Inhaltsverzeichnis
AUSKLANG – 7
DER MOMENT DER ERWARTUNG – 9
EIN HAUS AUS ERINNERUNGEN – 12
DEIN DUFT AUF MEINER HAUT – 15
DAS STREICHELN DES WINDES – 17
DU BIST EIN WARMER SOMMERREGEN – 20
AN DEM TAG, AN DEM MIR EIN LOSLASSEN GESCHENKT WURDE, … – 23
NOTHING LASTS FOREVER, AND WE BOTH KNOW HEARTS CAN CHANGE – 26
WENN DU GEHST, DANN SCHLIEßE DIE TÜRE ZU – 31
BIS DIE NÄCHSTE WELLE KOMMT – 34
WEIL DU NICHT MEHR DA BIST – 38
DER KNOPF AN MEINER HOSE – 41
DAS UNGLAUBLICHE UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE – 44
MANCHMAL DENKE ICH NOCH DARAN … – 46
ANKLANG – 49
ICH MÖCHTE DIR BEGEGNEN – 51
VON SONNENAUFGANG BIS SONNENUNTERGANG – 54
GESICHTER DER STADT – 58
ZU VIELE FRAGEN – 61
BEGEGNUNGEN – 64
BARFUß IM REGEN – 75
EIN SOMMERTRAUM MITTEN IM HERBST – 78
NUR EIN TANZ – 81
SO WIE DU BIST – 84
AN DEM TAG, AN DEM DU MICH ERWECKTEST, – 87
STILLE – 90
ZULASSEN – 92
AUF DEINEN ARMEN – 95
VOM INDIVIDUUM ZUM DIVIDUUM – 98
MEINST DU, DU KANNST LIEBEN UND GANZ BLEIBEN? – 101
VER-SPRECHEN UND VERSPRECHEN – 104
ZWISCHEN DEM GERADE EBEN UND DEM JETZT – 107
DER KUSS – 110
WÄHREND – 115
DEINE ANKUNFT – 117
DER TANZ, DER NIEMALS ENDET – 121
EINLASSEN – 124
BEREIT SEIN – 127
PRÄSENZ UND VERHEIßUNG – 130
HALT MICH – 133
AN DEM TAG, AN DEM ICH DEN WICHTIGSTEN SATZ LERNTE, – 136
GLITZERWELTEN – 139
AN DEM TAG, AN DEM ICH VERSUCHTE “ICH LIEBE DICH” ZU SAGEN, – 142
HEILUNG – 145
WÜRDIGUNG DER BELANGLOSIGKEIT – 148
WIE VIEL LEBEN VERTRÄGT DIE LIEBE? – 151
TANZ DEIN LEBEN – 154
SINNLICHKEIT – 157
BERÜHRUNG – 159
DIR ZU BEREITEN … – 163
MEINE WEIßE ORCHIDEE – 165
AUF ROSEN GEBETTET – 168
HINGABE – 171
TRITT EIN … – 173
GASTLICHKEIT – 176
HALT STILL – 177
ZEIG MIR – 179
Der Moment der Erwartung
Nettes Geplauder. Nichtssagend. Letztendlich. Man muss Zeit überbrücken. Bis es beginnt. Langsam wird es ernst. Die Stimmen werden nach und nach leiser. Das Licht fällt auf die Leinwand. Trägt die Aufforderung zur Erwartung im Gepäck. Ein Film wird kommen. Wir wissen nicht mehr darüber als den Titel. Immer schon haben wir nicht mehr gewusst als den Titel.
„Leben“ oder vielleicht sogar „Mein Leben“ ist der Titel. Auch wenn es von Jahr zu Jahr fragwürdiger erscheint, was an diesem Leben wirklich „mein“ ist. Bei einem Film ist es anders. Der hat einen festen Beginn und ein definiertes Ende. Damit kann man umgehen. Auch das Leben hat einen festen Beginn. Alles andere ist vage.
Und während wir dasitzen, den verklungenen Tönen nachhören, die kommenden abwartend, ist nur das Licht auf der leeren Leinwand. Du sitzt neben mir. Ich sitze neben Dir. Es ist nicht die Zeit zu reden. Nachher. Da werden wir über den Film reden, den wir gesehen haben werden. Aber jetzt ist die nackte Leinwand da. Das Leben.
Vielleicht „Mein Leben“ mit Titel. Doch, ein Stück weit ist es mein Leben, und ein Stück weit eines, das von Menschen beeinflusst wird, denen ich diesen Einfluss zugestehe. Dir zum Beispiel. Aber nicht nur. Es ist auch kein richtiger Film, sondern eine diffuse Abfolge von Bildern, die ich gerne sehen würde, jetzt, nach dem Film, in einem Jahr, in einem Jahrzehnt.
Ich sehe Dich an meiner Seite. Jetzt sitzen. In einem Jahr. In zehn Jahren. Wir reden miteinander. Über den Film und auch über anderes. Eines gibt das andere. Du nimmst mich in den Arm. Immer noch. Es tut gut. Immer noch. Es hat etwas von der Beständigkeit, nach der ich mich sehne, während alles andere im Fluss bleibt, wie eine Behausung, die mich schützt und mir die Kraft schenkt den Stürmen zu trotzen, die das Leben mit sich bringt, das ein Stück weit sogar meines ist. Automatisch greife ich nach Deiner Hand.
Du siehst mich an Deiner Seite. Jetzt sitzen. Und dann, dass wir aufstehen und hinausgehen. Du gibst mir einen Kuss. Vielleicht einen letzten. Es ist ein Abschied, den Du siehst, denn es macht Dir Angst, dass die Zeit noch mehr verginge, und Du noch immer hier sein könntest.
Es hat etwas von Vereinnahmung und Stillstand und Tod. All jene Dinge also, die Du vermeiden möchtest. Denn während Du sesshaft wirst, fließt das Leben an Dir vorbei, das Du dann völlig aus der Hand gegeben hast, und das überhaupt nicht mehr Deines ist.
All dies und jenes und auch anderes denken wir für uns, in diesem Moment der Erwartung, in dem die Stille bereits eingekehrt ist, aber das Licht noch die nackte Leinwand erhellt, auf der bald der Film gezeigt werden wird.
Ein Moment der Erwartung, in dem wir unser Leben vorwegdenken. Ganz für uns, ohne ein Wort. Wir sehen uns an. Ein letztes Mal bevor der Film beginnt. Für uns wissen wir um unsere Erwartungen. Auch über die nach dem Film. Gemeinsam werden wir sie nicht haben. Sie sind nicht kompatibel.
Der Moment der Erwartung geht vorbei. Auch der Film. Der Kuss zum Abschied wird der letzte sein. Du weißt es. Ich noch nicht, aber ich werde es erfahren. Wie doch die Liebe unterschiedlich sein kann. Oder eben nicht.
Ein Haus aus Erinnerungen
Bedächtig drehe ich den Schlüssel im Schloss. Einmal. Zweimal. Ziehe ihn ab. Drücke noch einmal die Klinke hinunter, mich zu vergewissern, ob ich auch tatsächlich abgesperrt habe.
Es wäre nicht notwendig. Es ist doch notwendig, denn seit ich wusste, dass es an der Zeit war abzuschließen und zu gehen, war ich doch ein wenig durcheinander. Es gab kein Zurück. Die Endgültigkeit drückte wie eine zentnerschwere Last auf meine Schultern. Dennoch tat ich alles, was ich zu tun hatte, mit allergrößter Sorgfalt.
Ich ließ mir Zeit, weil ich hoffte. Aber was sollte diese Hoffnung auf Dich, wo Du mir doch selbst gesagt hattest:
„Sperr ab und schmeiß den Schlüssel weg!“
Ja, das hattest Du gesagt. Es war nicht abwegig und auch nicht unerwartet, was mich jedoch nicht davon abhielt, mich dagegen zu wehren. Nach Kräften. Kraftlos.
Weißt Du noch, als Du mich an der Hand nahmst und mich Schritt um Schritt mitnahmst? Unter unseren Füßen wurde der Weg, und unsere Begegnung bildete das Fundament. Mit jedem Mal, mit jedem Erleben fügten wir ein Stück hinzu.
Ich werde nicht verzweifeln und nicht jammern, nur wer könnte mich jetzt in den Arm nehmen, da Du es doch warst, der es immer tat, wenn ich traurig war?
„Sperr ab und schmeiß den Schlüssel weg!“
Ja, das hattest Du gesagt. Der Schlüssel wiegt nicht schwer in meiner Hand. Leicht fühlt er sich an. Ich hole aus, um dem zu entsprechen, was Du mir auftrugst. Doch die Hand lässt den Schlüssel nicht los. Noch einmal sehe ich ihn an.
Kurzentschlossen stecke ich ihn in die Hosentasche. Ich kann ihn immer noch wegschmeißen, später, wenn ich so weit bin. Oder ich kann eines Tages einfach zurückkehren und mich darüber freuen, dass es war.
Dein Duft auf meiner Haut
Ich gehe auf Dich zu. Du gehst auf mich zu. Fließend. Es ist die Selbstverständlichkeit. Es ist die Einmaligkeit. Es ist das Sich nähern, das an Einander ist und wird. Fließend. Ein Aufeinander-Zu, das sich nicht erschöpft in der Bewegung, nicht im Tun, nicht in der Verfügbarkeit des Fassbaren, und doch ist es auch nichts anderes. Die Selbstverständlichkeit als die einzige Möglichkeit des Augenblicks, des gelebten Moments. Belebt im Aufeinander-Zu. Stille.
Stille zu ertragen, ja mehr, sie als gewollt zu verstehen, den Fluss nicht zu stören. Denn es wuchs eine Gewissheit, klar und unmissverständlich, doch nicht von der Art, dass es Wissen war, eines, das, belegt, unterlegt, unterfüttert mit Fakten, einen rationalen Denkprozess abschließt, sondern eine Gewissheit des Präsenten, in mir und in Dir. Gewissheit, dass es nichts weiter geben kann, hier und jetzt, als dieses Aufeinander-Zu, das sich Umfließen, in der Stille, sich in den Blick geben und verweilen.
Und die Stille, die den Fluss sein ließ, Dich umfließend, mich umfließend, uns umfließend, wurde nicht abgewiesen durch unser Gespräch. In Deinem Blick, mit der Ruhe der Achtsamkeit, geht in ein Außen, den Gedanken zu explizieren, ihn einzuholen, in Worte zu fassen, um dann zu mir zurückzukehren, ihn mir zu schenken, als Aufforderung mit Dir zu sein, in jenem Gedanken, in jenem Wort.
Ich gehe mit Dir. Du gehst mit mir. Fließend. Es ist die Selbstverständlichkeit des Miteinander. Ich beantworte keine Fragen, weil es keine gibt. Es ist, als wäre in dieser Selbstverständlichkeit alles Fragwürdige verklungen und erneut erklungen in der Gewissheit, Dir zu sein, mir zu sein. In einem Moment, der ein Jetzt ist oder ein Andauern oder gar ein Für immer. Es tut auch nichts zur Sache. Denn es ist im Moment, in jedem, in dem es sein soll, in jedem kommenden, der Jetzt heißt. Es ist, wenn Dein Blick mich einnimmt und zu Dir holt, wenn Deine Berührung mich umgibt, wenn Du eins wirst mit mir, in diesem Moment, der immer der jeweilige der atmenden Stille ist, die alles offen lässt, alles ermöglicht. Den Blick offen haltend, neugierig, verspielt und achtsam, so dass Du mir die Welt erschließt, so dass ich Dir die Welt erschließe. Es gibt keinen Plan. Es braucht auch keinen. Es ist der Dialog, der sich fortsetzt, unausgesetzt, als Stille, als Sprache, als Berührung. Das Leben hat keinen Plan. Nur ein Sein. Es hat keine Anweisungen. Nur die Zuwendung.
Ich reiche Dir die Hand. Du reichst mir die Hand. Es ist die Selbstverständlichkeit des Staunens. Weil das Leben, mit Deiner Hand in meiner, sich erweitert, die Welt eine andere ist, als vor dieser Gewissheit und dem Moment des Lebens. Weiter, erfüllter, belebter, und wohl auch verständiger. Der Horizont ist weiter, mit Deinem Blick, der ihn mir eröffnet, so wie ich Dir.
Und wenn ich von Dir gehe, dann mit der Gewissheit, der Selbstverständlichkeit und Deinem Duft auf meiner Haut.
Das Streicheln des Windes
Ein sanfter Hauch, nur eine Spur, ist der Wind, der den Vorhang sanft hebt, hindurchstreicht und ihn wieder verlässt, so dass er zurücksinkt. Sanft wie der Morgentau und Deine Hand auf meiner Wange, die nun nur mehr der Wind streichelt. Unmerklich, doch ich sehe es. Das Fenster ist geöffnet. Wie Du es magst. Das Bild steht am Pult und Dein Platz ist leer. Nicht für mich. Denn Präsenz lässt sich nicht löschen, nur so sanft werden wie einen Hauch, eine Spur.
Ein sanfter Duft umweht mich, während ich bleibe. Dein Platz. Mein Platz. Unser Platz. Wir haben ihn gefunden. Es ist angenehm sich zuzuwenden. Auch zu lächeln. Zu reden. Zuzuhören. Du sitzt da, den einen Arm auf der Lehne, den anderen hinter meinem Rücken. Annehmend ohne zu beschränken. Ich lasse mich halten und tragen. Wenn ich Dir erzähle. Und wenn ich nach Worten suche, mich Dir mitzuteilen. Du hörst zu. Führst mich mit Deinen Fragen immer weiter, meine Gedanken zu entwickeln, weiterzugehen. Du gehst mit. Du bist bei mir und lässt mich doch voranschreiten. Im Schein der untergehenden Sonne erkläre ich Dir, um mir selbst zu erklären. Im Aussprechen wird es mehr. Schritt um Schritt.
„Ich liebe Deine Leidenschaft“, sagst Du, wenn ich Dir berichte von all meinen Träumen und Plänen, meinem Einsatz und der Unbedingtheit meines Willens. Du schenkst mir die Verbundenheit und spornst mich an. Bestätigung und Fürsorge.
Bestätigung, dass der Weg der richtige ist. Fürsorge, dass ich mich nicht verausgabe. Du bist der Ort, an dem ich Kraft und Mut tanke. Du bist es in Deiner stillen Präsenz, die der Duft ist und der Atem und das Sein, die auch in der Abwesenheit bestehen bleibt.
„Ich liebe es Dir zuzuhören“, sage ich, wenn Du mir berichtest von Deinem Leben und Deinen Gedanken und Deinem Weg. Nicht unbedingt geradlinig, was auch immer das im Leben heißen mag. Was es ausmacht, ist die Art, es mir nahezubringen, mich mitzunehmen auf den Pfad, den Du gehst. Manchmal vergesse ich zuzuhören, weil ich mich in Deiner Stimme verliere, mich fallen lasse in den Klang und die Wärme. Ich sage es Dir nicht. Was sollte ich auch sagen? Dass es mir schwer fällt, mich auf Deine Worte zu konzentrieren, wenn Du sprichst. Auch, wenn ich weiß, dass Du selbst das verstanden hättest.
Ein sanftes Geräusch klingt vom Tisch zu mir, auf dem Deine Tasse neben meiner steht. So wie es immer war. Immer wieder stelle ich sie neu auf, denn nichts erleichtert das Leben mehr als die Gewohnheit, die uns gehört. Tee zu trinken, wenn der Wind rau wird, im Herbst, wenn das Fenster immer kürzer geöffnet wird, hinein in den Winter. Doch jetzt ist Sommer und der Wind warm, wie Deine Hand auf meiner Wange.
Ein weicher Schatten. Bilder verblassen in der Erinnerung. Sie verlieren an Trennschärfe, an Kanten und Ecken. Sie werden weicher und stimmiger, bis sie mit dem Moment verschmelzen und dem Jetzt, bis sie nicht mehr Schatten, sondern Licht sind, das mich auch durch die finsterste Nacht begleitet, sie erhellt.
Ich habe keine Angst. Du bist bei mir. Auf Deinem Platz neben meinem. Der Klang Deiner Worte, und die Hand, die meine Wange streichelt. Auch wenn es nur mehr der Wind ist. Es ist wie Deine Hand, nur ein wenig kälter.
