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Life is too short for boring stories

Wir begeben uns in die Vorstadt, in der sich die ansiedeln, die es sich leisten können. Es ist ein Statement, dass man es kann, nahe genug an der Stadt zu sein und dennoch so etwas wie Natur um sich zu haben, auch wenn durch die großzügige Verbauung nicht mehr viel von dieser zu merken ist. Selbst die großen Gärten haben mit vielem zu tun, vor allem wohl mit einer Investition in einen angesagten Gartenarchitekten, aber nichts mit Natur. Es tut auch nicht wirklich viel zur Sache, zu welcher Stadt dieser Nobelbezirk gehört, zumindest was Westeuropa oder die USA betrifft. Anderswo mag es anders aussehen, aber in diesen Bereichen sind die Grundwerte relativ gleich. Man ist beseelt vom calvinistischen Moralkonzept im bürgerlich mittelständischen Lager, auch wenn das niemand mehr so nennen würde. Der einzige gravierende Unterschied besteht wohl darin, dass man sich nicht ohne ein strahlendes Lächeln antreffen lassen darf und vor Gesundheit, Glück und Spaß trotzen muss. Ansonsten haben sich die Ideale so weit verinnerlicht, dass man getrost davon ausgehen kann, sie werden angestrebt, ohne zu hinterfragen, ob sie denn erstrebenswert sind. Aber wir schauen uns das jetzt einfach einmal an.

Es ist ein strahlender Sonnentag im Mai. Ein großes Haus steht neben dem anderen, umrahmt von großen Gärten, eingefasst von Mauern und bewehrt mit ausgeklügelten Alarmanlagen, denn wer was hat, der muss es vor denen schützen, die weniger haben und dementsprechend neidzerfressen ersteren immer alles wegnehmen wollen und es auch tun, sobald sie die Gelegenheit dazu bekommen. Schließlich will jeder viel haben. Manche erarbeiten es sich. Andere stehlen es. Wobei die viel mehr stehlen, die schon viel haben, weil die Möglichkeiten andere sind. Die brauchen keine Zäune zu überwinden oder Alarmanlagen lahmlegen, sondern sich nur der Arbeitskraft von Menschen in der dritten Welt zu bedienen, ihnen das Land völlig legal abzukaufen, ihnen das Wasser abzugraben, auch im Rahmen des Gesetzes und ihre Kinder verhungern zu lassen. „So nehmet den Armen und gebet den Reichen“, ist das Credo, das man hinter schönen Fassaden versteckt. Auch vor sich selbst, denn man ist schließlich ein guter Mensch und hat sich alles hart erarbeitet. Ausgeblendet wird dabei, dass vieles davon durch die Ausbeutung anderer möglich ist. „Selbst schuld, sie müssen sich ja nicht ausbeuten lassen“, wird dann verkündet, „Denn jeder Mensch ist frei und hat alle Möglichkeiten. Man muss sie nur nutzen.“ Das gilt vor allem für Länder, in denen es kaum Bildungsmöglichkeiten, keine adäquate Gesundheitsversorgung und sowieso keine Altersabsicherung gibt, von Arbeitslosengeld ganz zu schweigen. Dennoch gibt es viele Menschen, die darauf beharren, dass jede*r überall alles erreichen kann, wenn man nur fleißig genug ist. Zumindest in diesem Teil der Vorstadt frönt man diesen Vorstellungen, die dabei helfen, sich selbst und sein Tun zu legitimieren, selbst das große Haus und die zerstörte Natur, die nun gepflegt ist und nicht mehr chaotisch. Geradlinig, symmetrisch und einheitlich muss alles sein. So ist ein Haus, ein Garten das Abziehbild des anderen. Sicher, es variiert in Nuancen, auch weil sich selbst hier manche mehr leisten können als andere, so dass unausgesprochene soziale Hierarchien ganz von selbst entstehen, aber im Großen und Ganzen sieht alles gleich aus. Nein, halt, nicht alles, denn mitten in dieser Wohlstandsidylle steht ein einzelnes, kleines Haus, das ein wenig nach einer Trutzburg wirkt. Alt ist es und die Farbe blättert ab. Der Garten ist verwachsen. Wie es den Pflanzen einfiel, so ließ man sie wachsen. Ein niedriger Holzzaun umgibt das Areal und so erdreistet sich ab und an der eine andere Busch oder die eine oder andere Blume ein wenig in den Nachbargarten zu wachsen oder, was noch schlimmer ist, ihre Samen dort zu verstreuen, wo es ganz und gar nicht opportun ist. Dem wurde dann auch unverzüglich, also spätestens, wenn der erste Löwenzahn im militärisch kurzen Rasen sein Köpfchen erhob, Abhilfe geschaffen, indem man eine Mauer neben den Holzzaun baute. „Mit der Frau ist ja nicht zu reden“, zeigten sich die Nachbarn wütend, die ihr immer wieder nahegelegt hatten, sie solle sich doch endlich um ihren Garten kümmern.

„Das tue ich“, entgegnete jene Frau Wichant sanft, wie es ihre Art ist, „Ich lasse ihn wachsen.“

„Das ist aber nicht kümmern“, wurde ihr entgegengehalten, „sondern bloße Vernachlässigung.“

„Ich denke, die Insekten und die Vögel sehen das anders“, pflegte Frau Wichant zu sagen, um ihren Weg unbeirrt fortzusetzen. Verdatterte Blicke folgten ihr. Nein, diese alte Frau nahm dezidiert keinen Anteil an den vorgegeben, ungeschriebenen Regeln.

4 Gedanken zu “Die Anständigen, die Fleißigen, die Ehrgeizigen, die Schönen und die Anderen (1)

  1. oma99 sagt:

    Alltag, so wie ihn viele kennen einmal beleuchtet – danke. Bin gespannt, wie es weitergeht.
    Der Titel ist vielversprechend, ich glaube wirklich Jede(r), sofern er/sie sich traut, wird sich wiederfinden.

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Das freut mich. Und ich bin gespannt wie es Dir gefällt …

      Gefällt 1 Person

  2. Danke für diese treffende Beschreibung. Löwenzahn im Rasen geht gar nicht, denn er ist in diesen Gärten ein Indiz für Versagen. Wer nicht einmal das Unkraut in den Griff bekommt, der lügt, stiehlt und frisst kleine Kinder. 😏 Bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht.

    Gefällt 2 Personen

    1. novels4utoo sagt:

      Mindestens. Wenn das nicht Lineal und Winkelmesser bearbeitet wird, dann kann da nur was faul sein. Ich hoffe, es gefällt Dir, wie die Geschichte weitergeht.

      Gefällt 1 Person

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