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Life is too short for boring stories

„Wofür brauchst Du so viele Tomaten?“, fragst Du mich, als Du mich wieder einmal dabei ertappst, wie ich die wuchernden Pflanzen, liebevoll versorge.
„Erstens sagt man in Österreich nicht Tomaten, sondern Paradeiser“, beginne ich zu erklären, um sofort wieder unterbrochen zu werden.
„Ja, ist schon gut, das wird doch keinen Unterschied machen“, schnappst Du zurück.
„Das macht einen enormen Unterschied, denn – und das wäre mein zweitens gewesen – Revolution geht nur mit Paradeiser. Ohne geht gar nichts“, erwidere ich, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
„Was hat das jetzt damit zu tun?“, zeigst Du Dich unverständig, weil Du es offenbar nicht schaffst, die Verbindung herzustellen, „Außerdem hat noch keine Revolution mit Tomaten, pardon, Paradeisern stattgefunden.“
„Erstens hat es schon eine gegeben und zweitens sind deshalb alle schiefgegangen“, zeige ich mich überzeugt.
„Welche Revolution soll das gewesen sein?“, fragst Du, sichtlich erstaunt.

„Du erinnerst Dich doch sicher an die Geschichte von Adam und Eva?“, eröffne ich meine Erzählung.
„Ja, sicher. Die sind nackt und essen den Apfel vom Baum der Erkenntnis und werden aus dem Paradies geworfen, weil sie sich nicht an Gottes Anweisung gehalten haben bla bla bla“, fasst Du die Geschichte etwas linkisch zusammen.
„Also grob gesprochen, aber sehr grob nur“, gebe ich zu und zu Bedenken, „Hier nun die wahre Interpretation. Adam und Eva waren also im Paradies. Sie hatten alles, was sie brauchten, ernährten sich von den Früchten und waren glücklich, ohne sich über irgendetwas Gedanken machen zu müssen, denn es war für alles gesorgt. Nun ist aber der Mensch ein denkendes Wesen, das sich kreativ und sonst wie entfalten will. Das war aber nicht notwendig. Mit einem Wort, den Menschen fehlte es an Herausforderungen und das führte dazu, dass sie unzufrieden waren. Denn eigentlich wurden sie im Zustand von kleinen Kindern gehalten. Deshalb war es keineswegs so, dass die Schlange Eva überredete und Eva Adam, sondern die beiden wollten Erkenntnisse haben, etwas lernen über die Welt, in der sie lebten und das ging nur, wenn sie Grenzen überschritten. Blöd nur, dass es nur die eine gab, die Gott höchstpersönlich gesetzt hatte. Also beschlossen sie gemeinsam diese Schranke einzureißen, auch um zu sehen, wie ernst es Gott damit war. Sie wollten schlicht wissen was passiert. Das war die Revolution, der Aufstand, die Revolte gegen die Autorität. Die Antwort war, dass sie aus dem Paradies geworfen wurden und von nun an für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen hatten. Mehr Plage, aber auch Selbstwirksamkeit. Das war das Ziel gewesen. Dass dann Adam und Eva alles von sich geschoben haben, nun ja, das ist eben seine Feigheit gewesen. Aber diese Revolution war erfolgreich, letztendlich.“
„Und das ganz ohne Paradeiser“, versuchst Du aufzutrumpfen.
„Eben nicht, die steht ja im Mittelpunkt der ganzen Geschichte, als Auslöser und Stein des Anstoßes“, erwidere ich, „Deshalb ist es auch so wichtig Paradeiser zu sagen und nicht Tomate. Jedenfalls ist in der deutschen Übersetzung die Rede davon, dass der Baum der Erkenntnis ein Apfelbaum war. In Wahrheit aber war es eine Paradeispflanze. Das ist deshalb passiert, weil das Wort Paradeiser von Paradiesapfel kommt, also den Apfel im Paradies und so lecker, wie die schmecken, fühlt man sich auch ein bisschen wie im Paradies. So wurde schwuppdiwupp aus einer Paradeiser ein Apfel. Was auch irgendwie stimmt. Das war natürlich das Werk der Herrscher, weil die immer schon wussten, dass Revolutionen nur mit Paradeiser funktionieren und das sollte keiner wissen. Sehr gefinkelt gemacht.“
„Und deshalb baust Du so viele Paradeiser an?“, fragst Du irritiert, „Willst Du die Welt wirklich in Chaos und Gewalt stürzen?“
„Wieso sollte ich die Welt in Chaos und Gewalt stürzen?“, gebe ich zurück, „Chaos vielleicht, aber dort wo alles geordnet ist, da kann nichts Neues entstehen. Aber Gewalt, das geschieht nur, wenn die, die alte Ordnung beibehalten wollen, damit anfangen. Würden sie einfach sagen, ok, die Mehrheit ist für die Veränderung, macht mal, dann würde alles friedlich ablaufen.“
„Und Du meinst, das funktioniert so einfach?“, zeigst Du Dich aufreizend skeptisch.
„Sicher funktioniert das“, erwidere ich erfreut, „Denn sie wissen, dass sie sonst keine Paradeiser bekommen.“ Und damit wende ich mich wieder der Pflege meiner Revolutionsfrüchte zu.

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