommentare
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Klare Worte, Danke!!!
miteinander, füreinander und für unsere Umwelt, menschliche und andere Tiere, Pflanzen, etc.-
Danke Dir! Ich denke, das ist der einzig mögliche Weg, wenn wir eine Zukunft haben wollen.
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