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Life is too short for boring stories

„Wissen Sie was?“, durchbrach Hr. Dr. Schön endlich das Schweigen, woraufhin ihn seine Gastgeber*innen verdutzt ansahen, „Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten, hier sitzen und Trübsal blasen oder über ihre ethische Grundorientierung nachdenken. Und wenn Sie meinen, dass Sie diese zu ändern wünschen, dann können Sie hinübergehen zu diesen Alternativen und sich den Auftrag zurückholen oder, wenn für Sie alles so passt wie es ist, sich Kund*innen suchen, die auch nichts anderes wollen, als ganz schnell ganz viel Geld zu verdienen, ohne Rücksicht auf irgendjemanden.“

„Da redet der Richtige“, fand nun endlich Hr. Ehrgeizig seine Sprache wieder, „Leben Sie nicht auch vom Unglück anderer, von diesem Wahn, immer schöner und jünger aussehen zu müssen, so dass dieser Gedanke das ganze Leben beherrscht? Sind nicht Sie es, der seine eigene Frau dazu verdammt die Perfektion in Person sein zu müssen, zumindest äußerlich und dem es wahrscheinlich ziemlich egal ist, wie es in ihr aussieht? Sie haben es notwendig von ethischer Grundorientierung zu schwafeln.“

„Sie haben völlig recht“, meinte Hr. Dr. Schön gedehnt, nachdem er Hr. Ehrgeizig lange und eingehend gemustert hatte, „Aber sind wir nicht alle bis zu einem gewissen Grad Opfer unserer Vorstellungen, die wir uns irgendwann zurechtgelegt haben, weil wir daran glaubten, dass sie richtig waren. Und so erging es auch mir. Aber das braucht uns ja nicht davon abzuhalten, unsere Grundausrichtung wieder zu ändern, wenn wir draufkommen, dass sie doch nicht richtig ist. Oder wir meinen, dass es genauso gehört, für einen selber, wie wir es machen und wir machen weiter wie bisher. Es liegt an uns selbst.“
„Eigentlich ist da schon lange so eine Leere in meinem Leben“, gab nun Fr. Ehrgeizig unumwunden zu, „Egal wie viel wir verdienten, wie viel ich kaufte, es ging nicht weg. Es ist, als versuchte ich einfach nur Brücken zu legen, um diese Abgründe aus Leere zu überwinden, doch die Abgründe wurden immer breiter und die Brücken immer wackeliger. Bald werde ich hineinstürzen und untergehen.“
„Aber davon hast Du mir nie etwas gesagt“, entfuhr es Hr. Ehrgeizig unwillkürlich, „Ich dachte, Du seist glücklich, so wie es war.“
„Und ich dachte, Du seist glücklich, deshalb meinte ich, dass einfach mit mir etwas nicht stimmte. Wer gibt das schon gerne zu“, erklärte Fr. Ehrgeizig.
„Es ist unglaublich, wie lange man unter einem Dach leben und das Bett miteinander teilen kann, ohne auch nur das Geringste vom anderen zu wissen“, warf Hr. Dr. Schön ein.
„Weil wir meinen zu wissen, was der andere denkt und fühlt“, versuchte Fr. Ehrgeizig zu erklären, „Und wir sind überzeugt, dass diese Meinung richtig ist, weil wir den anderen ja kennen oder es zumindest glauben. Diese Meinung bestimmt dann unser Tun.“
„Dabei wäre es so einfach“, resümierte Hr. Ehrgeizig, „Man könnte ganz normal miteinander reden.“
„Das könnte man“, warf Fr. Ehrgeizig ein, „Aber man hält es nicht für notwendig, eben weil man überzeugt ist, dass es so ist, wie man denkt und es sich gar nicht anders vorstellen kann. Das schleift sich dann ein. Es ist schwer etwas daran zu ändern.“
„Aber nicht unmöglich!“, sagte Hr. Ehrgeizig energisch, der gewillt war, seinem Namen wieder Ehre zu machen, wandte sich seiner Frau zu und nahm ihre Hände in die seinen, „Amanda, was meinst Du, wollen wir uns die Ideen von diesen verschrobenen Menschen einmal anhören und uns das durch den Kopf gehen lassen.“
„Warum nicht, Waldemar“, erklärte sie lächelnd, „Vielleicht denken wir am Schluss, dass wir eigentlich die Verschrobenen waren und nicht sie.“ Dann wandte sie sich an den Hr. Dr., „Was ist? Kommen Sie mit und reden mal mit Ihrer Frau?“
„Ja, das mache ich“, sagte Hr. Dr. Schön entschlossen.

Gemeinsam verließen sie das Haus und stießen unvermutet mit Fr. Fleißig zusammen, die etwas wie ein Baby in den Armen zu halten schien.
„Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie schwanger sind“, sagte Hr. Dr. Schön jovial.
„So ein Unsinn“, meinte Fr. Fleißig, „Schauen Sie doch mal genauer hin.“ Das tat Hr. Dr. Schön und erkannte endlich den Hund seiner Frau.
„Aber wie kommen Sie zu Jimmy?“, fragte Hr. Dr. Schön erstaunt.
„Er ist plötzlich in meinem Garten gestanden“, meinte Fr. Fleißig kurz, „Und jetzt wollte ich ihn zurückbringen.“
„Da werden Sie kein Glück haben, denn meine Frau ist dort drüben, dort, wo die alte Fr. Wichant gelebt hat. Von dort wird der Lauser auch ausgebüxt und in ihren Garten gekommen sein“, erklärte Hr. Dr. Schön, „Aber kommen Sie mit, wir sind gerade auf dem Weg dorthin.“

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