Das gestohlene Buch

Das gestohlene Buch – Alle Geschichten

„Möchtest Du mit mir zu einer Lesung gehen?“, hast Du mich gefragt und ich war verwundert, weil Du selten zu solchen Veranstaltungen gehen möchtest und noch seltener von Dir die Frage kommt.
„Warum möchtest Du dort hingehen?“, wollte ich deshalb von Dir wissen.
„Weil die Autorin eine Freundin von mir ist, also gewesen ist“, gabst Du zu, „Ich habe sie allerdings lange nicht mehr gesehen. Nur damals, da habe ich ihr geholfen. Z.B. habe ich ihr meinen alten Laptop geschenkt und dann habe ich nie mehr was von ihr gehört. Ich würde nur gerne wissen, wie es ihr geht.“ Du klangst verunsichert, aber es war ein Grund. Deshalb gingen wir in das Cafe, setzten uns in die letzte Reihe und warteten.

Die Autorin rauschte ein, hocherhobenen Hauptes, von oben bis unten in pinke fließende Tücher gehüllt und nahm an dem Tisch, der für die Lesung hergerichtet worden war, Platz. Sie nahm das Buch zur Hand, aus dem sie lesen wollte, schlug es auf und legte es dann hin, um die Anwesenden zu begrüßen und einen Guten Abend zu wünschen. Dabei ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Endlich streifte ihr Blick auch Dich, woraufhin er erstarrte und das Lächeln erstarb. Das war kein gutes Zeichen, war ich überzeugt. Es wirkte, als hätte sie einen Geist gesehen. Sie fing sich jedoch wieder und begann zu lesen. Die Geschichte, die sie zum Besten gab, war gut durchdacht und lebendig. Dabei verfügte sie über eine angenehme Stimme, die sie auch richtig zu modulieren verstand. Es machte Spaß ihr zuzuhören. Dabei dachte ich die ganze Zeit, dass mir der Stil bekannt vorkam. Schlagartig wurde mir bewusst, dass das Deine Art war zu erzählen, eine Art, die so unverwechselbar war wie ein Fingerabdruck.
„Das hat nicht sie geschrieben?“, flüsterte ich Dir zu. Du nicktest bloß.
„Das ist von Dir, stimmts?“, wiederum gabst Du mir wortlos zu verstehen, dass ich recht hatte.
„Aber wie konnte das sein?“, fragte ich nun unumwunden.
„Der Roman war fix fertig auf meinem alten Laptop“, erklärtest Du mir mit erstickter Stimme, „Und den hat sie dann einfach verwendet.“
„Aber das musst Du anzeigen!“, entfuhr es mir lauter als beabsichtigt.
„Könnten Sie endlich aufhören mit ihren Unterhaltungen. Wenn Sie das Reden schon nicht lassen können, dann machen Sie das draußen“, herrschte uns eine Dame mit Dutt und Nickelbrille an.
„Diese Dame, die hier liest und sich Autorin nennt, hat meiner Freundin, die auch einmal ihre war, ihre Arbeit gestohlen“, erwiderte ich unmissverständlich. Besagte Autorin setzte sich gerade hin und sah uns durchdringend an.
„Das habe ich geschrieben und Du musst mir das Gegenteil erst einmal beweisen. Du warst schon damals so arrogant und jetzt wagst Du es, in meine Lesung zu kommen und mich des Diebstahls zu bezichtigen? Du bist das Allerletzte“, schrie sie Dich an.
„Du hast recht, ich kann es nicht beweisen. Menschen mit Rückgrat und Integrität würden niemals etwas verwenden, was sie nicht selbst geschrieben haben, nicht weil es einen Nachweis gibt, sondern weil sie niemanden hintergehen, ganz egal in welchem Verhältnis man zueinander steht. Das nennt sich Gewissen. Aber das scheint Dir fremd zu sein“, sagtest Du mit einer Ruhe, die ich nie gefunden hätte, wäre ich in Deiner Lage gewesen, „Der Unterschied ist nur, ich kann jederzeit wieder was Neues schreiben, aber Du offenbar nicht, sonst müsstest Du nicht andere bestehlen. Es tut mir nur sehr leid für Dich, dass Du Dich dafür hergeben musst.

„Eigentlich tut sie mir leid“, meintest Du.
„Sie tut Dir leid? Wirklich? Eine Diebin?“, echauffierte ich mich.
„Sie tut mir leid, weil ich weiß, dass sie es könnte, etwas wirklich Eigenes zu schreiben, aber sie hat kein Vertrauen zu sich“, erklärtest Du.
„Andere würden es wohl töricht nennen“, sagte ich nachdenklich, „Aber ich finde es bemerkenswert. Du bist ein großartiger Mensch, der selbst unter solchen Umständen noch die Verfassung der Anderen im Blick hat.“ Und damit nahm ich Dich in die Arme, froh, dass ich mit Dir befreundet sein durfte. Hand in Hand gingen wir nach Hause und ich war mir sicher, Du könntest selbst diese Begebenheit literarisch verwerten.
„Eines ist auf jeden Fall sicher“, fügtest Du noch hinzu, „Ich werde nie wieder einen Laptop verschenken.“ Da konnte ich Dir nur zustimmen.

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