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Life is too short for boring stories

Was es zu erwarten gilt ist nichts im Vergleich zu dem, was zu erkennen wir vermöchten und uns doch scheuen. Wenn Du niederbrichst, dann nicht nur, weil Du aufgibst, weil Du völlig ausgelaugt und erschöpft bist, vom ständigen Hetzen und Davoneilen, nicht nur, weil Dich das Fehlende schmerzt, und das ist mehr als bloß Dein Bein. Hattest Du bisher gehofft es zu finden, weit weg von hier, etwas, das Du dort draußen vermeinst und was Du nur erhaschen musst. Dem bist Du hinterhergerannt, obwohl Du noch nicht einmal wusstest, ob es das wirklich gibt, geschweige denn was es sein könnte. Es war nur nicht da, nicht um Dich, nicht in Dir, nicht an Dir, nein, dort draußen irgendwo, irgendetwas. Mehr als bloß eine vage Hoffnung. Nichts weiter als eine trügerische Illusion, die Dir irgendwann einmal eingegeben wurde. Ein Flüstern in Deinem Kopf.

„Geh weiter, immer weiter“, raunte es Dir zu.

„Aber warum erreiche ich nichts?“, fragtest Du verunsichert.

„Weil Du nicht schnell genug bist!“, antwortete die Stimme, doch nun konntest Du nicht mehr, obwohl die Stimme sich nicht abstellen ließ, Dich immer weiter und weiter antrieb. Und erst jetzt, da Du auf der Erde lagst, jetzt konntest Du den Blick ruhen lassen. Da war sie wieder, diese Hand. Direkt vor Dir kam sie aus der Erde. Eigentlich wirkte sie sanft und weich. Es war nicht die Hand, die Verderben bringt. Doch das hattest Du nicht sehen können, zuvor, hattest Du nicht erkennen können, weil Du so viel erwartet hattest, und die Erwartungen machten Dich blind für das, das sich Dir zuwandte. Die Hand war offen und aufnahmebereit. Vielleicht wollte sie nicht Dich hinunterziehen, sondern vielmehr von Dir heraufgezogen werden. Was hattest Du schon zu verlieren? Das Vielleicht, das Du erreichen wolltest? Wer weiß ob es das überhaupt gibt. Eigentlich konntest Du nur gewinnen. Die Hand war offen und zugewandt, verblieb, in Erwartung. Sie drängte nicht und drohte nicht, sondern war einfach da, da Du nicht mehr versuchtest zu entkommen. Die Hand wirkte verletzlich in ihrer Offenheit. Vorsichtig nähertest Du Dich ihr. Es war wohl nicht ohne Zaudern, aber Du wagtest es, legtest Deine Hand in diese, von der Du wähntest, sie wolle Dich in Stücke reißen, gerade eben noch, und die Finger dieser Hand schlossen sich sanft um die Deinen. Der Griff war stark, aber nicht fesselnd, haltend, aber nicht fordernd. Und wenn Du jetzt den Arm ein wenig hobst, so befreitest Du den, der dort unter der Erde verschüttet war, verschüttet unter all den Erwartungen, die er sich aufbürden ließ. Niemand hatte ihn mehr gesehen. Irgendwann hatte er aufgegeben, wollte nicht mehr entsprechen, aber sie hörten nicht auf ihn damit zu bewerfen, bis er völlig darunter begraben lag, und er reichte Dir Dein Bein, wo Du ihn wieder ins Licht gehoben hattest. Er hatte sich sich bewahrt, trotz allem.

„Deine Hand, sie hat mich berührt“, sagte er.

„Ja, meine Hand hielt Deine“, und da merktest Du, dass seine Hand immer noch in der Deinen lag.

„Deine Hand hat nicht nur meine Hand berührt, sondern mich“, entgegnete er, und Du begannst zu verstehen. Das was Du gesucht, dem Du hinterhergehetzt warst, das war jetzt bei Dir, jemand, der Dich berührt und Dich sein lässt, jetzt und hier. Und Du, Du hattest ihn befreien können von all dem Beschwerenden, weil Du keine Erwartungen stelltest, weil Du offen und annehmend warst, wie die Hand, die sich Dir entgegengestreckt hatte.

„Es war niemals anders als jetzt. Es war immer hier, um mich, in mir, die Möglichkeit und auch das Erreichen“, fasstest Du zusammen,

„Warum nur habe ich es nicht gesehen? Warum nur war ich so blind?“

„Warum nur habe ich es so lange zugelassen die Erwartungen anderer auf mich zu nehmen?“, fragte er seinerseits,

„Warum nur habe ich es nicht gesehen, dass ich nach und nach begraben werde? Warum nur war ich so blind?“ Und Deine Hand lag in der seinen. Es war die Antwort. Es war das Versprechen.

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