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Life is too short for boring stories

An jenem Sonnentag im Mai bekam Frau Wichant Besuch von ihrer Familie, also zumindest von dem Teil, der sich noch für sie interessierte. Mit ihren mittlerweile 92 Jahren und der offensichtlichen Absicht nicht so bald zu sterben, hatte sie sich nicht unbedingt beliebt gemacht bei den Menschen, mit denen sie sog. Blutsbande einen sollten. Einzig ihre Großnichte kam sie regelmäßig besuchen. Jede Woche schaute sie vorbei, weil sie sich einfach wohl fühlte bei ihrer Großtante. Egal was sie machte oder wie sie aussah, ihre Tante Marie nahm sie immer herzlich auf. Die letzten Jahre hatte es einige Änderungen gegeben. Zunächst kam ihre Nichte Lisa alleine, dann mit ihrem Lebensgefährten Ben und zuletzt durften auch die beiden Kinder, Nina und Leo, nicht fehlen.  Sie gingen für die Tante einkaufen, kochten für sie, während sich die Kinder im Garten vergnügten. Und was für ein herrlicher Garten das war, auf jeden Fall aus Kindersicht. Da gab es Büsche, unter denen man sich verstecken und so viele Tiere, die man beobachten konnte. Miteinander hatten sie Gemüse angebaut und freuten sich sehr, wenn es so weit war, es zu ernten. Und am besten schmeckten immer noch die süßen Beeren direkt vom Busch. Nun gab es im Mai noch nichts zu ernten, was aber die Kinder nicht vom Spielen abhielt. Gleich nach dem Essen, liefen sie hinaus in den Garten, während die Eltern die Küche aufräumten und die Großtante sich ein Mittagsschläfchen gönnte. So verging der Nachmittag in heiterer Beschaulichkeit. Es war nur seltsam, dass die Tante so lange schlief.

„Ich denke, es wird Zeit zu fahren“, meinte Lisa, als bereits die Dämmerung einsetzte.
„Aber wir müssen uns noch von Tante Marie verabschieden“, sagte Nina, die mit ihren fünf Jahren bereits ganz genau wusste, was sie wollte. Gleich darauf stürmte sie ins Haus und in Maries Schlafzimmer, während ihr der Rest der Familie auf dem Fuß folgte. Als sie endlich alle neben dem Bett standen, fiel Lisa zuerst auf, dass Nina wie versteinert wirkte. Das war seltsam. Dann erst entdeckte sie den Grund. Ihre Großtante lag still und friedlich im Bett. Hätte man nur flüchtig hingesehen, dann hätte man annehmen können, sie schliefe, so still und friedlich, wie sie dalag, doch es war ein wenig zu still und friedlich.
„Ist Tante Marie tot?“, brach Nina endlich das Schweigen.
„Ich denke ja“, musste Lisa eingestehen, die noch nie etwas davon gehalten hatte, die Kinder zu belügen, „Wir werden uns verabschieden.“ Und das taten sie dann auch. Lisa war zutiefst deprimiert. Dennoch kümmerte sie sich um die Beerdigung und alles andere, was notwendig war. Der Rest der Verwandtschaft ließ sich erst zur Testamentseröffnung blicken, um sofort wieder abzurauschen, als sie erfuhr, dass Lisa alles geerbt hatte. Nachdem sie sich noch weitschweifig über diese Ungerechtigkeit ausgelassen hatten, stoben sie wieder in alle Himmelsrichtungen auseinander. Dafür kamen andere. Die Nachbarn der Frau Wichant schienen allesamt nur auf das Ableben der alten Dame gewartet zu haben und fielen wie die Geier über Lisa her, sobald sie erfahren hatten, dass sie die neue Eigentümerin des Häuschens, aber vor allem des Grundstückes war, das sie unbedingt in ihre Fittiche bekommen wollten, koste es, was es wolle. Bei der alten Frau Wichant, die so eigen und absonderlich gewesen war, hatten sie immer auf Granit gebissen und sich irgendwann damit abgefunden, aber diese Nichte mit dem komischen Typen, mit dem sie zusammenlebte, und den zwei Kindern, die würde bald einknicken. „Jede*r ist käuflich“, so die Überzeugung. Doch auch bei Lisa kamen sie nicht weit.
„Ich verkaufe nicht“, erklärte sie jedes Mal ruhig und gelassen, so wie sie es mit den Kindern tun würde, die ihr in der Kindergruppe, die sie leitete, anvertraut waren.
„Was für eine Schnepfe!“, erklärte Frau Anständig, wie wir sie der Einfachheit halber nennen wollen und rechts von Lisas ererbten Grundstück mit ihrem Mann, dem Herrn Anwalt, wohnte, verschnupft, „Und ich habe gehört, die ist mit diesem Typen nicht verheiratet. Aber Hauptsache, sie haben zwei Kinder. Wer weiß, ob die überhaupt von ihm sind. Man kennt das ja. Da lassen sie sich ein Kind nach dem anderen anhängen und wenn sie den Mann nicht mehr wollen, suchen sie sich einen anderen, der sie aushält.“ Es braucht nicht dazugesagt werden, dass das jeglichem Anstand widersprach, auch wenn es nur Mutmaßungen waren, doch man wusste schließlich Bescheid.

2 Gedanken zu “Die Anständigen, die Fleißigen, die Ehrgeizigen, die Schönen und die Anderen (2)

  1. oma99 sagt:

    „Anstand“, dem ent- oder widersprochen wird – doch wer bestimmt was wie anzusehen ist? Die breite Masse scheint die Selbstsucht und das Abschieben jeglicher Schuld – für was auch immer – als dem Anstand entsprechend anzusehen und verhält sich entsprechend. Ob die Alte Frau nicht mehr besucht wird oder die BesucherInnen bei der ersten Gelegenheit in dieses Schema gepresst werden sollen um das eigene Ego und die eigene Selbstsucht des Umfeldes zu befriedigen, bzw. ihnen wenigstens die Schuld am eigenen Frust zuzusprechen…

    Für mich ist Anstand, also dem Anstand entsprechend, eher das Verhalten und die Art von Lisa und ihrer Familie.
    Ob sie dem Druck derer, die anderer Ansicht sind, standhalten können? Ich hoffe es und ich hoffe auch, daß ihre von Herzen kommende Art ein paar Menschen zum umdenken bringen wird.

    Uns so warte ich voller Spannung auf den Fortgang der Handlung und bin mit dem Herzen bei allen Lisa’s, Ben’s, Nina’s und Leo’s.

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    1. novels4utoo sagt:

      Danke Dir. Ja, wie wir wissen, ist es nicht einfach in einer Welt, in der die meisten Menschen dieselben Dinge einfach abnicken und Konsens herrscht. Nun, ich denke, sie werden sich durchsetzen, nicht bei allen, aber das Leben kann die eine oder andere Überraschung bereit halten, die zusammenbringt und vielleicht vorgefasste Meinungen zumindest ein bisschen abschwächen kann.

      Gefällt 1 Person

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