Be W.I.L.D. – Sei Du!

Es war ein Erweckungserlebnis, zumindest erschien es mir in dieser Nacht vom 13. auf den 14. Januar so. „Luther muss sich so gefühlt haben, in seinem Turm“, dachte ich nach vollbrachter Gedankenentwicklung. Ausgangspunkt war die Aufarbeitung einiger zwischenmenschlicher Kalamitäten, die sich in den letzten Monaten zutrugen. All der emotionale Unsinn, wie ich mich abfällig zu äußern pflege, um dem ganzen Durcheinander dem ihm gemäßen Platz zuzuweisen. Zum wiederholten Male setzte ich mich mit der Frage auseinander was denn da falsch gelaufen war, was die anderen so dachten und warum sie dieses oder jenes so gemacht hatten, bis ich zum entscheidenden Punkt kam, zu einer Beziehung, die mir eigentlich ebenso am Herzen liegen sollte, wie andere. Seit Jahrzehnten begleitet sie mich jetzt und wird mich auch für immer begleiten. Ich werde sie nicht los. Also kann ich mich auch mit ihr auseinandersetzen, der Beziehung mit mir selbst.

 

Wie jede Beziehung verläuft auch diese alles andere als reibungslos. Manchmal besser, manchmal schlechter. Wie das eben so ist. Und dann gibt es Zeiten, da stelle ich mich selbst völlig ins Eck und vergesse auf mich. Meistens dann, wenn die Anforderungen von außen groß sind. Dann vertröste ich mich auf später. Aber wann ist später? Wichtig wäre es mich selbst nicht zu vernachlässigen, vor allem deshalb, weil ich mit den Anforderungen des Lebens und meiner lieben Mitgeschöpfe anders umgehen kann. Eigentlich ist es der Dreh- und Angelpunkt jeder gelungenen Außenbeziehung, denn wenn ich über meine eigenen Bedürfnisse Bescheid weiß, dann kann ich auch mit denen der anderen anders umgehen. Es geht darum mich selbst ernst zu nehmen. Zu sein. Als ich selbst. Doch was macht dieses Selbst-Sein aus? Als was sehe ich mich inmitten all der Angebote wie ich zu sein habe? Meine Antwort war, in jener besonderen Nacht:

 

Be W.I.L.D. – Wonderful, Independent, Lively and Disobedient

 

Wundervoll

 

Sich selbst als „Wunder-voll“ zu bezeichnen klingt im ersten Moment ein wenig vermessen, doch bedeutet es nichts anders, als dass ich – wie jeder Mensch – einzigartig und unvergleichlich bin. So wie ich ist niemand sonst auf der Welt. Also ein Wunder, etwas, das wie ist wie nichts Anderes. Ich bin sofort bereit dies bei anderen anzuerkennen. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, so sprechen wir ohne weiteres von einem Wunder. Nun wurden wir alle geboren und wurden als dieses Wunder des Lebens angenommen. Irgendwann geht uns das verloren. Wahrscheinlich in dem Moment, in dem wir zum ersten Mal mit dem Fuß aufstampfen und unseren Willen einfordern. Also in dem Moment, in dem wir lernen, dass wir unsere Bedürfnisse zu zügeln und hintanzustellen haben. Was auch grundsätzlich gut ist, aber eben nicht immer, denn man gleitet sehr schnell in das Fahrwasser sich selbst immer und überall hintanzustellen. Und der Wunder voll zu sein, ist die unerschöpfliche Kraft seiner Originalität gewahr zu sein und genau diese in die Begegnungen mit anderen einzubringen. Anderen und mir selbst Überraschung zu sein.

 

Unabhängigkeit

 

Unabhängigkeit soll nun nicht der Auflösung sämtlicher Bindungen das Wort reden, aber einen Anstoß dazu geben Abhängigkeiten zu hinterfragen, die mit der Zeit gewachsen sind und wie selbstverständlich unser Denken und Handeln leiten. Zumeist sind es solche, die uns an das Haben binden. Letztlich geht es um die Frage, wovon mein Glück, die Erfülltheit meines Lebens abhängt und was diesem im Wege steht. Fesseln, die ich mir anlegte, die mich am Handeln hindern und an der Zuwendung zu anderen. Unabhängig von dem, was man tut oder was man zu haben hat. Warum muss ich im Urlaub irgendwo hinfahren, wenn es mir zu Hause gefällt? Warum kann ich nicht einfach eine Stunde spazieren gehen, wenn es gerade passt, auch wenn die Wäsche eben später gewaschen wird? Warum ist es so schwer in aller Freiheit auf die innere Stimme zu hören und sich nicht von außen dirigieren zu lassen. Unabhängigkeit also im Sinne eines Vertrauens auf die Verlässlichkeit dessen, der mir am nächsten steht, ich selbst.

 

Lebendig

 

Lebendig zu sein ist das Leben mit allen Sinnen zu genießen, sich einzulassen auf den Moment des Miteinander, wie des Bei-Sich-Seins, einlassen auf all die kleinen Wunder, die uns umgeben. Die Vögel am Futterhaus zu sehen. Den Sonnenaufgang. Sich in der Früh hinzusetzen, bewusst, mit der Kaffee- oder Teetasse und einfach nur zu trinken. Sicher, wir haben es alle schon hunderte Male gehört, dass man im Moment bleiben soll, dass man bei dem bleiben soll, was man gerade tut. Aber warum tun wir es immer noch nicht? Hören ist zu wenig, wenn wir es nicht tun.

 

Ungehorsam

 

Immer wieder taucht das Wort auf, zumal im Zusammenhang mit der Möglichkeit auf sein persönliches Rechtsempfinden zu hören. Man nennt es landläufig „Zivilen Ungehorsam“. Ungehorsam ist natürlich eine gewisse Gradwanderung und soll nicht der Willkür das Wort sprechen und kann auch nicht erschöpfend Auskunft darüber geben, wann denn nun Gehorsam notwendig und wann Ungehorsam nicht nur angebracht, sondern ein Gebot der Stunde ist. Gehorsam war der Grundstein, der die Herrschaft der Nationalsozialisten stützte. Man konnte sich darauf verlassen, dass die meisten Menschen darin geübt waren. Ziviler Ungehorsam war ein Todesurteil. Heute wissen wir, dass er richtig war, aber damals waren es ebenso die sozialen Repressionen, die man aus seiner unmittelbaren Umgebung, die man zu erdulden hatte. Für mich ist der Punkt erreicht ungehorsam zu sein, an dem ein Gesetz, eine Vorschrift, eine Handlung dem grundlegenden Recht auf Leben widerspricht.

 

Wenn ich das beherzige und lebe, dann schenke ich mir den Stellenwert, den ich in meinem Leben haben sollte und rücke meine Beziehung zu mir selbst wieder zurecht. Mache mich nicht länger klein, sondern bin da, mit all dem was ich bin, bringe mich ein und stehe zu mir. Dann wird es zwar nach wir vor Beziehungsprobleme geben, aber sie werden andere Lösungen finden.

 

Be W.I.L.D. – Be you

 

Und beglücke die Welt und Dich selbst mit Dir.