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Life is too short for boring stories

„Du hast also Angst vor einem Mädchen?“, fragte Mike geradeheraus. Ja, Mic war gekleidet wie ein Mädchen, in Kleidchen mit rosa Accessoires. Ansonsten hätte sie gut in eine „Heart’n’Heavy“-Band gepasst, auch in ein Duo.

„Ich wollte schon so lange mit Dir darüber reden, aber ich wusste nicht wie“, sagte Mic niedergeschlagen, „Und dann habe ich Dir auch noch Angst gemacht.“

Plötzlich wurde so vieles verständlich, was vorher nicht gepasst hatte, seine weibliche Art der Kommunikation, die Art wie wir Sex hatten, seine Fürsorglichkeit. Es war einfach stimmig. Deshalb löste ich mich aus Mikes Umarmung und ging auf ihn zu, um ihn in die Arme zu nehmen. Es ist gut, die Wahrheit zu kennen.

Und die Wahrheit war ganz simpel. Mic fühlte sich schon lange nicht mehr wohl in seinem Körper, in sich. Aber er wusste nicht genau, wie er dieses Unwohlsein zuordnen sollte. Erst als ich ihm eines Tages eine Vorführung gab, wie wir es gerne machten, von den Kleidern, die ich erworben hatte, erkannte er, was er wollte. Er wollte eigentlich eine Frau sein. Deshalb begann er heimlich Frauenkleider zu tragen. Es war die einzige Zeit, in der das Unwohlsein verschwand. Doch er wusste nicht, wie es mir mitteilen, wie mir sagen, dass ich ihn als Mann verlieren würde.

„Du warst auch schon länger eher wie eine beste Freundin, als mein Mann“, gab ich zu bedenken, als er fertig erzählt hatte, „Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass Du glücklich bist. Das kannst Du nur sein, wenn Du Dich in Dir wohl fühlst.“

„Und was wird aus uns?“, fragte Mike, der sich bis jetzt nicht weiters eingemischt hat, „Ich meine aus unserer Band.“

„Als wenn das ein Problem wäre!“, erklärte ich fest, „Dann wird eben aus Michael Michaela und sogar der Name kann bleiben, ‚Mic’n’Mike‘.“

Zwei Monate später starten die beiden in veränderter Genderbesetzung und nachdem Mic immer schon eher feminine Züge gehabt hatte, war er zu einer sehr ansehnlichen Frau mutiert. Vielleicht ein wenig herb, aber hübsch. Es war ein Riesen-Spektakel, aber unserem Erfolg tat es keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, die Reaktionen waren – bis auf ein paar Ausnahmen – überaus positiv. Viele fanden dank Mic den Mut sich ebenfalls zu outen, um zu erleben, dass sie ihre Umgebung unterschätzt hatten. Am Ende des ersten Auftritts holte mich Mike zu ihnen auf die Bühne, zum ersten Mal in all den Jahren.

„Dieses Mädchen hier ist daran schuld, dass wir uns ganz auf unsere Musik konzentrieren können“, begann er mit seinem Lob und mit einer Ansammlung von Wörtern, die ich ihm nicht zugetraut hätte, „Es sieht niemand, aber ohne sie würde gar nichts laufen. Und ganz nebenbei ist sie die Frau meines Herzens“, damit wandte er sich mir zu, „Ich liebe Dich“, sagte er so, dass es alle im Saal hören konnten, hören mussten. Ich traute meinen Ohren kaum. Es war der Moment, in dem ich vor Glück nicht aus noch ein wusste. Es übermannte mich, trug mich und wiederum schwanden mir die Sinne und eine Woge brachte mich in eine Ohnmacht. Ich wusste Mike würde mich auffangen und halten. Und das tat er auch. Es war wunderbar. Ich hatte zwar meinen Mann verloren, aber eine beste Freundin gewonnen. Der Mann, der in mir schon so lange eine geheime Sehnsucht geschenkt hatte, hatte mir seine Liebe gestanden und die Band lief besser als je zuvor. Das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, als ich langsam wieder zu mir kam, auf der Couch in der Garderobe. Von da an konnte ich es kaum erwarten, dass wir uns endlich in unser Zimmer zurückziehen konnten.

Mike war ein Mann der Tat, das wusste ich bereits, doch sobald die Türe hinter uns geschlossen war, kam er ohne Brimborium zur Sache, stark und männlich und unverblümt. Es tat so gut, dieser starke Griff, dieses unmissverständliche Wollen, dass mir vor Erregung abermals die Sinne schwanden, und als ich wieder zu mir kam, spürte ich seinen muskulösen Körper nackt an meinem. Was für ein berauschendes Gefühl.

Und wer jetzt den Eindruck gewonnen haben mag, dass ich nichts anderes täte, als mir ständig die Sinne schwinden und in Ohnmacht fallen zu lassen, dem sei gesagt, dass solch eruptiven Ereignisse das sensible Gleichgewicht des emotionalen Innenlebens eines Mädchens ganz schön durcheinanderbringen können. Zum Glück geschehen sie nicht allzu oft, und wenn, dann steht mir eine Ohnmacht zu, am besten in Anwesenheit eines starken, männlichen Kavaliers.

2 Gedanken zu “Heart’n’Heavy (6)

  1. oma99 sagt:

    Interessanter Verlauf der Geschichte, direkt aus einem oder hier sogar mehrerer Leben, unter anderem dem meinen. Danke,
    auch wenn ich erst vor Rührung, dann vor Schrecken und jetzt ob der für mich im Abschluß sehr durchwachsenen Erinnerungen und Tatsachen weinen muß. Es ist bitter und doch wunderschön zugleich.

    Und ja, meine Botschaft an alle Transgender, die voller Zweifel über sich und ihre lieben Menschen sind:
    Macht etwas aus dem, was möglich ist, steht mutig zu Euch – und mancher geliebte Mensch entpuppt sich als eine besserere Freundin (oder Freund) – auch ohne Beziehung – als man sich jemals vorstellen könnte. Ich habe zwei der wundervollsten Menschen in meinem Leben als die wundervollsten Freundinnen und bin damit glücklich.

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Genau das wollte ich sagen. Man sollte den Menschen, die einem nahestehen mehr zutrauen, aber ich kann auch verstehen, dass es nicht leicht ist. Ich freue mich, dass die Geschichte so angekommen ist. Danke Dir, auch für Deinen sehr persönlichen Kommentar.

      Gefällt 1 Person

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