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Life is too short for boring stories

Hans im Glück, das war der Bursche, der – nach den Gebrüdern Grimm – am Ende seiner Lehrzeit als Lohn einen kindskopf großen Klumpen Gold erhielt. Damit machte er sich auf die Reise zu seiner Mutter, während dieser er das Gold in ein Pferd, das Pferd in eine Kuh, die Kuh in ein Schwein, das Schwein in eine Gans, die Gans in einen Schleifstein tauschte, den er zuletzt im Brunnen versenkte, um als der glücklichste Mensch auf der Welt nach Hause zurück zu kehren. Würde man es heutzutage erzählen, würde es wie folgt lauten: Hans, seines Zeichens Fachberater eines Hedge-Fonds (wahlweise eines Equity-Fonds oder jeder anderen Investmentbank), empfängt den Müller, der eine Anlagemöglichkeit sucht.
„Was besitzen Sie, Herr Müller“, frag ihn Hans.
„Nichts“, antwortet der Müller wahrheitsgemäß, der Müller ist und Müller heißt, was sich doch als sehr praktisch erweist.
„Das ist optimal. Würden Sie etwas besitzen, dann müssten wir uns was Solides überlegen, aber wenn Sie nichts besitzen, lässt sich alles daraus machen“, antwortet Hans erfreut.


„Wie bitte soll das gehen?“, fragt nun der Müller, der nicht recht versteht, wobei es auch nicht leicht zu verstehen ist und im Normalfall wird sich auch jeder hüten es zu erklären.
„Nun, ganz einfach. Wir sagen mal, Sie veranlagen einen Klumpen Gold, einen kindskopf großen Klumpen Gold …“, beginnt Hans, als er schon wieder unterbrochen wird.
„Aber ich sagte doch gerade, dass ich nichts habe, geschweige denn einen Klumpen Gold“, protestiert der Müller.
„Genau, weil wenn Sie ihn hätten, bräuchten Sie mich ja nicht, aber ich bitte fortfahren zu dürfen“, und ein strenger Blick trifft den Müller, der sofort verstummt, „Wir schreiben ein Zertifikat für den Klumpen Gold. Dieses Zertifikat verkaufen wir weiter und kaufen uns damit in die Landwirtschaft ein, z.B. ein Pferd. Das Pferdezertifikat nehmen wir und bleiben in der Branche. Das fällt weniger auf. Dafür bekommen wir sicher ein Kuhzertifikat und das Kuhzertifikat verkaufen wir und kaufen dafür ein Zertifikat für eine Gans, womit wir dann das Zertifikat für einen Mühlstein erwerben, und dieses dann anzünden. Und alle haben gewonnen“, erklärt Hans, und lehnt sich zufrieden in seinen Schreibtischstuhl zurück, während er überlegt ob er nicht einen Kaffee ordern sollte, als Belohnung quasi für diese großartige Geschäftstaktik.
„Alle gewinnen? Was habe ich davon?“, wagt es sich nun der Müller doch wieder zu Wort zu melden.
„Ganz einfach, mittlerweile sind dann die Schulden so groß, dass wir eigentlich in Konkurs gehen müssten. Nachdem der Staat aber Angst hat, weil wir zu groß dafür sind, bekommen wir Steuergelder zugeschossen, um uns zu konsolidieren. Die Bürger zahlen ja gerne, dann bekomme ich einen satten Bonus und Sie Ihren Klumpen Gold zurück“, erklärt Hans.
„Aber wie soll man dem Steuerzahler erklären, dass Ausgaben für Bildung und Soziales gestrichen werden, nur um Ihren Bonus und meinen Klumpen Gold zu zahlen?“, fragt der Müller, immer noch verwirrt, festgefahren in überkommenen Ansichten von Gut und Böse.
„Der Steuerzahler bekommt das Märchen von den verlorenen Arbeitsplätzen und der Systemrelevanz präsentiert, und wenn dann die Milliarden fließen, dann fällt mein Bonus und Ihr Klumpen Gold gar nicht ins Gewicht. So sind alle glücklich, denn alle bekommen was sie wollen. Und der Steuerzahler weiß wofür er arbeitet“, erklärt Hans, und bestellt sich endlich seinen Kaffee.


[1] Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen.

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