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Life is too short for boring stories

Immer war es dasselbe Bild. Wie Du das nur ertrugst, immer im Regen zu sein? Nach und nach fror ich immer mehr, aber meine Begierde mehr zu hören war größer als mein sich immer mehr steigernder Unwille gegen den Regen. Und Du kamst, verlässlich mit dem Regen.

„Ich lag in meinem Bett und musste es mitanhören, das Wüten und Wehklagen, musste mitanhören und litt mit. Wie lange er wohl so wütete, dort über mir? Ich konnte es nicht sagen, ohne Uhr, ohne Anhaltspunkt, denn das Fenster war zu klein, um den Stand des Mondes zu sehen.  Selbst der Mond war mir keine Hilfe. Es war, als hätte sich mir die ganze Welt verweigert, und die, die mir blieb, wurde im Bild des Feuers verschlungen, doch so sehr es mir auch ins Herz schnitt, das Wehklagen war wohl auch meine Rettung. Ich begann wieder Leben in mir zu spüren, das mit dem Wunsch erstand, für den da zu sein, der sich wand, gepeinigt von einem tiefen Schmerz. Da sein, vielleicht sogar helfen. Doch wie sollte ich zu ihm gelangen? Wie sollte ich ihn erreichen? Es war eine helle Nacht, ruhig und belebend, eigentlich. Die Raben saßen neben meinem Bett, den Schnabel unter dem Flügel versteckt, schlafend. Beneidenswert, diese Ruhe und Ausgeglichenheit. Wenn ich schlief, dann nur, wenn mich die Erschöpfung übermannte, wenn der Körper sein Recht forderte, mit aller Eindeutigkeit. ‚Wer schläft liebt nicht‘, schoss es mir durch den Kopf. ‚Und wer nicht schläft liebt nicht, weil er stirbt‘, fügte mein Kopf hinzu. Aber ich wollte dort hinauf, wollte wissen. Doch wie sollte ich es anstellen? Da fiel mein Blick abermals auf die Raben. ‚Ihr müsst aufwachen‘, gebot ich eindringlich, ‚Aufwachen, und dort hinauffliegen. Sagt mir was da vor sich geht.‘ Und sofort flogen sie los, als hätten sie nur auf meinen Auftrag gewartet. ‚Dort oben ist ein Mensch, vielleicht ein Mann‘, berichtete der erste Rabe, als sie zurückkehrten. ‚Es ist nicht eindeutig, denn er trägt eine Maske. Er liegt auf dem Bett und windet sich, als litte er fürchterliche Schmerzen. Wir haben ihm erzählt, dass Du da bist, dass Du mit ihm sprechen willst.‘ ‚Und was hat er geantwortet?‘, fragte ich ungeduldig. ‚Er sagte nur ein Wort: Kamin. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen‘, sagte der erste Rabe. ‚Kamin‘, schoss es mir durch den Kopf und mein Blick suchte fiebernd die Wände ab. Endlich entdeckte ich ihn, den Kamin. Nichts weiter als eine kleine dunkle Öffnung wies darauf hin. Langsam ging ich darauf zu. Es brannte kein Feuer. Ich rief hinauf, und tatsächlich, eine schwache Stimme antwortete, zaghaft. ‚Hallo?‘, drang es fragend zu mir herab, gezeichnet von der Erschöpfung. ‚Erzähl mir von Deinem Schmerz‘, lud ich ihn ein. ‚Das will ich tun, wenn Du mir zuvor sagst wer Du bist und was Du hier machst‘, kam es langsam zurück. ‚Ich bin Morrigan, die Nichte der Burgherrin. Letzte Nacht habe ich alles verloren, und dann hat sie mich hier eingesperrt‘, antwortete ich hastig. ‚Und ich bin Mochridhe, ihr Sohn‘, tönte es gedehnt zurück. ‚Der eigene Sohn, eingesperrt in diesem Turm, und wenn das nicht genug ist, auch noch mit einer Maske!‘, entgegnete ich erschrocken. ‚Woher weißt Du das? Hat sie es Dir erzählt?‘, fragte er irritiert. ‚Nein, kein Wort‘, sagte ich rasch, ‚Meine Raben haben es mir berichtet. Aber jetzt erzähl mir Deine Geschichte.‘ ‚Ich habe es versprochen. Nun muss ich es wohl einlösen. Alles begann in dem Jahr, als ich mich vom Jüngling zum Mann wandelte. Ist meine Mutter wunderschön, so bin ich noch schöner. Ist ihre Stimme betörend, so ist meine noch betörender. Alles was sie an sinnlichen Vorzügen zu bieten hat, ist bei mir noch ausgeprägter. Und wenn jemand, der ihrer ansichtig wurde, sie sprechen hörte, sich bewegen sah, sie nie wieder vergessen konnte, so war es den Menschen, die mich sahen, nicht mehr möglich ohne mich zu leben. Das ist der Fluch der Schönheit‘, sagte er seufzend.“

„Bleib doch noch“, versuchte ich Dich zu halten als der Regen ging, doch Du warst nicht so weit, noch nicht.

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