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Life is too short for boring stories

Angekommen an unserem Rückzugsort, Ort der Ruhe, des Sammelns, vielleicht auch ein wenig der Flucht vor der Welt, die uns zehn Monate in ihrem Bann gehalten hatte. Mic und ich bewohnten ein kleines Häuschen direkt neben Mikes am Ortsrand. Bleierne Müdigkeit senkte sich in dem Moment über mich, als ich die Autotür öffnete und ausstieg. Während des Fahrens hatte ich nichts davon bemerkt, doch jetzt, da ich mich nicht mehr konzentrieren musste, forderte der Körper sein Tribut. Der neue Tag brach bereits heran. Die Vögel zwitscherten und ich brachte es gerade noch fertig, die Burschen aufzuwecken, dann sank ich wie ein Stein ins Bett. Als ich aus einem todesähnlichen Schlaf erwachte, war es bereits später Nachmittag. Es dauerte eine Weile, bis ich realisierte, wo ich war. Endlich zu Hause.

„Guten Morgen!“, begrüßte mich Mic mit einem Augenzwinkern und einem flüchtigen Kuss, als ich ihn in der Küche fand, „Hast Du gut geschlafen?“

„Wie eine Tote“, gab ich zurück, während ich verstohlen in Richtung Töpfe schnupperte, „Was gibt es denn Gutes?“

„Curry-Gemüse-Wok“, erklärte er, „Ich dachte, ich mache was Einfaches.“

„Eine tolle Idee“, gab ich zurück, weil ich merkte, was für einen Hunger ich hatte, „Du ist es Dir recht, wenn ich heute Abend meine Mutter besuchen fahre, damit sie weiß, dass wir wieder da sind.“

„Klar ist mir das recht. Schau auf Deine Mutter, so lange Du eine hast“, sagte er leise, aber ich wusste, dass er es nie wirklich verwunden hatte, seine Mutter so früh verloren zu haben. Er war gerade mal 15 gewesen. Sanft schloss ich ihn in die Arme.

„Du hast recht“, meinte ich, während meine Hand durch sein Haar fuhr, „Man weiß es so oft nicht zu schätzen, bis es zu spät ist.“ Es ist gut, verstanden zu werden. Mic und ich verstanden uns immer, diskutierten alles aus. Das hatte mir von Anfang an gefallen, doch es gab auch Momente, in denen ich dachte, kannst Du bitte wie ein normaler Mann sein, verständnislos und einsilbig. Eine Frau, die alles zerredet und zerpflückt und zerkaut, ist ok, so lange es ein Korrektiv gibt in Gestalt eines Mannes, der diesem immer wieder Durchreden ein Ende setzt. Aber wenn beide so weiblich agieren, dann kann es manchmal schon mühsam werden. Eben wie bei einer besten Freundin. In den letzten Jahren war dieser Aspekt auch immer mehr in den Vordergrund getreten. Dennoch dachte ich nach wie vor, er ist eben, wie er ist und genau so wolltest Du es ja. Wollte ich, das stimmt schon, aber erst mit der Zeit wurde mir bewusst, was das bedeutete. Eine kleine, wilde Sehnsucht tauchte immer wieder auf, die nach einem Mann, der zupackte und nicht lange darüber redete, der tat und nicht erst alle Seiten zehn Mal betrachtete. Aber es war mir immer gelungen, diese Sehnsucht zu unterdrücken. Unwillkürlich fiel mein Blick durch das Küchenfenster, durch das ich zu Mikes Haus sehen konnte und da war sie wieder da, diese Sehnsucht, diese kleine, geheime Sehnsucht, die ich mir nicht zugestand, denn sie durfte nicht sein. Schmerzlich und süß zugleich war sie. Immer noch hielt ich Mic in meinen Armen, der sich an mich gekuschelt hatte, als würde er sonst verloren gehen. Würde er tatsächlich verloren gehen, ohne mich?

„Es geht schon wieder“, meinte er in dem Moment und schob mich von sich weg, „Lass uns was essen und dann solltest Du fahren, damit Du nicht zu spät kommst.“

„Bist Du Dir sicher? Ich kann auch morgen fahren“, sagte ich, ein wenig verunsichert, weil ich nicht überzeugt davon war, ob es gut war, ihn jetzt alleine zu lassen.

„Ja, ich bin mir sicher“, erklärte er mir und es klang überzeugend, „Ich werde die Küche aufräumen und dann in Ruhe ein Buch lesen. Da würdest Du mich sowieso nur stören.“ Damit küsste er mich auf die Wange und schob mich unmissverständlich in Richtung Türe.

„Na dann genieß den Abend“, meinte ich noch, schnappte meine Tasche und verließ das Haus. Kurze Zeit später stellte ich fest, dass ich mein Handy liegengelassen hatte. Deshalb wendete ich kurzerhand und fuhr wieder zurück. Als ich das Haus betrat war es merkwürdig still. Ich warf einen Blick in jedes Zimmer. Ich hätte nach Mic rufen sollen, so wie ich es gewohnt war, tat es aber aus irgendeinem Grund nicht. Zuletzt öffnete ich die Türe zum Arbeitszimmer, das sorgfältig verdunkelt war. Die einzige Lichtquelle war eine kleine Leselampe. Es dauerte einige Momente bis sich meine Augen an das diffuse Licht gewöhnt hatten. Und als ich Mic dann sah, so wie er war, da erstarrte ich vor Schreck und Überraschung. Ein Schrei wollte sich lösen, doch er blieb mir in der Kehle stecken. Ich konnte es einfach nicht fassen.

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