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Life is too short for boring stories

Es ward ein neuer Tag eingehüllt in die Beruhigung, die die Normalität mit sich bringt. Lächelnd kümmerte sich Maria um die Welpen, die immer neugieriger wurden. Ob sie ihre Mutter schon vergessen hatten? Aber was sollten sie machen? Sollten sie trauern und ihr eigenes Leben darüber vergessen? Was wäre das Leben, wenn wir es vernachlässigten, nur weil wir wissen, dass es den Tod gibt? Sie gingen voran, die vier Racker. Und das war gut so.

„Es ist wunderschön zu sehen wie sie sich entwickeln“, meinte Magdalena, die von ihrem Platz neben dem Kamin dem Treiben nachdenklich zusah, „Und es wären endlich wieder Hunde auf dem Hof.“

„Es hat mich gewundert, dass es keinen gibt“, sagte Maria nun, denn in ihren Augen gehörten Hund und Bauernhof fraglos zusammen.

„Wir hatten einen, bis vor ein paar Jahren. Kurz vor meinem Mann verließ er uns, und ich hatte nicht mehr den Mut einen neuen zu nehmen. Was wäre denn aus ihm geworden, wenn ich auch ginge?“, erklärte die Großtante, „So viel Leben. Nein, es wäre zu egoistisch gewesen. Aber die vier hier, die sind uns fast wörtlich ins Haus geschneit.“ Auch wenn es mit einem Lächeln begleitet war, so stand doch die unausgesprochene Frage im Raum, was wohl aus den Welpen werden würde, wenn Maria und Uwe wieder fortgingen. Was würde aus Maria und Uwe werden, wenn sie wieder fortgingen?

„Wie lange sind die Kleinen jetzt bei uns?“, fragte Magdalena plötzlich.

„Eine Woche“, sagte Maria prompt.

„Ich weiß nicht, aber ich habe ein seltsames Gefühl wegen dem Nazl“, fuhr Magdalena fort.

„Wer ist der Nazl?“, fragte Maria, die den Namen zum ersten Mal hörte.

„Das ist der Einsiedler, von dem die Hunde wahrscheinlich gekommen sind“, erklärte Magdalena, „Er lebt ganz alleine dort oben im Wald. Es stimmt schon, wir hatten unsere Differenzen was die Tiere betraf, aber letztlich hat er sie zumindest so weit gut behandelt, dass er sicher keines verstoßen hätte oder hungern ließ. Die Leute reden natürlich viel über ihn, weil er sich so gänzlich in den Wald zurückgezogen hat. Das ist ihnen suspekt. Dabei ist er gar nicht so verschroben, wie manche tun. Jedenfalls würde es mich beruhigen, wenn ihr zu ihm fahren könntet und schaut was los ist. Und wenn alles in Ordnung ist, dann werdet ihr es einer alten Frau nachsehen.“

„Natürlich“, stimmte Maria spontan zu, und fünf Minuten später saß sie neben Uwe auf dem Beifahrersitz, während sie das Auto in den Wald lenkten.

 

Tatsächlich fanden sie die Hütte, so wie Magdalena sie ihnen beschrieben hatte. Alt und verlassen wirkte sie, aber alles schien intakt zu sein, und dennoch stimmte irgendetwas nicht. Hatte Magdalena ihr Gefühl nicht getrogen?

„Fällt Dir was auf?“, fragte Maria schon im Näherkommen.

„Was soll mir auffallen?“, entgegnete Uwe, doch dann sah er nochmals hin, „Da kommt kein Rauch aus dem Kamin.“

„Richtig“, bestätigte Maria, „Und das bedeutet, dass in dem Haus nicht geheizt wird. Aber wer heizt nicht bei der Kälte?“

Das nächste was ihnen auffiel waren die Schreie der Tiere, die aus dem Stall drangen. Es waren wehmütige, leidende Schreie. Sofort folgten sie dem Geräusch. Rasch öffneten sie den Riegel und fanden ein erschreckendes Bild vor. Zwei Kühe, die angebunden darinstanden. Offenbar waren ihre Kojen schon lange nicht mehr gesäubert worden. Es fand sich weder frisches Wasser noch sauberes Stroh, geschweige denn Heu, doch mitten durch den Stall verlief eine Blutspur. Sie folgten dieser Spur, die bei zwei toten Schafen endeten.

„Der Fuchs“, entfuhr es Maria unwillkürlich, „Und sie hatten keine Chance zu entkommen.“

„Na warte, dem werde ich was erzählen“, erklärte Uwe resolut, und war schon im Begriff zur Hütte zu stapfen, als er sich von Maria gehalten fühlte.

„Warte kurz“, forderte sie ihn auf, „Hörst Du das?“

Ein leises Wimmern drang aus einer Ecke, so leise, dass es vom Muhen der Kühe übertönt wurde, doch es war da, unverkennbar. War da nicht auch ein Rascheln gewesen? Und dann fanden sie es, ein Lamm.

„Und sie wickelte es in Windeln und legte es in eine Krippe“, sagte Maria leise, während sie das kleine, zitternde Bündel Leben aufhob.

„Das kann höchstens ein paar Tage alt sein“, entschied Uwe, nachdem er es betrachtet hatte, „Vielleicht drei oder vier. Es war der Mutter gelungen es zu verbergen. Fast nicht zu glauben, wenn ich das nicht gesehen hätte.“

„Wir müssen es mitnehmen“, erklärte Maria.

„Natürlich“, meinte Uwe, der sich dennoch daran machte in die Hütte zu stürmen, „Als erst knöpfe ich mir diesen alten Esel vor. Einsiedler hin oder her. Das ist Tierquälerei.“

Maria, das zitternde Lamm im Arm, folgte Uwe auf dem Fuße, betraten die Hütte, deren Eingangstüre nur angelehnt war. Die Hütte schien nur aus diesem einen Raum zu bestehen und aus einer Kammer. Eine bleierne Stille lag in diesem Raum, in dem es eiskalt war. Die Fenster waren mit Decken verhängt, so dass das Tageslicht nicht eindringen konnte und den Raum noch düsterer erschien ließ. Maria riss eine der Decken herunter und wickelte sie um das Schaf. Sie fanden den Raum spartanisch eingerichtet, aber sauber. Dann endlich entdeckten sie einen Menschen. Er lag neben der Bank und rührte sich nicht. Uwe kniete sich neben ihn.

„Völlig unterkühlt“, stellte er fest, „Aber er lebt.“

Wenige Minuten später waren sie mit dem Nazl und dem Lamm wieder zurück in der Hütte. Der Arzt, der sofort gerufen wurde, stellte einen Infarkt fest.

„Offenbar ist er gestürzt und hat sich den Kopf gestoßen“, erklärte Dr. Hübner, „Was für eine Konstitution. Viele andere hätten das wohl nicht überlebt. Gut, dass ihr nach ihm gesehen habt. Es war dennoch in letzter Minute. Er hätte wohl keine weitere Nacht überlebt.“

 

Während sich der Nazl langsam, unter dem gestrengen Blick Magdalenas gehalten und von ihr treulich umsorgt, erholte, schafften Maria und Uwe die beiden Kühe von der Einsiedlerhütte herunter in ihren Stall, und das kleine Lamm wurde einem Schaf untergeschoben, das selbst gerade ein Junges hatte.

„Ich bin so glücklich, dass sie das Kleine angenommen hat“, meinte Maria zu Uwe, während sie die beiden Lämmer beim Trinken beobachteten.

„Es ist wohl keine leichte Arbeit und es fordert einen immer“, sagte Uwe, der den Arm um Maria gelegt hatte, was sie sich gerne gefallen ließ, „Aber es ist auch eine Arbeit, bei der man unmittelbar die Früchte erntet, wenn man sieht wie sich die Tiere entwickeln und die Früchte am Feld gedeihen. Nicht so wie bei vielem anderen.“

„Jetzt bin ich erst wenige Tage hier“, meinte Maria sinnend, „Und doch ist es mir, als wäre ich schon immer hier gewesen, als hätte ich bloß einen Abstecher gemacht in eine andere Welt, die eigentlich nicht meine ist. Ich fühle mich hier mehr zu Hause als an jedem anderen Ort, an dem ich je war.“

 

Das Leben, das zuvor das ihre war, schien in immer weitere Ferne zu rücken, als hätte es mit ihnen nichts mehr zu tun, mit Maria und Uwe, als hätten sie nur einen Traum gehabt, aus dem sie nun hierher erwacht waren. Aber da war noch immer dieses Praktikum, das Maria antreten sollte, und da waren die Verpflichtungen, die Uwes harrten, der alles stehen und liegen gelassen hatte. Einfach so.

 

Während die Sonne im Untergehen den Horizont in sanftes Rot tauchte, wussten Maria und Uwe, dass sie sich entscheiden mussten, denn das Webschiffchen lässt sich nicht anhalten und webt unerbittlich weiter am Webbild des Lebens. Und es war der Abend des sechzehnten Advents.

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