Gewalt gegen Frauen ist systemimmanent

Bild: Gewalt an Frauen - Daniela Noitz

Zunächst einmal zu den Zahlen (die allerdings mit Vorsicht zu genießen sind, denn die Dunkelziffer ist sicherlich um einiges höher, aber wie sich zeigt, allein die Anzahl der Verbrechen an Frauen, die ans Licht kommen, sind hoch genug):

So gab es 2024 in Österreich 27 Femizide, also 27 Menschen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie Frauen sind. Daneben gab es 41 Mordversuche bzw. Fälle schwerer Gewalt. Von den getöteten Frauen sind über die Hälfte älter als 60 Jahre. Der überwiegende Teil sind Beziehungstaten, also verübt durch Partner, Ex-Partner oder innerhalb der Familie. Außerdem sind viele Täter arbeitslos oder beziehen Sozialhilfe. Darüber hinaus ist psychische Gewalt sehr verbreitet: 37% aller Frauen erleben diese durch Partner oder Ex-Partner. Außerdem wurden 15.115 Betretungs- und Annäherungsverbote verhängt. Bei sexueller Gewalt werden viele Vorfälle nicht angezeigt. Gewalt an Frauen ist kein Randproblem, sondern ein systemimmanentes.

Deshalb ist der 25. November, der Welttag gegen Gewalt an Frauen, kein stiller Gedenktag, sondern ein Warnsignal, ein Kampfruf, ein rotes Banner, das uns daran erinnert, dass patriarchale Gewalt kein Unfall, sondern ein Produkt der herrschenden Verhältnisse ist. Täglich werden Frauen bedroht, geschlagen, ausgebeutet und unsichtbar gemacht. Trotzdem tun die Verantwortlichen so, als wäre es eine „Privatangelegenheit“. Doch es ist nichts weniger als das. Es ist politisch, strukturell und systemisch.

Die Unterdrückung der Frau wurde mit der Entstehung des Privateigentums und den Klassenverhältnissen institutionalisiert, der Körper der Frau wird kontrolliert, ihre Arbeit abgewertet, ihre Sexualität überwacht und ihre Reproduktionskraft funktionalisiert. Diese Ordnung hält sich durch Normen, Angst und strukturelle Gewalt.

Letztlich ist es der Kapitalismus, der die Unterdrückung der Frau zu seinem Funktionieren benötigt. Denn eine kapitalistische Gesellschaft, also eine die Profit über Menschen stellt, benötigt billige, häufig unbezahlte Arbeitskraft. Deshalb wird Reproduktionsarbeit, also Kinder, Haushalt, Pflege, auf Frauen abgeladen und als „Liebe“ romantisiert, statt als Arbeit anerkannt. Diese ökonomische Abhängigkeit ist kein Zufall, sondern ein Mechanismus: Sie macht Frauen verwundbar gegenüber Angriffen, hält sie in Jobs, die schlecht bezahlt und prekär sind und zwingt sie in Strukturen, in denen Schweigen leichter erscheint als Widerstand.

Patriarchat und Kapitalismus greifen ineinander wie zwei Zahnräder und die Gewalt ist das Schmiermittel, das sie am Laufen hält.

Und was ist mit dem bürgerlichen Staat? Gibt es nicht genügend Politiker*innen, die sich für Frauenrechte und gegen Gewalt stark machen? Kommt es nicht zu Gesetzen, die diese Gewalt eindämmen soll? Oder ist es nicht eher nur Alibipolitik?

Wer genauer hinsieht erkennt, dass Schutzräume, die großartig angeboten werden, hoffnungslos überfüllt sind. Es sollte niemanden verwundern, dass sich gerade konservative bis reaktionäre Politiker*innen (ja auch Frauen), dafür aussprechen die Frauenhäuser, die für die Gewaltopfer Zuflucht sein sollen, zu schließen oder sie zumindest finanziell auszutrocknen. Das Argument ist, dass es damit Frauen leicht gemacht wird, die Familie zu verlassen. Fakt ist, dass Frauen ohne Schutzräume gezwungen sind die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse über sich erdulden zu müssen. Darüber hinaus werden Verfahren oft genug eingestellt, die Opfer nicht ernstgenommen und Täter profitieren von Nachsicht. Denn der Staat schützt die Ordnung, aus der er selbst hervorgegangen ist. Die bürgerliche Familie wird in diesen Kreisen gerne romantisierend als „Keimzelle der Gesellschaft“ bezeichnet und was innerhalb der vier Wände passiert, bleibt am besten unsichtbar.

Auch die Kulturindustrie befördert Gewalt gegen Frauen. Sie predigt ihnen, dass sie schön sein sollen, das nette Anhängsel des erfolgreichen Mannes, aber auf gar keinen Fall mächtig. Frauen, die trotzdem Macht erlangen, werden in der öffentlichen Meinung als unweiblich diffamiert. Frauen sollen gefällig sein und nicht widersprechen. Und vor allem, sie sollen für andere da sein, nicht für sich selbst, denn Frauen verfügen über ein anerkanntes Aufopferungsgen. Wiederum ist diese Darstellung kein Zufall, sondern bildet einen bedeutenden Teil der Reproduktion von Herrschaft. Wer Frauen beibringt, zu schweigen, erleichtert es, ihnen nicht zuzuhören. Wer ihnen einredet, sie seien „von Natur aus“ fürs Gebären und Kümmern gemacht, rechtfertigt ihr ökonomische Ausbeutung.

Es ist nett, wenn zum Welttag gegen Gewalt an Frauen, Kerzen angezündet und Betroffenheit gezeigt (oft genug auch nur geheuchelt) wird, denn das ist nicht mehr als ein Lippenbekenntnis, weil es sich in manchen Kreisen gut macht, aber es ändert nichts. Notwendig wäre eine Veränderung des Systems:

Es bedarf ökonomische Unabhängigkeit statt Prekarität, kollektive, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Zusammenarbeit statt privater Überlastung, reale Gleichheit statt Symbolpolitik, Bewusstseinsarbeit, die patriarchale Muster offenlegt, statt sie zu verschleiern.

Wer Gewalt gegen Frauen wirklich beenden will, muss den Kapitalismus stürzen. Wir brauchen:

  • eine Gesellschaft ohne Privateigentum an Produktionsmitteln,
  • eine Gesellschaft, in der Reproduktionsarbeit kollektiv organisiert ist,
  • eine Gesellschaft, in der Wohnraum, Bildung und medizinische Versorgung keine Waren sind,
  • eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung nicht gefordert, sondern selbstverständlich ist.

Die frühen sozialistischen Experimente zeigten: Recht auf Arbeit, kollektive Kinderbetreuung, soziale Absicherung, Wohnraum für alle – das schützt Frauen. Das macht Gewalt unmöglich. Wir brauchen diese Strukturen, wir brauchen sie überall.

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