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Life is too short for boring stories

In einem kleinen Straßencafé in Paris. Beständig werden Gläser gefüllt und geleert. Ein ständiges Kommen und Gehen bewirkt den Eindruck großer Geschäftigkeit und Ruhelosigkeit. Menschen fliehen herein, aus der Hitze der übermächtigen Augustsonne und dem Staub der kaum mehr befahrbaren Straßen. „Der Verkehr erliegt dem Hitzekollaps“, wirbt eine regionale Tageszeitung um Käufer*innen. Doch ihre Rechnung geht nicht auf, da es sich um nichts Neues handelt, bloß eine Zusammenfassung dessen, was alle – mehr oder weniger – stündlich erleiden. Tisch an Tisch sitzen sie, Einheimische neben Touristen, scheins friedlich, denn jede*r schimpft in ihrer/seiner Muttersprache und findet, außer beim Gegenüber, das damit traktiert wird, keine Beachtung.

Geschäftsleute, kurz einen Kaffee zwischen einem um dem nächsten Termin hinunterstürzend, sitzen neben Hausfrauen mit schreienden Babies. Ein Mädchen – ein Junge, eine Frau – ein Mann, die Blicke suchen und finden sich, und die ewige Kraft des Eros, der sinnlichen Anziehungskraft, zeigt auch hier seine Wirkung. Was würde von der Welt bleiben, wenn das Unerklärliche verschwände? Weder das Hässliche, noch das Schöne. Der Mensch als Computer mit außergewöhnlich leistungsfähiger Kombinationsfähigkeit. Eine Frau in hellblau zupft an ihrem Kleid. Sie hat einen Mann mit gesichertem, hohem Posten im Ministerium für Verteidigung – ob er bei den Waffen- und Menschenkäufen und -verkäufen in die eigene Tasche arbeitet, konnte weder bestätigt werden, noch war es ihm gelungen, diese Vorwürfe glaubhaft zu widerlegen. Auch zu diesem Thema hatte eine Schlagzeile die Titelseite der genannten, regionalen Tageszeitung geziert. An diesem Tag waren die Verkaufszahlen signifikant in die Höhe gegangen. So ein Skandal interessiert die Leute nun man, denn man muss schließlich mitreden können.

Damit man mitreden kann, muss man Zeitung lesen. Worüber man redet, das muss man lesen. Dafür hat man ein zuverlässiges Gespür. Erzähle nie von einem Krieg, der beendet wurde, sondern von einem, der in vollem Gange ist, noch besser von einem, der frisch begonnen hat – der hat den größten Neuigkeitswert, was sich dann auch regelmäßig positiv auf die Bilanzen der entsprechenden Verlage auswirkt. Man erzählt sich Schreckensnachrichten, von Gräueln und Massakern, von Hunger und Krankheit, von Not und Elend – und wärmt sich am angenehmen Feuer der Selbstgefälligkeit, mit der herrlichen Freude, dass so etwas bei uns nicht passieren kann, dass es uns gut geht. Des weiteren, erzähle nie von erfolgreichen politischen Aktionen, schon gar nicht von außenpolitischen, denn von denen jenseits der Grenze weiß man doch, dass sie über nichts anderes nachdenken, als darüber, was sie unserem Land Schlechtes tun können. Diese Gewissheit nennt man dann Patriotismus. Es genügt, um zu rechtfertigen, dass man ebenso handelt, wie man es den Anderen, den Fremden, diesen anderen Gewohnheiten-Anhangenden unterschiebt, denn alles, was anders ist, als man es kennt, ist a priori und in sich schlecht. Man spart sich die Mühe zu verstehen. Ganz wesentlich ist der Skandal im politischen Zusammenhang, denn Politiker sind falsch, feig und opportunistisch. Das wissen doch alle. Das Wichtigste jedoch ist, erzähle nie, sondern berichte, kurz und bündig, mit so vielen, scheinbaren Insiderinformationen wie möglich. Das gibt den Artikeln das Flair der Rechtschaffenheit, die der Einbildung erst recht Vorschub leistet. Wenn man das weiß, dann gehört man dazu und dazu zu gehören ist wichtig, denn sonst steht man am Rand, an jenem, an dem die Ehrlichkeit beginnt.

Die Konjunktur beschleunigt den Puls. Schuldige sind schnell zur Hand. Die Arbeitslosenrage bewegt die Gemüter. Und wenn einem nichts mehr einfällt, so spricht man vom Wetter oder geht auseinander, denn nun hat man allen Müll abgeladen. Der, der ihn aufgeladen bekam, soll sehen was er damit anfängt. Am besten vergessen? Was denn vergessen? Was wurde denn gesprochen? Fragt man sich denn, was der andere geantwortet hat, als man sich nach seinem Befinden erkundigt hat oder hat man das notorische „Gut“ vorausgesetzt? Was hat man gehört? Man will sich erzählen. Man will, auch haben. Ein kleines Kind schlägt unaufhörlich auf den Tisch. Haben, haben, haben. Es erhält. Fehlt Dir was?

Ich, Du, Wir sollten uns fragen. Man fragt sich nicht, denn was so ist, das ist so. Das nennt man folglich Realität. Es ist. Ist ist schon ein Sein? Inmitten der Seinsvergessenheit und gefangen im Habenmythos, sprechen wir nur mehr von Realität. Nur, dass diese Realität – sprichwörtlich, man sagend, ausflüchtig und flüchtig – womöglich noch mit vielem zu tun hat, nur nichts mit dem Sein. Man fragt nicht. Überlautes Lachen, geschminkte, verzerrte Gesichter. Und das Lachen ist dem Menschen eigentümlich. Allerdings auch die Fratze. Man fragt nicht.

2 Gedanken zu “Von der Weisheit des Humors

  1. oma99 sagt:

    Weisheit des Erkennens ist hier viel zu finden – erkennen, wie so viele Menschen mit ihrem Leben umgehen, sich und ihr Umfeld in ihre Scheinwelt integrieren, wie sie dabei jedwedes Leid Anderer missachten, solange sie nicht selbst zu diesen „Anderen“ gehören.

    Allerdings fällt es mir schwer, sehr schwer, hier einen Humor zu entdecken, es ist im Gegenteil traurig, sehr traurig und die Art dieser vielen Menschen nimmt uns die Chance, diese Welt zu einem für alle guten Zuhause zu machen. Es fördert Leid und zerstört die Gesellschaft.

    Ob es den einen oder anderen Menschen unter den LeserInnen gibt, welcher nach der Lektüre ein wenig wach wird, seine Scheinwelt verlässt und mit uns für ein bewußtes, friedliches und freundliches Miteinander allen Lebens eintritt?

    Ich hoffe es.

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    1. novels4utoo sagt:

      Vielleicht ist das die österreichische Art des Humors. Die berühmteste österreichisch Komödie – Kleist, Der zerbrochene Krug – ist doch eher eine Tragödie, aber abgesehen davon, sehe ich es wie Du. Zumal, wenn man vier Stunden am Infostand war und sich so manches anhören konnte. Ja, es interessiert nur, wenn es einen selbst betrifft. Leider. Andererseits, würde ich nicht ein wenig darauf hoffen, dass es auch andere Menschen gibt, hätte ich schon längst aufhören müssen zu schreiben. Vielleicht ist es auch ein bisschen, um die zu stärken, die es sehen und sich mit ihren Mitteln einsetzen, dass es auch noch andere erkennen. So wie Du z.B. Danke, dass es Dich gibt.

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