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Life is too short for boring stories

Wir hatten lange nichts mehr voneinander gehört, als wir uns damals wieder trafen, so wie der Zufall eben Menschen zusammenführt. Manchmal nach langer, andere nach kurzer Trennung, je nachdem, wie das Schicksal gerade gelaunt ist. Immer wieder hatte ich mich gefragt, was denn Deine Gründe wären für Dein Verstummen. Aber ich wollte nicht in Dich dringen. Es gibt immer einen Grund. Es würde auch hier einen geben, auch wenn ich ihn in dem Moment nicht erkannte. Vielleicht würde ich ihn eines Tages erfahren, oder auch nicht. Auch das hätte seinen Grund. Man will ja schließlich auch nicht lästig sein.

Was weiß man denn schon von den verschlungenen Wegen der menschlichen Gedanken? Schon mit den eigenen tut man sich schwer, und dann erst bei fremden. Da können Spekulationen nur in Sackgassen führen. Und wenn man dann noch die emotionale Komponente mit in Betracht zieht, dann multipliziert sich die Komplexität nicht nur, nein, sie potenziert sich, wobei der Exponent gleich groß ist wie die Basis. Eine Gleichung in zwei Unbekannten. Rechne wer mag und kann. Ich beschloss, so gut es ging, mir die Spekulationen zu ersparen. Allerdings – und das gebe ich jetzt einfach so zu, weil man mir alles andere eh nicht geglaubt hätte – nagte die Frage natürlich an mir. Offene Fragen waren mir schon immer ein Dorn im Auge. Andererseits gab es noch eine andere Grundweisheit, an die ich mich strikt hielt. Stelle immer nur die Fragen, von denen Du sicher bist, dass  Du auch eine Antwort bekommen möchtest. Und in dem Fall war ich mir gar nicht sicher. Aber als ich Dich dann sah, da ging ich auf Dich zu, mit dem festen Vorsatz, den immer noch bohrenden Fragen den Garaus zu machen.

 

Mit geblähter Brust und aufrechtem Rücken, stürmte ich auf Dich los, und bombardierte Dich, rück- und vorsichtslos mit all den offenen Fragen, die da wüteten, und die im Laufe der Zeit immer mehr geworden waren. Und die erste Salve, die ich abfeuerte, sollte gleich einmal keinen Zweifel daran lassen, wie ernst es mir war.

“Hallo, ich freue mich, Dich zu sehen”, hörte ich mich sagen. Vielleicht nicht ganz die Bombardierung, aber man muss ja nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen.

“Hallo, ich freue mich auch”, sagtest Du, überraschender Weise, um noch hinzuzusetzen, “Wir haben lange nichts mehr voneinander gehört.”

“Ja, ich weiß. Schade eigentlich“, erwiderte ich leichthin, als hätte mich das gar nicht betroffen.

„Du findest das tatsächlich Schade?“, fragtest Du, und Deine Stirn runzelte sich, als hättest Du gerade den Abwasch damit gemacht.

„Ja klar“, antwortete ich, geistesabwesend, und so souverän wie möglich, denn mir schwante Übles.

„Warum hast Du Dich dann nicht gemeldet?“, fuhrst Du in der Befragung fort.

„Ich dachte, Du wolltest Dich melden. Warum hast Du Dich nicht gemeldet?“, konnte ich nun meinerseits nicht unterlassen zu fragen.

„Weil ich nicht wusste, wie Du reagierst. Es war eine Zeit, da hätte ich einfach nicht gewusst, was ich sagen soll, und da ließ ich es lieber“, erklärtest Du, und das war der Moment meine Teetasse fallen zu lassen, bloß hatte ich keine in der Hand.

„Wie wäre es einfach mit ‚Hallo, wie geht’s Dir?’ gewesen, wie das eben so üblich ist?“, fragte ich, während es mir wie Schuppen von den Augen fiel.

 

Jeder von uns hatte gewartet, dass der andere den Anfang macht. Und so geschah gar nichts, außer dass die Fragen da waren und der Wurm nagte. Das war der Grund gewesen. Immerhin ein Grund, aber ein verdammt schlechter.

 

Warum nur ist es manchmal so schwer aufeinander zuzugehen? Warum nur bauen wir Barrieren zwischen uns auf, wo gar keine sein müssten? Nun ja, auch dafür wird es einen Grund geben, auch wenn er vielleicht nicht gut ist.

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