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Life is too short for boring stories

Das Glitzern zieht weiter, das Glitzern der Blauen Blume. Es führt mich zu einer Bank. Zwei Gestalten nehme ich aus, die offenbar nicht ruhig sitzen können. Immer wieder hüpfen sie auf, hinter die Bank, unter die Bank, verharren in kurzer Beobachtung, um wieder um die Bank herumzulaufen, wieder etwas Neues zu entdecken. Kurz halte ich inne, in Betrachtung dieses Treibens, das mir unwillkürlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Nicht lange, denn sie entdecken mich, warten nicht ab bis ich weitergehe, sondern laufen auf mich zu, freude-strahlend. Zwei kleine Hände strecken sich mir entgegen.

„Komm mit, ich muss Dir etwas zeigen!“, sagt der Junge.
„Nein, ich muss Dir etwas zeigen. Meines ist viel wichtiger und viel interessanter!“, sagt das Mädchen.
„Aber ich habe es zuerst gesagt!“, erwidert der Junge, und ich finde mich hin- und hergerissen. Keinen von beiden will ich bevorzugen, keinen von beiden zurücksetzen. Aber wie soll mir das gelingen?
„Aber meines ist dringender!“ entgegnet nun das Mädchen, und unterstreicht ihre Aussage, indem sie den Zug an meiner Hand verstärkt.
„Ich will euch beiden gerecht werden. Doch wie soll ich das machen?“, suche ich ihr Verständnis.
„Ich weiß was. Du schaust als erst bei mir, weil es etwas ist, was Du schon lange suchst, und dann seins, weil es eigentlich damit zusammenhängt“, schlägt das Mädchen vor, und ich sehe zaghaft hinüber zu dem Jungen, der aber einverstanden zu sein scheint, denn er geht nun anstandslos mit zu dem Platz, zu den uns das Mädchen führt. Hinter der Bank steht eine hohe Weide, deren Äste bis zum Boden reichen. Vorsichtig schiebt sie einige Äste zur Seite, um einen Zugang zu eröffnen zu dieser Höhle, geformt aus den Ästen der Weide, und dann sehe ich sie, direkt am Stamm der Weide, die Blaue Blume, in voller Pracht. Ich will hinstürzen, sie an mich nehmen, sie behalten, doch ich finde mich zurückgehalten.

„Nein, das darfst Du nicht!“, sagt das Mädchen bestimmt.
„Warum nicht? Warum zeigst Du sie mir dann, wenn ich sie doch nicht haben kann?“, frage ich irritiert.
„Weil sie nicht Dir gehört, und wenn Du versuchst sie zu nehmen, wird sie ihren Glanz und ihr Leben verlieren. Du darfst sie nicht haben. Sie lässt sich finden, wenn Du sie nicht haben willst“, erklärt sie, und sie hat recht. Wie recht sie doch hat. Nicht halten, nur sich finden und sich öffnen lassen. So ist es mit dieser Blume und mit den Menschen in meinem Leben, doch schon werde ich wieder aus meinen Gedanken gerissen.

„Hast Du den Mond gesehen, den vollen, schönen Mond?“, fragt mich nun der Junge, und führt mich aus dem Blätterdach weg.
„Natürlich habe ich ihn gesehen. Ich weiß ja, dass er am Himmel steht“, entgegne ich.
„Weißt Du es nur, oder hast Du wirklich hingesehen?“, bleibt er hartnäckig, und ich muss mir eingestehen, nicht zu Unrecht. Habe ich denn hingesehen? Habe ich wirklich die Augen aufgemacht, meinen Blick erhoben und ihn zentriert betrachtet? Unwillkürlich hebe ich den Kopf, folge der Richtung, in die sein Arm weist. Ja, jetzt weiß ich nicht nur, jetzt sehe ich. Wie neu, wie unvermutet ist die Welt, wenn ich sie sehe.
„Danke, dass Du mir wieder eröffnet hast, sehen zu können. Danke, dass Du mir eröffnet hast, dass Haben sterben bedeutet“, höre ich mich sagen, und erfahre mich selbst als offen sehend, und nicht mehr verharrend in meinem verschließenden Wissen.

„Dann können wir jetzt gehen“, sagen sie, winkend, und schlagen einen Weg ein, der sich hinter der Bank eröffnet, ihren Weg, auf dem sie die Welt für sich entdecken.

Aus: Geschichten über die Liebe und andere Absonderlichkeiten

8 Gedanken zu “Begegnungen (4)

  1. Eine sehr schöne Geschichte. 🙂

    1. novels4utoo sagt:

      Vielen Dank

  2. Ich bin mir allerdings recht sicher, einen kleinen Fehler im ersten Absatz entdeckt zu haben. Ich glaube, du wolltest „mache“ statt „nehme“ schreiben. Das Ausnehmen gibt dem etwas äußerst Groteskes. 😉

    Zögere bitte nicht, diesen Kommentar direkt wieder zu löschen oder gar nicht zu genehmigen. 🙂

    Liebe Grüße

    1. novels4utoo sagt:

      Ich kann generell sagen, ich bin dankbar für Hinweise, wenn ich etwas falsch geschrieben habe. Also bitte nicht zögern.

      1. Das ist gut zu wissen. Ein bisschen zögern werde ich in Zukunft dennoch. Es schadet bestimmt nicht, etwas weniger überstürzt zu agieren. 😉

      2. novels4utoo sagt:

        Ich habe es mir natürlich nochmals angesehen, und kann es gut nachvollziehen. Es hat eine gewisse Zweideutigkeit. Aber ich meine es wirklich so. Man überliest so schnell etwas. Da ist es gut, es gesagt zu bekommen. Also keine Scheu.

  3. Nachtrag: Ich habe mich schlau gemacht und musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass „ausnehmen“ doch mancherorts tatsächlich in diesem Sinne benutzt wird. Mein Fehler, verzeih mir. Und verzeih mir den Spam. 😉

    1. novels4utoo sagt:

      Überhaupt kein Problem

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