Zum Weltwassertag
Längst ist sie verstummt, weil sie mit ihren Kräften haushalten muss. Das Kind, das den Durst schmerzlich erleidet. Aber auch die Mutter findet keine Worte mehr. Zu oft hat sie zu ihrem Kind gesagt, bald, bald gibt es Wasser. Die Zuversicht hat sie verloren, nach all der Vergeblichkeit. Wie soll sie ihrem Kind diese vermitteln, wenn sie sie selbst nicht mehr empfindet?
Es schmerzt die Mutter ihr Kind anzusehen, die vom Wassermangel aufgeplatzten Lippen, die Augen, die sie kaum mehr öffnen kann. Auch die Zunge ist zu schwer für Worte. Wie lange ist es her, dass sie zum letzten Mal was getrunken hat? Sie hat es vergessen. Viel zu lange. Durst ist nicht der Moment, es ist ein Zustand.
Da fühlt die Mutter, dass ihre Tochter schwerer wird in ihren Armen. Viel zu schwer. Alles hängt. Sie ist tod. Gestorben. Weil es kein Wasser gab, nicht für sie. Es ist ein Moment, der alles verändert. Sie setzt sich, wiegt ihr Kind in den Armen und wartet, darauf, dass sie ihr folgen darf.
Zwei Milliarden Menschen haben keinen sicheren Zugang zu sauberen Trinkwasser.
Vier Milliarden leben zumindest zeitweise in Wasserknappheit.
Das ist es, was wir erfahren. Wir, die wir zu Hause einfach den Wasserhahn aufdrehen müssen und darauf vertrauen können, dass Wasser fließt. Wir verwenden es nicht nur, um den Durst zu stillen. Sondern auch zum Waschen. Zum Duschen, Verschwenden für den Swimmingpool. Das Aquarium, in dem wir Gefangene halten, weil es so lustig ist, anderen beim Eingesperrt sein zuzusehen. Wenn das Wasserwerk einmal für drei Stunden die Leitungen abdreht ist Feuer am Dach. Weil es entsetzlich ist, dass wir die Clospülung für kurze Zeit nicht nutzen können.
Zwei Milliarden Menschen haben keinen sicheren Zugang zu sauberen Trinkwasser.
Vier Milliarden leben zeitweise in Wasserknappheit.
Ich denke nur, es trifft mich nicht. Die anderen sind mir egal. Hätten sie halt nicht wo geboren werden sollen, wo es so ist. Nicht dort sein, wo sie alles Wasser aufgebraucht haben. Bestimmt haben sie nicht ordentlich Haus gehalten. Selber schuld. Kümmert mich nicht.
Doch diese Zahlen meinen Menschen. Nicht einfach ein abstraktes Irgendetwas, sondern Lebewesen, die langsam zugrunde gehen, die einen Körper haben, der leidet und verfällt und stirbt.
Eine andere Frau macht sich auf den Weg. Einen langen Weg unter sengender Sonner, stundenlang, bis sie den Ort erreicht, an dem es Wasser gibt, manchmal, in der Hand einen leeren Kanister. Sie hatte gehofft, wie würde ihn auffüllen können, doch es reicht nur für die Hälfte, wenn überhaupt. Selbst das ist schon mehr als nichts. Das Wasser ist nicht sauber, war es nie. Die Kinder sterben, nicht nur an Wassermangel, sondern auch am Wasser, das Durchfall bringt. Ihre Körper sind zu schwach, sich zu wehren.
Und während Millionen Menschen darunter leiden, zu wenig und schmutziges Wasser zu haben, wenn überhaupt, wird Wasser abgepumpt, abgefüllt und verkauft, mit Marken darauf, wie wir alle kennen. Überleben hat einen Preis.
Sie können es ja kaufen, wenn sie es brauchen, tönt es aus den Konzernzentralen, denn nur Extremistinnen meinen, das Wasser ein freies Gut ist. Der Markt ist hunderte Milliarden schwer. In Dollar oder Euros. Was sind da schon ein paar Menschenleben? Ein paar Millionen Menschenleben?
Es ist kein Naturgesetz, dass Wasser fehlt. Eigentlich gibt es genug davon. Es fehlt nur dort, wo es keinen Profit bringt. Es ist ein ökonomisches Gesetz.
Das Kind ist gestorben und die Mutter sitzt da und wartet auf den Tod. Sie wird einschlafen und hoffentlich in einer besseren Welt aufwachen. So haben es ihr die Missionare mit den christlichen Werten erzählt.
Durst ist leise, denn er ist keine Schlagzeile wert, keine Eilmeldung, denn dort wo er ist, ist auch sonst nicht zu holen.
Bis 2030 könnten 700 Millionen Menschen wegen dem fehlenden Wasser ihre Heimat verlieren. Dann kommen sie dorthin, wo es Wasser gibt, wo es verschwendet wird, für Swimmingpools und Rasen gießen. Aber da wollen wir sie nicht haben. Ist ja schließlich kein Krieg vor dem sie fliehen. Nur Durst.
Manche wagen es zu sagen: Es ist eine Tragödie. Eine humanitäre Katastrophe.
Treffender wäre:
Ein System, in dem selbst Wasser zur Ware wird, ist ein mörderisches, in dem ein Leben davon abhängt, ob es sich rechnet.
Es ist keine genuine Knappheit, sondern eine Frage der Wertigkeit.
Und solange Wasser verkauft wird wie irgendein anderes Produkt, wird es Menschen geben, die verdursten. Nicht weil es keines gibt, sondern weil sie keines bekommen.


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