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Life is too short for boring stories

Lena saß auf der Bank im Park und wusste nicht wohin. 50 Jahre lang hatte sie ein zu Hause gehabt und plötzlich, über Nacht, saß sie auf der Straße. Ihr zu Hause. Eigentlich war es nichts weiter gewesen als ein Zimmer mit Kochnische und Dusche und Balkon, das ihr ihre Herrschaft zur Verfügung gestellt hatte. Ein kleines, bescheidenes Zimmer, aber es war ihres. Mit den Jahren sah sie es so. Wenn sie am Balkon ihre Pflanzen wachsen sah, den Baum vor dem Balkon, eine mächtige Buche, dann war sie glücklich. Mehr brauchte sie nicht. Mit 15 war sie in den Dienst gekommen. Ein junges, verschüchtertes Mädchen vom Lande.

„Magdalena heißt Du?“, hatte ihre Herrin gesagt, eine strenge, aber gerechte Dame, „Wir werden Dich Lena nennen. Solch ein Name schickt sich nicht fürs Personal.“

Eine gute Dame war sie gewesen. Eine wirkliche Dame. Lena hatte gemacht was gerade notwendig war. Die Küche geschrubbt, das Haus in Ordnung gehalten, die Kinder gehütet. Nach und nach kamen die Kinder der Herrschaften. Dann die Enkelkinder. Und als diese erwachsen waren, die erste Generation verstorben, da meinten sie, dass Lena, die mittlerweile nur mehr kleine Hilfsdienste verrichtete, unnötig wäre. Überflüssig. Sie ließen eine Putzfrau kommen, die weitaus effizienter arbeitete. Gegessen wurde ständig auswärts. Das hätte es bei der alten Herrschaft nicht gegeben. Aber jetzt war es so und sie meinten, die jungen Leute, die Lena so hingebungsvoll aufgezogen hatte, sie wäre überflüssig, ja unnötiger Ballast. Dabei wollte sie doch nichts weiter, als ihr Zimmer, die Pflanzen am Balkon und die Buche vor dem Fenster. Als erst verschwand die Buche. Aber nicht nur die Buche, wie Lena bei ihren Spaziergängen feststellte, immer mehr große, alte Bäume fielen der Zerstörungswut der Stadtplaner zum Opfer. Von Jahr zu Jahr war es heißer geworden, in der Stadt. Ob das auch mit dem Fehlen der Bäume zusammenhing? Die Bäume nahmen Platz weg, den man für den Verkehr brauchte. Lena nahm den Platz weg, den die Menschen, denen das Haus gehörte, für sich brauchten, auch wenn dasselbe riesengroß war. Und ihr bescheidenes Zimmer keinen Unterschied machte. So saß sie von heute auf morgen mit ihren paar Habseligkeiten auf der Straße. Aussortiert. Niemand brauchte sie mehr.

Da kam eine Frau auf Lena zu, die ein kleines Mädchen im Rollstuhl schob.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte die Mutter.

„Sehr gerne“, entgegnete Lena lächelnd, „Darf ich Sie fragen, warum das Mädchen im Rollstuhl sitzen muss?“

„Offener Rücken“, erklärte die Mutter, die übernächtigt und erschöpft wirkte, „Es ist bei ihr so schlimm, dass sie die Beine nicht gebrauchen kann.“

„Sie wirken müde“, meinte Lena, und die junge Frau spürte das Mitgefühl, das daraus sprach.

„Ist es ein Wunder?“, entgegnete diese, „Ich bin völlig auf mich alleine gestellt. Der Vater von Isabella, so heißt meine Tochter, hat uns relativ bald verlassen, weil er mit der Bürde nicht zurechtkam.“

„Sie meinen, er war überfordert mit der Aufgabe?“, fragte Lena nach.

„Nein, er hielt die Ablehnung nicht aus. Freunde wandten sich von uns ab, selbst die eigene Familie. Da war immer der stumme Vorwurf, warum ich das Kind behalten hatte. Es macht nur Arbeit und wird nie brauchbar sein. Brauchbar. Als wenn es bei einem Menschen nur um Brauchbarkeit ginge“, erklärte die Mutter, „Und dann war das noch Gefühl, versagt zu haben, es nicht geschafft zu haben, ein gesundes Kind zu zeugen. Das hielt er nicht aus. Dann standen wir völlig alleine da.“

„Genauso wie bei mir“, entfuhr es Lena unwillkürlich.

„Wie meinen Sie das?“, fragte die Mutter.

„Ich bin alt und auch nicht mehr brauchbar. 50 Jahre lang habe ich gedient und jetzt sitze ich heimatlos auf der Straße“, erklärte Lena. Da wagte die junge Frau einen Vorstoß.

„Ich weiß zwar nicht wer Sie sind, aber ich fühle eine Verbundenheit zwischen uns, und meine Tochter hat Sie offenbar sofort ins Herz geschlossen“, begann sie, und tatsächlich hatte Isabella die Hand der alten Frau ergriffen und sie angelächelt, „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Ich habe eine Wohnung, die viel zu groß ist für uns beide, eigentlich. Ich müsste arbeiten gehen, denn die Therapien sind teuer. Aber ich kann Isabella nicht alleine lassen. Es ist notwendig, dass immer wer da ist. Die öffentliche Unterstützung, die ich bekomme, ist minimal. Ich könnte ja arbeiten gehen, heißt es da. Wenn Sie bei uns einziehen, hätten Sie wieder ein zu Hause und ich einen Menschen, dem ich meine Tochter anvertrauen kann. So wäre uns beiden geholfen.“

4 Gedanken zu “Aussortiert (1)

  1. Zu schön um wahr zu sein. Trotzdem danke

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    1. novels4utoo sagt:

      Es klingt so, aber die Geschichte ist tatsächlich so geschehen. Einfach mal zum Mutmachen. Gerne.

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      1. Echt? Das ist kaum zu glauben. Es freut mich sehr, das zu lesen. Danke nochmals. Einen lieben Gruß von der Gärtnerin mit dem gruenen Daumen

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      2. novels4utoo sagt:

        Ja, deshalb wollte ich es auch teilen. In einer Welt voller schlimmer Dinge, in der die Menschen gegeneinander arbeiten, gibt es immer wieder vereinzelt einfach schöne Begegnungen. Liebe Grüße retour.

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