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Life is too short for boring stories

„Darf ich Ihr Bad benutzen?“, fragte Fr. Schön ohne Umschweife. Lisa wies ihr den Weg. Als sie ein paar Minuten später abgeschminkt zurückkehrte, blieb Hr. Fleißig geradezu der Mund offenstehen.
„Was für eine bezaubernde Frau Sie doch sind“, fasste er seine Gedanken zusammen. Er hatte einfach ausgesprochen, was ihm spontan durch den Kopf ging, ohne seine Worte der normalen, sozialen Zensur zu unterwerfen.
„Es ist so ungewohnt“, gab Fr. Schön zu, „Ich glaube, ich habe mich ewig nicht mehr ungeschminkt gesehen oder zumindest nicht wirklich hingesehen. Es ist, als wäre ich nackt. Ich glaube, so kann ich mich nicht nach Hause trauen.“
„Warum nicht?“, fragte nun Ben.
„Nun, weil ich für meinen Mann nichts weiter bin, als das Aushängeschild für seine Klinik, wie er mir unmissverständlich klar machte. Wenn ich nicht mehr schön genug bin, dann kann er mich einfach auf die Straße setzen. So steht es zumindest in unserem Ehevertrag“, gab sie kleinlaut zu.
„Warum lassen Sie sich das gefallen?“, warf nun Lisa ein, „Ich denke, Sie sind eine intelligente Frau, die viele Möglichkeiten hat. Gibt es denn nicht etwas, wovon sie immer geträumt haben?“


„Doch das gibt es“, gab Fr. Schön zu, „Nachdem wir Matura gemacht hatten begann meine Freundin, meine allerbeste, Architektur zu studieren. Ich habe sie so darum beneidet. Wie gerne hätte ich das auch gemacht, aber meine Mutter meinte, das wäre bloß hinausgeschmissenes Geld, weil ich zu blöd bin zum Studieren. Ich denke, ich habe ihr geglaubt.“
„Was hält Sie davon ab, es nicht jetzt zu probieren?“, lies Lisa nicht locker.
„Wie soll ich das finanzieren? Wovon soll ich leben?“, gab die Angesprochene zurück, verängstigt und verunsichert, aber auch voller Sehnsucht.
„Ich denke, das ließe sich arrangieren“, mischte sich nun Hr. Fleißig ins Gespräch ein, der bisher nur ruhig zugehört hatte, „Sie bekommen einen Job bei mir und studieren daneben. Ich könnte eine gute Architektin gebrauchen. Und nicht nur ich.“
„Das ist sehr nett von Ihnen“, räumte Fr. Schön ein, „Aber Sie wissen doch gar nichts von mir und ich habe doch noch nicht einmal mit dem Studium begonnen und …“
„Das stimmt“, unterbrach Hr. Fleißig ihre Tirade, „Ich weiß noch nicht einmal Ihren Vornamen. Ich heiße übrigens Markus. Wir könnten uns eigentlich auch duzen.“
„Lucinda“, sagte Fr. Schön.
„Ben“, meinte Ben und als letzte nannte Lisa ihren Namen, wobei sie nicht darauf vergaß, auf ihre Kinder zu weisen und zu ergänzen, „Und das sind Nina und Leo.“
„Und was Deine Qualifikation betrifft, Lucinda“, fuhr nun Markus Fleißig fort, wobei er den Vornamen seiner Gesprächspartnerin genüsslich über die Zunge rollen ließ, so habe ich eine sehr gute Menschenkenntnis. Wer etwas mit Leidenschaft macht, kann alles lernen. Wer nur gelernt hat und das nachmacht, kann nie was Neues schaffen. Und um es Dir nicht zu leicht zu machen, so erwarte ich mir vollen Einsatz neben dem Studium und jederzeitige Unterstützung.“
„Ist in Ordnung. Vielen Dank“, erwiderte Lucinda Schön, „Aber was mache ich mit meinem Mann? Wie komme ich da nur raus?“

Und während Lucinda Schön über ihre prekäre Situation nachdachte, zitierte Fr. Anständig ihren Mann auf die Terrasse.
„Nun sieh Dir das an“, forderte sie ihn auf und wies mit ihrem spitzen Zeigefinger auf den Garten, in dem sich sechs Menschen und ein Hund, nebst einigen krabbelnden und fliegenden Gartenbewohner*innen, angenehm unterhielten, „Oder nein, hör es Dir besser an. Die veranstalten dort einen solchen Radau, dass es nicht auszuhalten ist. Das kann doch nicht erlaubt sein, an einem Sonntag zu Mittag. Wozu bist Du eigentlich Anwalt? Geh hinüber und weise sie zurecht. Dir wird schon irgendetwas einfallen.“
„Aber Schatz, das ist doch nur ein ganz harmloses Vergnügen …“, versuchte er sie zu beschwichtigen.
„Harmloses Vergnügen?“, zeterte sie, „Wenn Du jetzt nicht sofort was unternimmst, dann sind wir geschiedene Leute. In einem anständigen Viertel geht das nicht. Alles war in Ordnung bis die einzogen. Marsch und trau Dich nicht nach Hause, bevor Du das nicht unterbunden hast.“ Damit schob sie ihn zur Türe und die Treppe hinunter. Hr. Dr. Anständig fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut, als er den schweren Gang zu den Nachbarn antrat. „So ähnlich muss sich Heinrich IV auf seinem Gang nach Canossa gefühlt haben“, dachte er, als er vor der der Gartentür von Ben und Lisa angekommen, stehenblieb, nochmals tief durchatmete und endlich klingelte.

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