novels4u.com

Life is too short for boring stories

„Ja, das finde ich auch, aber damals galt das halt so. Und deshalb hat man auch immer mehr Sachen gemacht und wieder weggeworfen, bis kein Platz mehr war zum Wegwerfen und die Erde knapp davor war, kaputt zu gehen. Das meinte ich mit dem Zug, der auf den Abgrund zufährt,“ erklärte Lilith. Wie schön es doch war zu erleben, dass Frau Knapp, die einst einsame Frau jetzt geradezu von Kindern belagert wurde, die alle ihre Geschichten hören wollten. Da war kein Platz mehr für Einsamkeit.

„Was habt ihr eigentlich morgen vor?“, fragte Adam unvermittelt seine Kinder.

„Morgen gehen wir ernten, Äpfel zu aller erst“, antwortete Raphael wie aus der Pistole geschossen, der sich schon auf die ersten Äpfel in diesem Jahr freute.

„Und die Kartoffeln sind glaube ich auch schon“, warf Magdalena ein, „Und dann gehen wir zur Frau März, die uns zeigt wie man näht.“

„Was man braucht, was wichtig ist, lernt man im Leben“, meinte Lilith, „Vor allem das selbständige Denken und Entscheiden. Das ist schon ganz anders als zu unserer Zeit.“

„Ja, ganz anders“, pflichtete Adam ihr bei, „Statt zu guten Bürger*innen und Konsument*innen gemacht zu werden, geht es um ein geglücktes, selbstbestimmtes Leben. Statt Lohnarbeit Lebensarbeit.“

„Was ist Arbeit?“, wollte nun Magdalena wissen.

„Das ist, wenn jeder was anderes macht. Also einer stellt Schuhe her und ein anderer sitzt im Büro und ein anderer ist Straßenkehrer. Und nur das. Dafür haben die Menschen Geld bekommen, haben es so lange gemacht, wie sie mussten. Und dann sind sie in Pension gegangen, also einen Teil ihres Lebens, in dem sie nicht mehr arbeiteten und das Geld bekamen, weil sie schon lange gearbeitet hatten. Aber eigentlich nicht mehr von Nutzen waren,“, versuchte Adam seinen Kindern zu erklären, und merkte wie er sofort wieder in eine Sprache verfiel, die vielleicht damals passend war, aber zu diesem Zeitpunkt nur noch Erstaunen hervorrief.

„Das heißt, dass damals nur Menschen von Nutzen waren, die arbeiteten?“, meinte Raphael staunend, „Aber warum muss man überhaupt von Nutzen sein? Wenn jeder seinen Beitrag leistet, dann ist das doch gut für alle.“

„Du siehst das jetzt so, weil es auch so gemacht wird. Und das ist auch gut so“, gab Adam seinem Sohn recht, „Aber damals, vor dem großen Streik, da war es ganz anders, so wie ich es beschrieben habe. Dabei gab es immer weniger Arbeit. Immer weniger Menschen waren von Nutzen. Und das war das einzige, was damals zählte. Die Regierenden waren der Meinung, dass sie die Menschen gegeneinander ausspielen müssten, bloß um Stimmen zu bekommen und weiter herrschen zu können. Die Menschen, die Arbeit hatten und damit nützlich gegen die, die keine hatten, und damit unnütz. Sie wollten verhindern, dass die Menschen überhaupt darüber nachdachten, dass es auch anders gehen könnten. Weil sie sonst ihre Macht verloren hätten.“

„Macht worüber?“, hakte Raphael nach, und Adam sah, dass die Aufklärung, die mit Kant eingeläutet worden war, nun endlich vollzogen wurde.

„Macht über die Meinung der anderen. Macht anderen sagen zu können, wie sie zu leben haben, damit es ganz wenigen gut ginge. Das war damals“, meinte Adam, „Und dann war noch die Sache mit den Nationalstaaten. Also das war schon einer der größten Würfe, die gelungen waren, also deren Abschaffung.“

„Was ist ein Nationalstaat?“, fragte nun Magdalena nach.

„Ein Nationalstaat war damals ein genau abgegrenztes Gebiet, innerhalb dessen die sogenannten Staatsbürger*innen lebten“, versuchte sich nun Lilith an einer Erklärung, „Diese Staaten hatten Namen und damit auch deren Einwohner*innen. Also wir lebten in Österreich und waren Österreicher*innen. Daneben gab es noch eine Menge andere. Und viele waren furchtbar stolz darauf, dass sie in einem bestimmten Land auf die Welt gekommen waren und viel besser waren als alle anderen.“

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: