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Life is too short for boring stories

Onto kam und ging, wie es ihm gefiel. Manchmal flog er auf unseren Spaziergängen ein Stück mit und verschwand wieder. Es war schön ihn zu beobachten, in seiner Kraft und Freude, die das junge Leben schenkt. In welcher Intensität war er doch dem Leben verbunden, kostete, schöpfte es aus, ohne dass dessen Strom je weniger wurde. Ganz im Gegenteil, er floss immer stärker. Das Leben drängt dazu es zu leben. Unsere nichtmenschlichen Mitgeschöpfe folgen diesem Ruf uneingeschränkt. Nur die Menschen ignorieren ihn allzu oft, ja handeln ihm zuwider. Dabei könnte es so einfach sein, wenn wir denn einfach darauf achteten. Warum war das manchmal so schwierig?

Eines Tages, es war viele Monate später, da landete Onto neben mir auf der Terrasse. Das war nicht weites ungewöhnlich, nur, dass sich ein zweiter Rabe einige Momente später neben ihm niederließ, das passierte zum ersten Mal. Zunächst war ich verwirrt, doch als Onto sich auf meine Schulter setzte und laut krächzte, dämmerte es mir langsam. Konnte es tatsächlich sein? Hatte Onto eine Gefährtin und der Onto zum Logos gefunden? Durfte ich hoffen, dass sich, wo das Wort wieder zum Sein findet und sich beide verbinden, das Wort wieder das Leben ausdrückt und das Leben im Wort schwingt? Die beiden jedenfalls schwangen sich auf und ich konnte einige Zeit später beobachten, dass sie ein Nest bauten, nicht weit entfernt in einer hohen Buche. Mit freiem Auge war es mir möglich, den Fortschritt ihrer Bemühungen zu beobachten. „Das Leben setzt sich fort“, sagte ich zu mir. War seine Gefährtin zunächst noch sehr reserviert, so war sie doch bereit, die angebotenen Leckereien anzunehmen. Ich konnte auch ab und zu beobachten, dass sie sich gegenseitig fütterten. Harmonie und Vertrautheit sprachen daraus, Respekt und Wertschätzung, in aller Selbstverständlichkeit, wie es eigentlich sein sollte. So vertraut wie mit Onto wurden wir jedoch nicht, denn sie hatte nicht seine Erfahrungen gemacht und blieb uns gegenüber vorsichtiger. Und auch das galt es anzuerkennen.

Eines Tages, als ich gerade mit den Hunden im Wald spazieren ging, zerfetzte ein ohrenbetäubender Knall die Stille. „Das kann nur ein Schuss gewesen sein“, ging es mir durch den Kopf, als Onto aufgeregt angeflogen kam, sich auf meine Schulter setzte, um sofort wieder aufzufliegen. Er wiederholte dies ein paar Mal, bis ich endlich begriff, dass ich ihm folgen sollte. Das tat ich, so gut es ging. Wir kamen auf eine offene Lichtung und er setzte sich ins Gras. Etwas Dunkles lag neben ihm und als ich näherkam, erkannte ich es. Entsetzen und unsagbare Wut durchfuhren mich. Ganz still lag der Rabe im Gras und rührte sich nicht. Vorsichtig nahm ich ihn in die Hände. Dunkles, warmes Blut sickerte durch meine Finger. „Er hat Dich totgeschossen“, war mein erster Gedanke, „Völlig sinnlos totgeschossen.“ Tränen rannen mir über die Wangen, Tränen der Trauer und des Zorns. Ein Leben auszulöschen, ohne Verstand, einfach nur, um es auszulöschen. Was sind das für Menschen, die das tun und auch noch Spaß daran haben? Gerade noch hatte ich gedacht, endlich hatte der Logos zum Onto, das Sein zum Wort gefunden, dann war es schon wieder vorbei. Totgeschossen. Entzweit. Und alles würde wieder so sein, wie es war. Nichts würde sich ändern. Es spielt keine Rolle ob Gott tot ist oder nicht. Aber den Logos vom Onto zu trennen, den Logos zu töten, das spielt eine Rolle. „Das Wort ist tot und wir haben es getötet“, schoss es mir, eingedenk des berühmten Nietzsche Zitates, durch den Kopf. So viel Hoffnung hatte ich gehabt, so viel Zuversicht und Vertrauen, und alles war ausgelöscht worden, von einem Moment zum anderen, ohne jeden Grund. Es gibt daran nichts zu verstehen, denn was kann man am Werk der bloßen Destruktivität verstehen? Und ich kniete in der Wiese, die Hunde um mich, die sich im Gras niedergelassen hatten und dem Raben in meiner Hand, während das Blut meine Finger benetzte. Da hopste Onto auf mich zu. Wollte er mich auf etwas aufmerksam machen? Wie so oft verstand ich ihn nicht gleich. Menschen sind so daran gewöhnt in Sprache zu kommunizieren, dass sie die einfachsten Gesten nicht verstehen. „Was willst Du mir zeigen?“, fragte ich stumm, als er auf meinen Arm flog und mit dem Schnabel das schwarze Gefieder seiner Gefährtin berührte.

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