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Life is too short for boring stories

Die Wissenschaftlerin in Grete war sofort Feuer und Flamme, auch wenn ihr nicht gefiel, was sie zu lesen bekam.

„Liebe Grete“, las sie Gregors Nachricht, „Es ist sehr löblich von Dir, dass Du Dich für mich einsetzen möchtest, aber ich will das nicht und kann es auch nicht zulassen. Ich bin, so wie ich jetzt aussehe, für niemanden Nutze. Ganz im Gegenteil, ich bin Dir und unseren Eltern nur eine Belastung, deshalb bitte ich Dich nur um das Eine, töte mich und befreie die Welt von mir Ungeziefer.“

Grete verstand ihn nur allzu gut. Ein Mensch, der es bis jetzt gewohnt war, alle Fäden in der Hand zu haben, für seine Familie da zu sein, konnte nicht einfach von anderen annehmen, doch so schnell würde sie nicht aufgeben. Dazu liebte sie ihren Bruder viel zu sehr.

„Ich mach Dir einen Vorschlag“, begann sie deshalb, „Lass mich Dir meine Idee erklären. Du kannst dann immer noch entscheiden, dass Du nicht mehr leben willst, aber gib mir zumindest diese Chance.“ Gregor überlegte einige Momente, dann bewegten sich wieder seine Fühler. Erleichtert begann Grete ihm ihre Gedanken auseinanderzusetzen. Als sie geendet hatte, wartete sie wiederum auf eine Reaktion. Offenbar wog er alle Für und Wider genau ab, doch zuletzt schrieb er: „Lass es uns versuchen.“

Wenige Wochen später war alles wie ausgewechselt. Grete hatte ihren Professor überzeugen können, ihre Dissertation über Gregor zu schreiben, Gregor, die Super-Schabe. Nicht nur wegen des akademischen Ruhms, sondern auch wegen der möglichen Erkenntnisse, die sie aus Gregors Geschichte erwerben konnte, hatte er sich dazu bereit erklärt. Darüber hinaus war Gregor, beinahe über Nacht, zu einem gefeierten YouTube-Star geworden. Jede*r wollte den außergewöhnlichen Käfer sehen. Alles was er machte, schien von Bedeutung zu sein. Das machte es auch möglich, das Leben weiter zu finanzieren, wie sie es gewohnt waren. Mehr noch, sie konnte die Schulden zurückzahlen. Es wäre wohl auch die Gelegenheit gewesen, diesem Herrn Unternehmer die Meinung zu geigen, aber als Grete mit dem Geld in Händen diesem Herrn gegenüberstand, da befand sie, dass er es nicht wert war.

Grete hielt die Fäden in der Hand und managte ihren neuen Star umsichtig und rücksichtsvoll. Auch die Eltern fanden sich in die neue Situation, auch wenn es ihnen offensichtlich schwerfiel, in diesem Käfer ihren Sohn wiederzuerkennen, aber zuletzt siegte Gretes Überzeugungskraft. Sie schien mit ihrer Aufgabe gewachsen zu sein. Es war, als wäre auch mit ihr eine Metamorphose vorgegangen. Aus dem Mädchen, dass sich um nichts, als um sich selbst Gedanken zu machen brauchte, war eine verantwortungsvolle junge Frau geworden. All das musste in ihr geschlummert haben, nur dass sie bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt hatte, ihre Talente unter Beweis zu stellen. Natürlich mussten sie in ein Haus umziehen, nicht zuletzt, um Gregor die größtmögliche Bewegungsfreiheit zu geben. Sein Zimmer, das keine Möbel enthielt, hatte einen direkten Zugang zum Garten. Rasch hatte er sich mit der Situation angefreundet und genoss sein neues Leben, ganz nach Schabenart. Nichts wies mehr darauf hin, dass er auch nur einen einzigen Gedanken mehr daran verschwendete, aus diesem Leben vorzeitig scheiden zu wollen. So idyllisch es klingt, so war es auch, bis zu dem Tag, an dem Grete wie gewohnt mit dem vollgefüllten Futternapf in Gregors Zimmer kam und er sich nicht rührte. Normalerweise stürzte er sich mit Genuss darauf, doch diesmal blieb er einfach liegen. Auch als sie ihn berührte, bewegte er sich nicht. Er fühlte sich kalt an, tot.

„Eine normale Schabe hat eine Lebenserwartung von ca. eineinhalb Jahren“, rezitierte sie in Gedanken. Daran hatte auch seine ursprünglich menschliche Natur nichts ändern können.

Gregor wurde in allen Ehren im Garten begraben. Grete war sich sicher, dass er auch deshalb ein so sorgenfreies Leben führen konnte, weil er mit ihrer Hilfe einen Weg gefunden hatte, seine Familie selbst in dieser Gestalt zu unterstützen. So war die Trauer noch eingebunden in eine tiefe, innere Verbundenheit. Niemals zu verlieren, selbst über eine so endgültig scheinende Trennung hinaus. Sie hatten bewiesen, dass sich selbst das größte Unglück in etwas Positives wandeln lassen kann, so man beherzt und tatkräftig vorgeht. Es war eine Verwandlung, die bei Gregor begonnen hatte und alle anderen mit sich zog. Es war gut gewesen, ganz genau so, wie es war.

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