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Life is too short for boring stories

Für jede Kulturtechnik, die wir erlernen, geben wir eine Fähigkeit ab. Für jede Bequemlichkeit müssen wir mit dem Verlust einer Fertigkeit bezahlen. So gab es bis vor ein paar Jahrzehnten auf dem Balkan Erzähler, die Epen mit hunderten Strophen auswendig wussten, und das, weil sie nicht lesen konnten. Menschen, die nicht lesen können, wird berichtet, hätten ein besseres Gedächtnis für Gehörtes. Man kann das auch bei Kindern im Vorschulalter sehr schön beobachten. Ich möchte nun damit nicht dafür plädieren, dass wir das Lesen verlernen, aber daran denken, dass es nichts im Leben gibt, ohne dass man dafür etwas zurückgeben muss. Beim Gewinn an Bequemlichkeit ist es das Gleiche. War es zur Zeit meiner Großmutter kein Thema, dass kleine Beschwerden, ein Husten, ein Bienenstich und ähnliches mit Hausmitteln behandelt wurden, so kam mit der Vielzahl an Medikamenten die Illusion auf, dass maschinell fabrizierter Hustensaft besser wirkt als in die Gaben der Natur. So wurden die Medikamente den Hausmitteln vorgezogen und damit ging das Wissen verloren. Der Verlust dieses Wissens bringt auch ein Stück mehr Abhängigkeit, denn wir brauchen beim kleinsten Wehwehchen einen Doktor oder zumindest eine Apotheke.

All das wussten die Großmütter, bald schon werden es die Urgroßmütter sein – und halten wir an der Vorgangsweise fest, so wird es bald niemand mehr wissen. Nun gibt es eine wachsende Anzahl an Menschen, die diese Fertigkeiten wieder auffrischen und verbreiten. Spannend und lehrreich ist es das Schritt für Schritt zu erlernen, all das, was früher ganz selbstverständlich von den Großmüttern an die Kinder weitergegeben wurde, in einer Zeit, in der die Großmütter noch die Zeit und den Willen und das Wissen hatten das zu tun. Damals waren diese beiden Generationen jene, die aus dem aktiven Erwerbsleben ausgeklammert waren, die einen, weil sie ihren Teil schon erfüllt hatten, und die anderen, weil sie noch nicht so weit waren. Das führte sie beinahe zwangsläufig zusammen und einander näher.

Großmütter verfügten über einen weiten Erfahrungsschatz, aus dem sie schöpfen konnten. Vieles sahen sie bereits viel entspannter, weil ihre Position eine von außen war. So waren sie Anlaufstelle für die Kümmernisse der Kinder, boten ihnen einen Raum, in dem sie mehr Kind sein durften. Mit ihrem Blick von Außen vermochten sie mehr die Entwicklung zu sehen als den einen Moment unter vielen. Sie waren nicht mitten drinnen, sondern daneben, konnten motivieren und anspornen, verbanden Wunden, äußere wie innere, und trösteten. Sie gaben Rat ohne zu schlagen, erzählten Geschichten und waren oft auch einfach da. Rückzugsort aus dem Trubel des Lebens in die Ruhe.

Wenn wir die Großmütter verlieren, nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern auch physisch, an einen Jugendkult, der soggeriert, dass Großmutter-sein alt, gebrechlich und dement bedeutet, dann geht unserer Gesellschaft viel an Ruhe und Kraft verloren. Der Kreis des Lebens, bei dem der Anfang wieder an den Schluss, das Erblühen mit dem Verblühen anschließt, ist unterbrochen. Aber das heißt noch lange nicht, dass er nicht wieder schließbar wäre. Das bedeutet nicht, dass sich nun alle Großmütter wieder Socken stopfend an den Kamin setzen müssen, aber ein paar Geschichten, ein wenig Wissen über die Kraft der Pflanzen und der Natur würden uns nicht schaden. Das schließt den Yoga- und den Zumbakurs nicht aus, aber wir sollten auch nicht leichtfertig auf – im wahrsten Sinne des Wortes – heilbringende Fertigkeiten verzichten.

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