Der Wind bläst die Sandkörner hinweg. Ich lege meine Hand neben mich auf den Boden. Ein wenig versinkt sie, doch schon bald ist sie von den winzigen Bruchstücken des Gesteins bedeckt. Nicht lange, und die Finger, der Handrücken, sind nicht mehr zu sehen. Ich ziehe die Hand heraus, schüttle den Sand ab. Penibel. Weiche, weiße Haut, die fester wirkt als die Körner, ihnen jedoch nicht standhalten könnte. In ihrer sich ballenden geballten Wucht. In ihrer Teilnahmslosigkeit, die die Hand begräbt und mich.
Verloren in der Beliebigkeit der Menge. Des Sandes. Der Menschen. Teilnahmslosigkeit, die den Stuhl, der versinkt nicht anders betrachtet als mich. Als gäbe es keinen Unterschied, keine Verbundenheit. Die Rolle längst verloren, die spielen könnte, die Schnur abwickelnd, an der wir uns festhalten, eine um die andere, verloren und zugeweht vom Sand durch die Zeit.
Verloren, bis Du meine Hand nimmst, und mich aufziehst, in den Stand, in die Festigkeit und ich zurückfinde in das Leben und die Bedachtsamkeit, die Du mir schenkst. Schenkst. Schenkst. Schenkst. Es gibt keinen Grund. Schon gar nicht Notwendigkeit. Nur das ich bin die ich bin und Du der Du bist und die Hände ineinander verwoben, als könnten sie es aufhalten, den Wind und den Sand. Eine kleine Weile der Beliebigkeit entronnen, sacht und unaufdringlich. Weil es Tag wird und Nacht und wieder Tag. Und Du mir Deine Hand nicht entziehst. Dann nimmst Du mich mit, um dem Versinken zu entkommen, der Vergessenheit und dem Gleichmut. So lange es geht.
Mit bloßen Füßen gehen wir durch das Wasser, das in sanften Wellen über den Strand gespült wird. Die ewige Aneinanderreihung von Kommen und Gehen. Ich blicke zurück und sehe unsere Spur im nassen Sand. Die nächste Welle verwischt sie. Als wären sie nie geschehen. Als wären wir nie geschehen. Das Wasser steigt, höher und höher, verschlingt uns mit eben jener Gleichmut, wie der Sand. Zieht uns hinein. Wie schnell man doch von den Wellen umspült wird, von den Wellen der Gleichförmigkeit und des Vergessens. Nicht mehr zu erinnern. Schlucken. Ausspeien. Atmen. Nicht mehr atmen.
Verloren in der verwaschenen Farblosigkeit eines sich in seiner Seltsamkeit verlierenden Lebens. Leben, das abläuft. Und dann noch eines. Noch eines. Noch eines. Als wenn es von Belang wäre. Es gibt auch niemanden, den man dafür belangen könnte. Nur, dass es geschieht. Ich weiß nicht wozu und woher und wohin. Weil es bestehend gleich bleibt und nichts sich ändert, denn die Wellen spülen es hinfort, die Spuren und die, die Spuren für den Moment hinterließen.
Verloren, bis Du mich in Deine Arme schließt und mich hältst, abhältst von der Einsamkeit und der Unzulänglichkeit in mir zu sein. Sanft fühle ich mich geschützt von der Unendlichkeit, die in dieser Umarmung schlägt und den Takt unserer Herzen trägt. Deines und meines. Des Willens. Des Gedankens. Wie des Gedenkens. Jenseits des Einerleis, dem Du mich enthebst. Dem ich Dich enthebe, in ein Zueinander. In diesem Moment des Lebens. Aufs neue Atem zu schöpfen. Und wir gehen fort, von dem Ort, der uns zu verschlingen droht, in die Freiheit eines Umschlossen-seins.
Der Traum, der ein Leben sein sollte, holt mich ein, Nacht für Nacht, Schlaf für Schlaf. Er fordert mich heraus und stößt mich zurück. Als wäre es von Bedeutung. Als hätte es Sinn. So wird mir vorgegaukelt, bis ich danach greife und die Hand leer bleibt, leer, wie ein Herz, das Trauer trägt und sich nicht mehr aus der Bangigkeit des Verlustes befreien kann.
Verloren in der Nacht, die kein Ende mehr nimmt. Nicht mehr nehmen kann. Die Dunkelheit, die das Wahrnehmen, Nachspüren, Verstehen verdrängt, vereinnahmt, verebbt und begräbt. Nicht langsam, wie der Wind den Sand darüberweht. Nicht langsam, wie die Wellen sich nähern, sondern in einem Wimpernschlag der Unaufmerksamkeit. Ich schrecke auf, auch aus dem Traum. Orientierungslos. Ortlos.
Verloren, bis Du Dich an mich schmiegst und Dein Körper sich um den meinen schließt und ich zu spüren beginne. Dein Herzschlag, der sich in mir ausbreitet und den meinen in Harmonie setzt. Deine Hände, die mich halten und über meine Haut streichen, voller Zärtlichkeit und Langmut, auch die Verlorenheit erkennend und überwindend. Dann schließe ich die Augen, weil ich nicht mehr verloren bin, weil ich gefunden bin.
Verloren der Verlorenheit.
Geborgen der Geborgenheit.
Liebend der Liebe.
Lebendig dem Leben.

